Cannes-Tagebuch Kot macht erfinderisch

Eimerweise Urin und Exkremente an den Wänden sind eine ganze eigene Art von Terror. Wie IRA-Gefängnisinsassen mit Fäkalien ihre Wärter in Haft nehmen, zeigt Steve McQueens brillantes Regiedebüt "Hunger".

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Vor einigen Wochen hatte ich einen Traum von Gilles Jacob, dem Alterspräsidenten der Festspiele von Cannes. Er trug eine Brille und ein Toupet, doch ansonsten sah er aus wie immer. Er stellte der Weltpresse das Programm des 61. Festivals vor, mit leiser und etwas leiernder Stimme. Die Journalisten machten sich eifrig Notizen. Plötzlich hielt Jacob inne. Dann richtete er sich auf und blickte in die Runde. Alle sahen ihn an. "Ich verachte diese ganzen Spezialeffekte-Spektakel", stieß er hasserfüllt aus und wurde auf einmal sehr laut.

Filme müssten rau sein und hart, fügte er hinzu und drehte sich um. Nun stand er mit dem Rücken zu den Journalisten, die einander verwirrt ansahen. Dann schlug er mit dem Kopf gegen die Wand, einmal, zweimal, dreimal, immer wieder, bis sich langsam ein roter Fleck auf dem Putz bildete. Heute, etwa sechs Wochen später, begreife ich, was Jacob in meinem Traum damit meinte und wogegen er tatsächlich schlug: gegen eine Gefängnismauer.

Knast statt Bombast heißt in diesem Jahr die Devise des Festivals. Nach dem Eröffnungsfilm "Die Stadt der Blinden" und dem argentinischen Wettbewerbsbeitrag "Leonera" spielt auch "Hunger", Steve McQueens Drama über inhaftierte IRA-Terroristen in den achtziger Jahren, fast komplett hinter Gittern. In Einstellungen, so karg wie die Kerker, zeigt der gefeierte Video-Künstler McQueen in seinem Regiedebüt den Kampf der Inhaftierten, die als politische Gefangene anerkannt werden wollen.

Immer wieder findet McQueen für ihren Widerstand neue, eindringliche Bilder. Wenn die Männer in einer konzertierten Aktion gleichzeitig den Inhalt ihrer Urinschüsseln unter den Türen durchgießen, verweilt der Blick der Kamera auf dem Boden des Zellenblocks und zeigt, wie die Flüssigkeiten zusammenfließen – und die Männer, durch Wände getrennt, über ihre Körperausscheidungen vereint werden.

Mit ihrem eigenen Kot bemalen sie die Wände und schaffen auf diese Weise so körperliche wie abstrakte Werke. Wenn ein Wärter diese Bilder mit einem Schlauch entfernt, wirkt dies wie eine überfällige hygienische Maßnahme und wie ein rüder Akt von Kunstschändung. In diesem Zwiespalt zu den IRA-Kämpfern hält McQueen die Zuschauer bis zum Ende seines Films.

"Mein Leben ist ein Gefängnis!"

Man kann gut verstehen, wenn die Wärter den stinkenden Gefangenen, die sich seit Wochen nicht gewaschen haben, die verfilzten Haare vom Kopf scheren. In diesem Film ist manchmal ein Terrorregime der Gefangenen über ihre Bewacher zu spüren. Doch wenn dann im letzten Drittel des Films in qualvoller Länge gezeigt wird, wie sich der inhaftierte Bobby Sands (Michael Fassbender) zu Tode hungert, ist der Zuschauer von dieser Agonie schwer mitgekommen – vielleicht gerade deshalb, weil er nicht weiß, ob es Überzeugung oder Fanatismus war, die den Mann zu dieser Selbstaufgabe trieb.

"Hunger" läuft in der Nebenreihe "Un Certain Regard", und für die gewannen Gilles Jacob und sein Programchef Thierry Frémaux als Jurypräsidenten einen Mann, der weiß, wie hart Mauern sein können: "Gegen die Wand"-Regisseur Fatih Akin. Im Wettbewerb dagegen war heute der erste französische Beitrag zu sehen: das Familiendrama "Un Conte de Noël" von Arnaud Desplechin. "Mein Leben ist ein Gefängnis!" ruft einer der Akteure einmal aus, und ein anderer klettert heimlich aus dem Fenster, um seinen Verwandten zu entkommen.

Die Familie, die kleinste Zelle der Gesellschaft mit den engsten menschlichen Beziehungen, kann zu Beklemmungen führen. Zumal dann, wenn – wie in Desplechins etwas wirrer Geschichte – ständig jemand schwer erkrankt und dringend einen Knochenmarkspender braucht. So gerät das Weihnachtsfest der Familie Vuillard (die unter anderem von Catherine Deneuve, Mathieu Amalric und Melvil Poupaud gespielt wird) zu einer Form medizinischer Sippenhaft – und der Film zu einer seltsamen Mischung aus Komödie und Rührstück.

Fragile Familien

Von einer Familie, die aus den Fugen gerät, weil der Vater ins Gefängnis geht, erzählt der türkische Regisseur Nuril Bilge Ceylan in seinem Wettbewerbsbeitrag "Üç Maymun". Dabei ist Eyüp (Yavuz Bingöl) nicht mal schuldig. Er geht anstelle eines Politikers, der Fahrerflucht begangen hat und nun um seine Karriere fürchtet, in den Knast – gegen Geld.

Vor allem die großartige Hauptdarstellerin Hatice Aslan als Eyüps Frau Hacer zieht den Zuschauer mitten in dieses packende Familiendrama hinein, in dem wenig geredet und viel verschwiegen wird. "Üç Maymun" ist ein Spionagefilm unter Blutsverwandten.

Nur der Zuschauer weiß alles, er sieht den Figuren dabei zu, wie sie einander beobachten und versuchen, ihre Geheimnisse voreinander zu verbergen. Das ist überaus spannend und bewegend. Als Hacer sich am Ende von einer Terrasse in die Tiefe zu stürzen droht, schneidet Ceylan genau in dem Moment auf eine extreme Großaufnahme der Augen ihres Mannes. In ihnen versuchen die Zuschauer verzweifelt zu lesen, ob die Liebe zu seiner Frau seinen Hass überwiegt.

So richtig unbeschwert gute Laune kam also auch bei "Üç Maymun" nicht auf. Doch gegen das drohende Stimmungstief hat die Stadt Cannes sich schon vor dem Festival gewappnet. Am Ende der Croisette wurden fast mannshohe Nachbildungen fröhlicher Filmfiguren wie dem Oger aus "Shrek" mit seiner Frau Fiona aufgestellt. Fionas Kopf ist ausgeschnitten, so dass der vorübereilende Passant seine eigene Visage in das Loch halten kann. Am Fuße dieser Figuren ist ein Schild angebracht, auf dem steht: Lächeln Sie, Sie sind in Cannes!



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