Cannes-Tagebuch Lächeln verboten!

Ein rumänisches Abtreibungsdrama ist bislang die erfreuliche Überraschung im Wettbewerb von Cannes. Ansonsten: Schlechte Laune auf den Boulevards der Stadt und eitles Gepose in den Kinosälen.

Aus Cannes berichtet


Keine Wolke am Azurhimmel, im grellen Sonnenschein Unmengen schöner junger Frauen mit riesigen Sonnenbrillen und ältere Herrschaften mit teurem Schmuck auf brauner Haut - und trotzdem erwischt man sich, kaum hat man die erste Viertelstunde des rumänischen Wettbewerbsfilms "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" gesehen, bei dem Gedanken, dass Cannes unter dem Festivalpräsidenten Gilles Jacob durchaus ein paar Dinge gemein hat mit dem Rumänien unter Ceaucescu. Denn wo viele Leute sich um knappe Güter und ein bisschen Spaß und Luxus streiten, da herrschen die hässlichen Geißeln der Mangelwirtschaft: Die Menschen verschließen ihre Gesichter und ihre Seelen unterm Beton der Gleichgültigkeit und einer scheinbar immerwährenden schlechten Laune.

Man erlebt in diesen Tagen an der Croisette zum Beispiel, wie die in schickes Hellbraun gewandeten Kontrolleure rund um den Festivalpalast voller Verachtung hübsche Mädchen und andere lustige Zaungäste anschnauzen, weil sie sich zum roten Teppich drängeln. Man ist dabei, wenn wartende Kinofans vor dem neuen, extra zum 60. Jubiläum der Filmfestspiele eingerichteten Vorführzelt auf dem Dach des Palais nach einstündiger Wartezeit gnadenlos und ohne ein Wort des Bedauerns weggeschickt werden. Man staunt, wie unfassbar genervt der Schriftsteller Orhan Pamuk, vermutlich das schlaueste Mitglied der diesjährigen Cannes-Jury, morgens um elf aus dem herabgelassenem Fenster seiner Limousine auf die herumflanierenden und den Verkehr blockierenden Menschenmassen blickt. Klar, die Welt ist böse und das Leben hart, aber was zur Hölle verschenkt man schon mit einem Anflug von nettem Benehmen?

Wer weich wird und Schwäche zeigt, der ist verloren, davon handelt "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage", der Film des Rumänen Cristian Mungiu. Es geht, wie der Titel schon ahnen lässt, um eine schwangeres Mädchen, das im spätkommunistischen Rumänien der achtziger Jahre verbotenerweise ihr ungeborenes Kind abtreiben lassen will. Die schüchterne Gabita bittet Otilia um Hilfe, mit der sie ihr Zimmer im Studentinnenwohnheim teilt – und sorgt durch ihr Zaudern dafür, dass die beiden von einem Abtreibungsquacksalber in einem Hotelzimmer ekelhaft erpresst werden: Beide Mädchen müssen mit dem alten Sack schlafen, bevor er Gabita ein Mittel zur Austreibung des Fötus verabreicht.

Mitleidloser Handel

Die Kunst von Mungius Film besteht in seiner Klarheit und erzählerischen Nonchalance. In ruhigen, konzentrierten Bildern zeigt er erstmal den Tausch- und Schwarzhandel im Studentinnenwohnheim, wo die Mädchen emsig, und immer um den eigenen Vorteil bedacht, mit Flakons, Milchpulver und Zigaretten dealen. Der verschärft mitleidlose harte Handel findet an der Rezeption des Luxushotels statt, bis Otilia endlich ein Zimmer für die Abtreibung ergattert. Und die Steigerung zur brutalstmöglichen Feilscherei liefert dann die Nötigung durch den mal brüllenden, mal schmeichelnden Sex-Erpresser oben auf dem Hotelzimmer.

Die Bilder der zweifachen Vergewaltigung erspart der 1968 geborene Regisseur Mungiu den Zuschauern, dafür sieht man in der härtesten Szene des Films den blutigen Fötus auf dem Badezimmerboden liegen. "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" klagt niemand an, auch wenn gegen Ende das Mädchen Otilia noch ausspricht, dass gedankenlose, maulfaule Männer junge Frauen in derart furchtbare Situationen bringen. Im wesentlichen aber vertraut Mungiu auf die Geschichte und die Gesichter seiner Darstellerinnen Laura Vasilia und Anamaria Marinca, und das macht diesen Film ohne Fisimatenten und große Kunstanstrengungen zum bisherigen Kritikerliebling im noch ziemlich am Anfang stehenden Wettbewerb um die Goldene Palme.

Eitle Fingerübung

Was für eine eitle, manierierte und höchstens mittelcharmante Fingerübung ist dagegen "Les Chansons d'Amour", der Wettbewerbsbeitrag des bretonischen Franzosen Christophe Honoré! Der 1970 geborene Filmemacher, der für den auch schon schwer gezuckerten Film "Inside Paris" voriges Jahr viel Kritikerlob bekam, huldigt mit seinem Melodram um den plötzlichen Tod des blonden jungen Mädchens Julie (Ludivine Sagnier) allerlei Heiligen des französischen Kinos. Der wichtigste ist Jacques Demy, denn wie Demy in Klassikern wie "Die Regenschirme von Cherbourg" lässt auch Honore seine Schauspieler immer wieder Schlager singen. Leider ist die Musik nicht besonders gut und oft schlimmer Kitsch. Auch die Story um den jungen Juden Ismael (sieht toll aus: Louis Garrel) und dessen amouröse Abenteuer vor und nach dem Tod der blonden Julie, die seine Freundin war, quietscht und geigt und säuselt (wie die Musik) an allen Enden – bis Ismael endlich mit einem Jungen ins Bett steigt: Beim Sex der beiden Buben zeigt Honore endlich die Leidenschaft und das Interesse, das der Film sonst vermissen lässt.

Apropos nix wollen, aber dafür viele prachtvoll eitle Bilder sammeln: Die traditionsreiche Nebenreihe "Quinzaine des Realisateurs" durfte der bekannte niederländische Musikerfotograf Anton Corbijn (U2, Herbert Grönemeyer, etc.) mit "Control" eröffnen. Es ist sein Spielfilmdebüt mit nun auch schon 52 Jahren, und wie bei Corbijn, diesem Priester der Pseudocoolness, zu erwarten, handelt es sich um einen Schwarzweißfilm, in dem übrigens in einer Nebenrolle Alexandra Maria Lara mitspielen darf. Angeblich geht es in "Control" um das Leben des Musikers Ian Curtis, der in Manchester aufwuchs, mit der Band Joy Division ein paar großartige Lieder aufnahm und sich 1980 mit 23 Jahren umbrachte. In Wahrheit geht es in diesem Film um nichts. Man sieht nur typische, total erwartbare Corbijn-Bilder. Ob der Ian-Darsteller im Jugendzimmer vor dem Spiegel hampelt, ob er Drogen einwirft oder mit Frau im Arm vor einer Konzerthalle herumlungert, in der angeblich David Bowie auftritt: Der Film ist ein einziges (nicht mal echt musikbegeistertes) Gepose.

Schöne Menschen und ein archaisches Drama

Dann schon lieber zurück in den Wettbewerb, wo der Russe Andrej Zviagutsev mit "Die Verbannung" an sein wunderbar pathetisches Vater-Sohn-Drama "Die Rückkehr" von 2003 anknüpft. Irgendwo auf dem Land, in einer kahlgefegten Natur beziehen eine schöne Frau (Maria Bonnevie) und ihr schöner Mann (Konstantin Levronenko) mit ihrem schönen Jungen und ihrem schönen Mädchen ein verlassenes Landhaus. Als die Kinder zu Bett gegangen sind, gesteht die Frau ihrem Gatten, dass sie ein drittes Kind erwartet – von einem anderen. Ein, wie’s scheint, archaisches Drama.

Der Mann geht weg, sinnt mit seinem mafiösen Verbrecherbruder auf Mord, kehrt zurück und zwingt die Frau dann zu einer Abtreibung. Das ist schon fast die ganze Geschichte. Der 1964 geborene Regisseur aber zelebriert sie mit einer heiligen Inbrunst und biblischen Wucht, mit schwelgerischen Naturbildern und dröhnenden Chorälen, die manche Kritiker hier in Cannes während der Pressevorstellung mit Hohngelächter quittierten. Völlig zu Unrecht. Denn genau das ist ja Zviagutsevs Thema: Sein Film handelt davon, dass Männer unfähig sind, über ihre Gefühle zu reden, ja sie überhaupt wahrzunehmen. Lieber verstecken sie sich hinter einer kalten, schlecht gelaunten Lässigkeit und richten damit oft bösen Schaden an – und damit sind wir schon wieder bei den Umgangsformen auf den Straßen der Festivalstadt Cannes.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.