Cannes-Tagebuch Michaels Märtyrer-Show

Michael Moore weiß, wie man Massen mobilisiert: Für seinen neuen Film "Sicko" gab es nach der Pressevorführung Jubel. Er selbst inszenierte sich gekonnt als bescheidener Märtyrer. Leiser und lakonischer zeigen die Coen-Brüder die Verkommenheit der Welt.

Aus Cannes berichtet


Was wäre Cannes ohne das amerikanische Kino, fragte ein verzückter Kollege gestern Abend nach der Pressevorführung von "No Country for old Men", dem neuen Film der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen. Nach drei Tagen eher durchwachsener Kost kann man sagen: Recht hat er. Und seit heute morgen muss man sogar ergänzen: Was wäre Cannes ohne das amerikanische Kino und Michael Moore?

Michael Moore in Cannes: Den Hintern aus dem Kinosessel heben
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Michael Moore in Cannes: Den Hintern aus dem Kinosessel heben

Der streitbare und umstrittene Dokumentarfilmer aus Flint, Michigan, gewann hier vor zwei Jahren mit "Fahrenheit 9/11" die Goldene Palme, was also liegt näher, als seinen neuen Film ebenfalls an der Cote d'Azur zu präsentieren? "Sicko" heißt das natürlich wieder schamlos aufrüttelnde Werk, in dem sich Moore tief in den Morast des amerikanischen Gesundheitssystems wühlt. Seine Botschaft: Die Privatisierung der Krankenversicherungen ist übel, weil die Kassen sich nicht um die Gesundheit ihrer Patienten scheren, sondern sich nur um ihren Profit und das Wohlergehen ihrer Shareholder kümmern. Mit launigen Ausflügen nach Kanada, England und Frankreich deckt Moore auf, dass die in den USA von Politikern so geschmähte Staats-Versorgung gar kein kommunistisches Teufelswerk ist. Überraschung: In anderen Ländern, die nicht so toll sind wie die Vereinigten Staaten, geht es den Menschen besser, sie sind rundum versichert, zahlen nichts oder wenig dafür und leben länger.

"Sicko", der in Cannes uraufgeführt wird, wäre kein Michael-Moore-Film, wenn er nicht die üblichen groben Vereinfachungen enthielte, für die der Filmemacher seit neuestem sogar aus den eigenen Reihen angefeindet wird. Der von zwei aufrecht enttäuschten amerikanischen Linken gedrehte Dokumentarfilm "Manufacturing Dissent", der zurzeit auf Festivaltour ist, knöpft sich an Michael Moores Filmen alles vor, was suggestiv, manipulativ, vereinfachend oder schlicht unwahr ist - und damit natürlich unjournalistisch.

So lässt Moore eine ganze Armada Geschädigter durch seinen Film paradieren, die tränenreich und sorgenvoll über ihre Erfahrungen mit Krankenkassen sprechen. Tenor: Man zahlt sich dumm und dämlich und bekommt trotzdem keine Leistungen. Sehr plakativ ist das Beispiel eines Mannes, der bei einem Unfall zwei Fingerkuppen verliert. Seine Versicherung stellt ihn vor die Wahl: Entweder den Mittelfinger reparieren - für 60.000 Dollar, oder den Ringfinger - für 12.000 Dollar.

In Kuba ist alles viel besser

Moores größte Trümpfe aber sind drei ehemalige Hilfskräfte vom 11. September 2001, die durch ihren Einsatz am Ground Zero zum Teil schwerste Erkrankungen davongetragen haben, von ihren Krankenversicherungen aber ebenfalls links liegen gelassen werden. Moore lädt die drei Helden der Nation auf ein Boot und fährt mit ihnen Richtung Kuba, weil er herausgefunden hat, das al-Qaida-Verdächtige im Gefangenen-Lager Guantanamo eine bessere Gesundheitsversorgung bekommen als der gemeine US-Bürger. Am Ende landet er mit seinen Schützlingen in einem kubanischen Krankenhaus (Moore: "In diesem von der Regierung verteufelten Drittweltland"), wo die Patienten eine so übertrieben fürsorgliche Behandlung erfahren, dass man Fidel Castros PR-Berater förmlich vor sich sieht, wie sie breit grinsen und sich ob des gelungenen Coups die Hände reiben: Viva la revolucion!

Nun mag man Moore für seine Art und Weise zu Recht verteufeln, aber am Ende muss man doch akzeptieren, dass seine Filme - und er selbst - als Gesamtkunstwerk ganz prächtig funktionieren. Bei der Pressevorführung heute morgen im Festivalpalais hielt es die versammelten Kollegen kaum in den Sitzen vor lauter Begeisterung. Der gewohnt scharfe Sarkasmus, mit dem Moore aus dem Off kommentierte, sorgte gleich mehrmals für Szenen-Applaus. Überhaupt bekam "Sicko" von allen bisher auf dem Festival gezeigten Filmen den längsten und kräftigsten Beifall. Und das, obwohl er die Presse gleich morgens um 8.30 Uhr in der ersten Szene mit einem armen Amerikaner konfrontiert, der sich seine klaffende Kniewunde selbst zunähen muss - weil er zu den Millionen US-Bürgern zählt, die sich noch nicht einmal eine der schlimmen Versicherungen leisten können. Schauriger haut's einem keiner um die Ohren als Michael Moore. Schöner aber auch nicht.

Bei der anschließenden Pressekonferenz ging es natürlich erst einmal um die Vorwürfe der amerikanischen Heimatschutzbehörde gegen Moore, er habe mit seiner Reise nach Kuba die Embargo-Bestimmungen verletzt. Moore selbst, der diesen Teil seines Films im Herbst letzten Jahres fertig stellte, vermutet hinter der zeitlich auf das Festival abgestimmten Anzeige der Behörde eine Strategie, ihm zu schaden.



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