Cannes-Tagebuch Das Herz, freigelegt von Haut und Knochen

Der Anschlag von Manchester hat Cannes schockiert. Zum Glück reagiert das Festival mit dem Besten, was es zu bieten hat: Kunstwerken, die das Herz für andere Menschen öffnen.

Wettbewerbsfilm "Hikari" (mit Ayame Misaki, Masatoshi Nagase)
Comme des Cinémas/ Kumie/ Festival de Cannes

Wettbewerbsfilm "Hikari" (mit Ayame Misaki, Masatoshi Nagase)

Aus Cannes berichtet


Am Dienstagnachmittag um 15 Uhr hält Cannes eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags von Manchester ab. Ob sich der Wirbel vor dem Festivalpalast für diese Zeit gelegt hat? Ob die Fotografen am roten Teppich ihr Rufen nach den Stars eingestellt haben? Wir wissen es nicht. Um 15 Uhr sitzen wir wie die meisten Besucher im Kino und schweigen eh.

Als leere Geste kann man dem Festival die Schweigeminute trotzdem nicht vorwerfen. Die einzige Geste von Gewicht, die ein Filmfestival in Zeiten des Terrors erbringen kann, ist es, Filme zu zeigen, die Verständigung ermöglichen und Mitgefühl stärken. Cannes gelingt das in diesen Tagen.

"Hikari" ("Radiance") von Naomi Kawase (Wettbewerb) beginnt mit der schönsten Anfangsszene des Festivals. Die Kamera gleitet über eine betriebsame Straße in einer japanischen Stadt. Eine weibliche Stimme zählt auf, was sie sieht: einen Geschäftsmann, der zu einem Termin eilt; eine Frau, die mit sich selbst spricht; ein Haus mit traditionellen japanischen Dachziegeln im Hintergrund.

Noch bevor man sich fragt, wer die Frau ist und warum sie die Szenerie beschreibt, ist man in dem Gedankenspiel gefangen, was man selbst an Details wahrgenommen hat und was man in seinen eigenen Beschreibungen hervorheben würde.

Dieses Gedankenspiel, erfahren wir sodann, ist die Arbeit der Frau, die wir nun auch zu Gesicht bekommen: Misako (Ayame Misaki) verfasst Audiobeschreibungen für Sehbehinderte. Vor einer Testgruppe mit Nichtsehenden liest sie den ersten Entwurf ihrer Schilderung eines Liebesdramas vor. Die Gruppe reagiert ablehnend: Misako hat zu viele Details und zu viele Deutungen der Szenen geliefert.

Daraufhin nimmt ihre Supervisorin sie zur Seite: Nichtsehende hätten ein großes Vorstellungsvermögen, erklärt sie. Um ihnen einen Film nahezubringen, müsse man diese Fähigkeit respektieren und ihnen genug Raum für ihre eigenen Interpretationen lassen. Misako setzt sich an eine neue Version, diesmal mit einer speziellen Person im Hinterkopf. Sie möchte ihren härtesten Kritiker in der Testgruppe, den erblindenden Fotografen Masaya (Masatoshi Nagase), von ihren Fähigkeiten überzeugen - und ihn womöglich auch verführen.

Ein Erzählstrudel, dem man nicht entkommen kann

Verblüffend direkt benennt Kawase in "Hikari" die Herausforderung, der sich alle Regisseurinnen und Regisseure stellen müssen, die in einen wirklichen Austausch mit ihrem Publikum treten wollen: Sie dürfen dessen Fantasie nicht unterschätzen und sich in den entscheidenden Momenten zurücknehmen. Womöglich ist es kein Zufall, dass dieser sanfte Angriff auf das Ego-Kino von Regiegroßmeistern von einer Frau kommt. Der Kontrast zu den oktroyierenden Wettbewerbsfilmen von Yorgos Lanthimos, Andrej Tvjagintsev oder, diesmal mit Abstrichen, Michael Haneke, die vor allem einen Erzählstrudel kreieren wollen, dem man nicht entkommen kann, könnte jedenfalls nicht größer sein.

Kawase macht sich dadurch angreifbar, ihr Vertrauen darauf, dass das Publikum ihre emotionale, auf Verständigung ausgelegte Art des Filmemachens schätzen wird, ist riskant. Einige Verrisse von "Hikari" gab es in den Branchendiensten auch schon. Wer Kawases Durchlässigkeit zu schätzen weiß, wird in dem Film aber etwas Einfaches, Grundlegenderes, zutiefst Poetisches entdecken. Denn was für Filmemacher gilt, gilt auch für Menschen allgemein. Wer sich zurückzunehmen weiß und dem anderen seine Eigenständigkeit zugesteht, eröffnet einen Raum, in dem alles möglich ist - nicht zuletzt, wie Kawase auch zeigt, die Liebe.

13 Geflüchtete und ein Grenzpolizist

Vielfach unsubtiler wirbt Oscargewinner Alejandro G. Inárritu ("The Revenant") in seiner Virtual-Reality-Installation "Carne Y Arena" ("Fleisch und Sand"), die im Rahmen des Festivals gezeigt wird, um Empathie. Der gebürtige Mexikaner, der seit langem in Los Angeles wohnt, schickt sein Publikum in das Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko. In einer dunklen, windumtosten Nacht, mit knirschendem Wüstensand unter den Füßen, tauchen nach und nach Menschen neben einem auf, manche haben kleine Kinder dabei, andere sind allein unterwegs. Plötzlich erklingt der Lärm von Hubschraubern, Lichtkegel fallen auf die Geflüchteten. Wird sich jemand dem Zugriff der Grenzpolizei entziehen können?

VR-Bild aus "Carne Y Arena"
Festival de Cannes

VR-Bild aus "Carne Y Arena"

Schlagartig verändert sich die Szenerie: Ein langer Tisch steht nun in der nächtlichen Wüste. Eine Frau sitzt daran und singt ihrem Kind ein Schlaflied. Ein anderes Kind schaut gespannt auf ein kleines Boot, das plötzlich wie ein Spielzeug über den Tisch gleitet. Das Boot ist überladen, Menschen fallen ins Meer.

Wie das Kind starrt man gebannt auf die Katastrophe, die sich hier im Kleinen abspielt. Eingreifen kann man nicht, weder hier noch in der Situation zuvor. Die VR-Ausstattung lässt nur eine direkte Interaktion zu: Auf Anraten des Personals, das die Installation begleitet, soll man versuchen, sich direkt in die Köpfe der Menschen zu begeben. Nimmt man das wörtlich und lehnt sich in ihren headspace vor, pocht plötzlich ein von Haut und Knochen freigelegtes Herz vor einem.

Sechseinhalb Minuten dauert dieses Spektakel, das man in einem Flugzeughangar 20 Autominuten vom Festivalzentrum entfernt erleben kann, an. Viel mehr Zeit nimmt danach die Lektüre der Geschichten ein, die in einem anschließenden Raum in kurzen Videoinstallationen festgehalten sind. 13 Geflüchtete und ein Grenzpolizist erzählen hier von ihren Erlebnissen an der Grenze.

Sie sind auch die Menschen aus der Wüste: Auf der Grundlage ihrer individuellen Erlebnisse hat Inárritu zusammen mit Kameramann Emmanuel Lubetzki ("Gravity", "The Revenant") "Carne Y Arena" entwickelt, für den VR-Teil der Installation haben die Geflüchteten das Erlebte nachgestellt.

Grenzkontrollen an der US-mexikanischen Grenze
DPA

Grenzkontrollen an der US-mexikanischen Grenze

Bei allem Aufwand, den Inárritu und Lubetzki in der vier Jahre dauernden Entwicklung ihres Projekts betrieben haben, ist der VR-Teil dennoch der uninteressanteste. Erst die Videoinstallationen ermöglichen echte Einblicke in die Schicksale der Geflüchteten. Einzelne Details springen heraus: Eine Frau erzählt, wie froh sie war, als sie als Letzte einen Lastwagen erreichte, der sie weiterschmuggeln sollte. Darin waren die Menschen wie Holzklötze aufeinander gestapelt. Als Letzte hatte sie das Glück, ganz obenauf zu liegen. Gleichzeitig schält sich eine Gemeinsamkeit in dem Geschilderten heraus: Alle, die die Flucht gewählt haben, haben es aus der Überzeugung heraus getan, Verantwortung zu übernehmen - für ihr eigenes Leben und das ihrer Familien.

Braucht es da noch das Spektakel der virtual reality? "Carne Y Arena" wurde von der Filmfirma Legendary Entertainment und der Fondazione Prada finanziert, im Anschluss an Cannes wird die Installation in den Ausstellungsräumen der Modelabel-Stiftung in Mailand zu sehen sein. Schwer vorstellbar, dass es ähnlich viel Geld und Aufmerksamkeit für eine einfache Ausstellung mit Berichten von Refugees gegeben hätte - ohne Starregisseur und filmischen Schnickschnack.

Doch ist dies letztlich das Prinzip von Cannes und Filmfestivals überhaupt: Manchmal müssen sie unglaublich viel Aufwand betreiben, um etwas so Einfaches wie Mitgefühl zu erzeugen.



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gabrieljuge 24.05.2017
1. Die Japaner...
...machen meiner bescheidenen Meinung aktuell sowieso mit die besten Filme auf der Welt. Ich bin gespannt, ob "Hikari" dort hinzu kommt.
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