Cannes-Tagebuch Rohrfrei für alle!

Das Festival in Cannes biegt auf die Zielgerade ein. Während eine neue Schlechtwetterfront im Anzug ist, darf im Kino endlich gelacht werden: in Paolo Sorrentinos Epos "Il Divo" über Giulio Andreotti - und in Charlie Kaufmans Regiedebüt "Synecdoche, New York".

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier


In Cannes wachsen die Fingernägel schneller als an jedem anderen Ort auf der Welt. Vor genau einer Woche habe ich sie mir geschnitten, heute sind sie schon wieder fällig. An der Sonne kann das nicht liegen, denn die hat in diesem Jahr nur selten geschienen. An der proteinhaltigen Ernährung auch nicht, denn mehr als anderthalb Mahlzeiten pro Tag schaffe ich nicht.



Nein, ich glaube, der wahre Grund ist: Mit zunehmender Dauer des Festivals wächst das Bedürfnis, ständig die Krallen auszufahren. Immer wieder tritt einem jemand auf die Schuhe, rammt einem die Ellenbogen in die Seite, wird man bei stets heillosem Gedrängel vor den Kinos zusammengequetscht, dass einem die Luft wegbleibt. Auf engstem Raum wird einem hier der Artgenosse zum Todfeind. Ist der Franzose, der ja auch armen Fröschen die Schenkel ausreißt, um sie zu essen, also ein großer Freund der Massenmenschhaltung?

Sanitär prekär

Nein, um Gottes Willen! Vielmehr lassen die Verantwortlichen des Festivals nichts, aber auch gar nichts unversucht, damit sich die Filme, die auf der Leinwand gezeigt werden, möglichst weit ins Leben verlängern. Erzählen die Regisseure in diesem Jahr nicht immer wieder von Gefängnissen und Knechtschaft? Zeigen sie nicht in kompromissloser Härte, dass der Mensch des Menschen Wolf ist?

Wenn das Festival also die Journalisten wie Vieh ins Kino treibt, wenn auch die hochnäsige Edelfeder zum gepeinigten Schreibsklaven auf der Galeere Cannes erniedrigt wird, so ist das nichts anderes als Aufklärung im Dienste der Menschlichkeit. Das Leiden unter den Palmen soll uns, den Wohlstandsbürgern und Luxusgeschöpfen, zumindest eine Ahnung davon geben, wie sich das Leben in einem heruntergekommenen philippinischen Kino anfühlt.

Wenn also die Toiletten in Salle Debussy des Festivalpalais im Laufe das Tages so versiffen, als würden hier die Dreharbeiten von "Trainspotting 2: Life Is Shit" vorbereitet, ist das kein Ausdruck von Nachlässigkeit. Ganz im Gegenteil: Denn noch nie erzählten so viele Filme in Cannes von wirklich gravierenden Sanitärproblemen.

In dem brasilianischen Film "Linha di Passe" von Walter Salles und Daniela Thomas kämpft eine tapfere Mutter für ihre Söhne, die zwar genial Fußball spielen können und mit Gott per Du sind, aber um ihren dauernd schwer verstopften Abfluss in der Küche schert sie sich einen feuchten Dreck. In dem philippinischen Film "Serbis" von Brillante Mendoza spurt der Filius besser und macht sich daran, eine von Urin überschwemmte Toilette zu reinigen. Ist aber eine saumäßige Arbeit. Vergessen wir also die hohlen Freiheitsparolen des Berufsrevolutioners Che in Steven Soderberghs Film: Mit "Rohrfrei" wäre den Armen und Unterdrückten dieser Welt offenbar besser gedient.

Tragikomödie, Alter!

Auch in New York ist der Sanitärbereich geradezu lebensgefährlich, ins Bad zu gehen. In Charlie Kaufmans Film "Synecdoche, New York" fliegt dem von Phillip Seymour Hoffman gespielten Theaterregisseur Caden ein Teil der Armatur ins Gesicht, als er sich über das Waschbecken beugt – und hinterlässt auf seiner Stirn eine klaffende Wunde. Davon wird er sich nie wieder erholen: Caden altert fortan rasend schnell. Tatsächlich ist dem Drehbuchautor Kaufman ("Adaption", "Eternal Sunshine of the Spotless Mind") eine manchmal etwas verwirrende, teilweise aber auch sehr bewegende Tragikomödie über einen Mann gelungen, der aus seinem Bad steigt wie aus einem umgekehrten Jungbrunnen.

Mit sehr viel Humor widmet sich Kaufman anfangs seinem hypochondrischen Helden, der sich angst- und hingebungsvoll jedem seiner Wehwehchen hingibt, bis sich der körperliche Verfall erschreckend beschleunigt, sich Cadens dauerndes Gerede von Altern, Tod und Einsamkeit immer mehr bewahrheitet. Schreiend komisch ist dieser Film und tief traurig zugleich.

"Synecdoche, New York" ist die Tragödie eines lächerlichen Mannes, der versucht, sein eigenes Lebens zu fassen zu bekommen, indem er es auf der Bühne nachinszeniert, und der mit diesem größten Mammutwerk seines künstlerischen Schaffens nie fertig werden kann, solange er lebt. Einen riesigen Hangar füllt Caden am Ende mit seiner detailgenau nachgebauten Lebenswelt – und fühlt sich darin leerer denn je.

Baden im Schmutz

Lässt Kaufmans Film das Lachen des Zuschauers ersterben, so ist Paolo Sorrentino mit seinem Film "Il Divo" über den früheren italienischen Regierungschef Giulio Andreotti eine amüsante Groteske gelungen. Sorrentinos Polit-Epos wirkte im Wettbewerb auch deshalb wie eine Befreiungsschlag, weil er als erster Film seit Ari Folmans "Waltz with Bashir" den Mut zur Stilisierung hatte, statt das Publikum mit schmucklosem Realismus zu konfrontieren.

Hauptdarsteller Paolo Servillo wirkt mit seinem maskenhaften Gesicht und seinen eckigen Bewegungen bisweilen wie eine Puppe aus der britischen Satiresendung "Splitting Image" – und doch kommt die Figur dem Zuschauer menschlich weit näher als Che Guevara in Soderberghs viereinhalbstündigem Film.

Im WC lauert freilich auch in "Il Divo" der Schrecken: Hier erscheint dem Helden sein ermordeter Parteifreund Aldo Moro, an dessen Tod sich Andreotti schuldig fühlt. Das Bad ist in Cannes in diesem Jahr eben ein Ort des Schmutzes, des äußern wie des inneren.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.