Cannes-Tagebuch Tortur de France

Während das blendende Wetter sich dem Ende nähern soll, stürzt ein südkoranischer Film die Zuschauer abermals in tiefe Depression, so dass die Star-Riege von "Ocean’s 13" sogar mit schalen Scherzen Lachsalven erzeugen kann.

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier


Die Sonne brennt, das Festival biegt auf die Zielgerade ein, und die Journalisten fangen an zu riechen. Nein, nein, verwesen tun sie noch nicht, auch wenn einige von ihnen durch die Gegend wanken wie lebende Leichen. Doch wer bei einer Pressevorführung im Palais auf dem Balkon Platz nehmen muss, erlebt ein von unten aufsteigendes aromatisches Panorama der eigenen Zunft. Vielleicht kann man mit dieser Erfahrung mal was anfangen, eines schönen Tages zu "Wetten, dass ...?" gehen, um einen slowenischen Revolverjournalisten von einer argentinischen Edelfeder am Geruch seiner Socken zu unterscheiden. Doch ich kann nur sagen: Wascht euch, Leute! Und wechselt einmal in der Woche die Unterwäsche! Wir sollten hier nicht vor aller Welt zum traumhaft blauen Himmel stinken.

Es gibt allerdings auch einige Kollegen, die keinerlei Zeichen von Erschöpfung oder hygienischer Nachlässigkeit zeigen. Das wiederum stimmt in diesen Tagen sehr misstrauisch. Warum ist das "Team Süddeutsche" so fabelhaft gut in Tritt? Wie kann der Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" fünf Filme am Tag sehen und dann noch darüber schreiben? Das Festival von Cannes, in Fachkreisen auch Kinotortur de France genannt, kann nur überstehen, wer gute Freunde an der Freiburger Uni hat. Ich bin sicher, die probieren hier gerade eine neue Kreativitätsdroge aus, und ausgerechnet mir haben sie sie nicht gegeben. Ich brauchte leider, um wieder in Form zu kommen, südkoreanische Muntermacher wie "Secret Sunshine", den neuen Film von Lee Chang-Dong.

Der Film erzählt von einer alleinerziehenden Mutter, deren Lebensgefährte und Vater ihres Sohnes verstorben ist. Als sie wieder Hoffnung tankt, wird ihr Sohn entführt. Sie zahlt dem Entführer alles Geld, was sie noch besitzt. Wenige Tage später findet die Polizei die Leiche des Sohnes. Während ein kichernder Brillenschlaffi sie wieder aufbauen will und ungelenk um sie wirbt, schließt sie sich einer rund um die Uhr frömmelnden Bibelgruppe an. Dann geht sie ins Gefängnis, um den Mörder ihres Sohnes zu besuchen, stellt aber fest, dass auch der religiös geworden und sich bereits selbst vergeben hat. Daraufhin gerät sie in eine Glaubenskrise und versucht einen verklemmten Apotheker auf einer Thermodecke zu verführen, doch der kriegt keinen hoch, obwohl er ja alle Mittel dafür im Regal stehen hat. Daraufhin schlitzt sich die Frau die Pulsadern auf, was ihr nicht gelingt. So schneidet sie sich am Ende die Haare ab.

Hintern, Herz oder Hirn

Warum nun diese unglaublich ausführliche Inhaltsangabe? Weil ich immer noch nach dem Sonnenschein suche, den mir der Titel versprach. Secret Sunshine! Sehen Sie ihn? Ich konnte ihn nicht entdecken - in den zwei Stunden und etwa zwanzig Minuten, die der Film dauerte. Aber womöglich ist er ja so geheim, dass ihn gar niemand sehen darf, vor allem nicht der Zuschauer. Ein Film sei dann zu lang, wenn man anfange, ihn im Hintern zu spüren, soll der Hollywood-Mogul Jack Warner einst gesagt haben. Das Problem von Filmen wie "Secret Sunshine" ist, dass man sie leider fast nur im Hintern spürt und sie letztlich nie den Weg zum Hirn oder zum Herzen schaffen.

Nun wollen wir nicht meckern, schließlich ist das Niveau des Wettbewerbs so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Nur dauern fast die Hälfte aller Filme über zwei Stunden. Und ich muss sagen, dass ich angesichts dieser Überlängen und der extrem engen Sitzreihen inzwischen echte Angst vor der Kino-Thrombrose habe. Ich habe mir deshalb zur Blutverdünnung jeden Morgen zwei Aspirin eingworfen, was auch gegen den Kater von der Party in der Nacht zuvor hilft, aber das ist natürlich keine Dauerlösung. Also, liebe Filmemacher, glaubt mir: Auf der Leinwand zählt Länge wirklich nicht. Und, geschätzter Festivalchef Frémaux, bestehen Sie unnachgiebig auf Kürzungen oder greifen Sie selbst beherzt zur Schere. Denn beschnitten hat man manchmal mehr Spaß.

Zu Tränen gerührt

Auch Steven Soderbergh brauchte geschlagene zwei Stunden und zwei Minuten, im übrigen die häufigste Länge aller Filme, um sein neues Caper-Epos "Ocean’s 13" zu erzählen, und das nicht allein wegen seiner vielen Stars. Über eine Stunde verplempert der Film damit, seine Zuschauer in den umständlichen Plan seiner Helden einzuweihen, ein neues Casino in Las Vegas auszurauben. Doch wenn sie ihn dann ausführen, verkommt Brad Pitt fast zur Randfigur. Zwar gibt es einige wirklich hübsche Momente, wenn etwa George Clooney im Fernsehen eine Oprah-Winfrey-Show sieht und zu Tränen gerührt wird, insgesamt aber fehlt es dem Film an einer originellen Konstruktion, pfiffigen Dialogen und Tempo.

In Cannes war das egal. Nachdem morgens "Alexandra" gelaufen war, das neue Werk von Alexander Sokurov, ließen selbst schale Scherze in "Ocean's 13" das Publikum in Lachsalven ausbrechen. Dabei hatte der altgediente und leider kurzfristig erkrankte Cannes-Veteran Sokurov seinem Publikum in Cannes früher schon Schlimmeres zugemutet als diesen Film. "Alexandra" erzählt von einer älteren russischen Dame, die nach Tschetschenien aufbricht, um ihren dort stationierten Enkel zu besuchen. Daraus wird ein bisweilen intensiver Dauerdialog zwischen den Generationen. Die Journalisten spendeten ausgiebig Beifall, aber vielleicht waren das vor allem Genesungswünsche an den Regisseur.

"Bonjour" Tristesse

Die Tristesse, die jeden Morgen auf der Leinwand schwermütig "Bonjour" seufzt, schlägt inzwischen auch jenseits der Kinos auf die Stimmung. Eine regelrechte Party-Krise macht der "Hollywood Reporter" aus. Doch ausgerechnet die Feier der Deutschen liegt sehr hoch in der Wertung: 4,5 von 5 möglichen "Martinis" gab das US-Branchenblatt der Veranstaltung und damit eine Bestnote. Doch in der Tat: Trank sich die deutsche Filmbranche früher in Cannes stets den Frust von der Seele, wieder mal nicht im Wettbewerb vertreten zu sein, herrscht seit ein paar Jahren zunehmend Frohsinn. Diesmal bilanzierte Kulturstaatsminister Neumann stolz die jüngsten Erfolge: Vier Filme auf dem Festival, in allen Sektionen, das gab’s noch nie.

Ein bisschen unglücklich hatte sich Neumann allerdings unter eine riesige Palme gestellt, die sich phallisch zum sternenklaren Himmel aufrichtete. Im Schatten der Palme, vor allem der Goldenen, stehen hier in Cannes eben sogar Minister. Der Ausgelassenheit tat das keinen Abbruch. Auch wenn einige Busse, mit denen die Gäste zur Party chauffiert wurden, heillos verspätet ankamen, und zeitweise das Licht ausfiel. Das deutsche Organisationstalent, hier in Cannes allgemein gerühmt, schwächelte an diesem Abend etwas, ausgerechnet auf Autos und Logistik war nur bedingt Verlass. Auf der anderen Seite – die Deutschen zeigten, dass sie auch gute Filme und gute Laune exportieren können.



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