Cannes-Tagebuch Unser Feund Harvey

Schwerblütiges Kopfkino am dritten Wettbewerbstag: Die Filme "Red Road" und "Selon Charlie" verwechselten Kreativität mit Kapriziösität. Am Rande des Festivals gab es dafür Ermutigendes zu sehen: Bai Ling und Harvey Weinstein auf einem deutschen Dampfer.

Von


Seit gestern Abend weht ein anderer Wind an der Croisette. Nein, nicht, was Sie jetzt denken: Das Festivalprogramm kommt so gedankenschwer und brütend daher wie gewohnt. Ganz unmetaphorisch pustet ein echter mediterraner Wind durch Cannes, der zwar nicht für Abkühlung sorgt, aber die sorgfältig gestalteten Frisuren der Damen zerzaust und den Herren das lässige Zigarettenanzünden erschwert. Am Samstagmittag zogen prompt Wolken auf, als würde sich das Wetter auf ein reinigendes Gewitter vorbereiten.

Angesichts der letzten beiden Wettbewerbsfilme wäre eine Erfrischung gar nicht schlecht gewesen, obwohl es auch in der britisch-dänischen Produktion "Red Road" eine schöne, von Wind durchbrauste Szene gab. Im 24. Stock eines hässlichen Sozialbauhochhauses am Rande Glasgows öffnet ein Mann das Fenster, weil der Wind so hoch oben angeblich umwerfend ist. Dass er kurz darauf versucht, seine Freundin aus besagtem Fenster zu werfen, sei hier vernachlässigt, denn als Zuschauer, der zu diesem Zeitpunkt schon zwei Drittel des stickigen Films hinter sich hat, freute man sich über jede Brise, auch wenn sie nur auf der Leinwand wehte.

Das Unheil im Blick

"Red Road" erzählt die Geschichte einer verhärmten Frau, die Glasgows übelste Ecken mit sogenannten CCTV-Kameras überwacht. Wie ein zur Untätigkeit verdammter Gott sieht sie den Menschen auf Dutzenden von Monitoren zu, zoomt sich hier mal eine kuriose Szene heran, bespitzelt dort mal den netten Mann mit der kranken Bulldogge. Eines Abends entdeckt sie auf einem ihrer Bildschirme einen Mann, der eigentlich im Gefängnis sein sollte. Woher Jackie, so der Name der staatlich finanzierten Voyeurin, das weiß, woher sie ihn kennt und welches Geheimnis sie verbindet, erfährt der Zuschauer erst ganz am Ende des Films, was für Spannung sorgen soll, aber letztlich zu offensichtlich konstruiert ist, um zu funktionieren.

"Red Road" ist die mit kühlen, grobkörnigen Bildern illustrierte Geschichte eines Traumas und seiner kathartischen Lösung, die man aber auch weitaus eleganter als die britische Regisseurin Andrea Arnold hätte inszenieren können. Wären da nicht die schöne filmische Einbindung des öffentlichen "Big Brother"-Überwachungsapparates, der Englands Liberale regelmäßig auf die Palme bringt, und die schaurige Kulisse der Glasgower Hochhausghettos - Arnolds Regie-Debüt Arnolds wäre kaum mehr als unmotiviert, langatmig und schlecht geschrieben.

Kein Kinderspiel

Als harter Brocken entpuppte sich auch Nicole Garcias "Selon Charlie" ("Charlie Says"). Das Sozialdrama spielt in einem fiktiven Örtchen an der französischen Atlantikküste und zeigt in einer recht anstrengenden Collage eine Handvoll Männer, die ihre Kindheitssehnsüchte bewältigen wollen. Man soll den Film durch die Augen des elfjährigen Charlie sehen, der aber trotz bedeutungsschwangerer Blicke recht farblos bleibt. Mit seinem Wuschelkopf und den trotzigen Knopfaugen erinnert er irritierend an den kleinen Puertoricaner-Racker aus John Cassavettes "Gloria" - nur ohne den drolligen Machismo.

Die erwachsenen Hauptpersonen sind dafür umso interessanter: Ein alternder Bürgermeister (wunderbar lakonisch: Jean-Pierre Bacri), der sein Seelenheil bei einer 25-Jährigen findet; ein Lehrer, der seine finnische Frau zur Ersatzmutter erkoren hat und von seiner früheren Karriere als Archäologe träumt; Charlies Vater, der sich vor lauter Frust in eine Affäre mit der Frau des Lehrers stürzt, und ein tollpatischer Kleinganove, der nicht aus seiner Kleinganovenhaut herauskann.

Es gibt einige herzige und viele hinreißend komische Szenen in "Selon Charlie", aber das große Panorama der Kindheit, die sich nicht abschütteln lässt, egal wie welterfahren man wird, entfaltet sich leider nicht so schlüssig und grandios, wie Regisseurin Garcia ("Place Vendome") es im Presseheft entwirft. Vielmehr wirkt der Film seltsam unfertig und ungeordnet. Der Applaus nach der Pressevorführung war folglich spärlich und mit missmutigen Pfiffen durchsetzt.

Harvey sagt Hallo

Nach so viel schwerer Kost freute man sich, fröhliche Menschen zu sehen. Den verdienten TV-Regisseur Berengar Pfahl ("Britta") zum Beispiel, der gestern Abend auf einer Yacht sein erstes großes Kinoprojekt vorstellte. Voller Stolz erzählte er, dass die Rechte am internationalen Bestseller "Schanghai Baby" von der jungen Schriftstellerin Wei Hui in die Hände seiner Produktionsfirma gelangt seien. Mit einem Budget von 7,5 Millionen Euro wird im Herbst in Berlin, Schanghai und Südchina gedreht.

Zu sehen gab es gestern schon mal einen sechsminütigen Appetithappen, der vor allem eines zeigte: Hauptdarstellerin Bai Ling, die sich in Cannes bisher ja eher bedeckt gab (siehe Tagebuch vom Donnerstag), im Trailer aber nicht nur als Sängerin auftrat, sondern auch jede Menge nackter Haut zeigte. Der Film dreht sich um eine junge, lebenslustige Schriftstellerin, die sich in zwei Männer auf einmal verliebt und sich zwischen ihrem chinesischen und ihren Berliner Lover entscheiden muss.

Fast noch stolzer als auf seinen Filmtrailer war Berengar Pfahl auf seine Stars, denn auf dem Boot hatte sich nicht nur die sympathisch quirlige Autorin eingefunden, die sich einen Spaß daraus machte, sich den deutschen Journalisten, allesamt zwei Köpfe größer als sie, auf die großen Füße zu stellen. Die weitaus schüchterner wirkende Bai Ling, in ein leuchtend blaues Spaghettiträgerkleid gehüllt, entdeckte auf der Yacht nebenan prompt ihren alten Kumpel Harvey Weinstein, der sofort auf einen Kurzbesuch herüberkam. Die knapp zehnminütige Anwesenheit des berüchtigten Ex-Miramax-Bosses auf dem deutschen Schiff sorgte für reichlich Trubel und stahl dem divenmäßig verspäteten Auftritt Katja Riemanns, die in "Schanghai Baby" ebenfalls mitspielt, die Schau.

Aber man will nicht schon wieder über die Übermacht der Amerikaner meckern, denn für deutsche Verhältnisse war die kleine "Schanghai Baby"-Präsentation eine gelungene und glamouröse Veranstaltung. Da wunderte sich sogar Berengar Pfahl über die neue internationale Unbefangenheit gegenüber den doch als so kopflastig geltenden Filmemachern aus Deutschland. Zumindest abseits des Wettbewerbs scheint also in Cannes auch im übertragenen Sinne ein durchaus anderer Wind zu wehen. Es muss ja nicht immer gleich ein Gewitter sein.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.