Cannes-Tagebuch Untote in Uniformen

Schwere Themen auch am zweiten Tag an der Croisette. Damit es nicht allzu abgründig wird, drehte der Israeli Ari Folman seine aufwühlende Kriegsdokumentation "Waltz with Bashir" als Animationsfilm. Comic kann aber auch komisch sein: "Kung-Fu Panda" sorgt außer Konkurrenz für Heiterkeit.

Aus Cannes berichtet


"Man stelle sich mal vor, wie das ausgesehen hätte: Ein mittelalter Mann wird vor einem schwarzen Hintergrund interviewt und erzählt Geschichten, die vor 25 Jahren passiert sind, ohne Archivmaterial, das man dazuschneiden kann? Das wäre so langweilig gewesen!" Ari Folman weiß, was er dem modernen Kinopublikum zumuten kann und was nicht. Seine autobiographische Dokumentation "Waltz with Bashir", in der er seine Zeit als Soldat der israelischen Armee im Libanon-Konflikt 1982 aufarbeitet, filmte Folman daher als Animations-Drama. Die wundervoll colorierten Illustrationen fertigte der in Israel bekannte Kinderbuch-Autor David Polonsky an, und tatsächlich gelingt Folman und seinem Team eine neuartige Form der Kriegs-Doku, die sowohl visuell fasziniert, als auch emotional aufrüttelt.

Denn es geht nicht einfach nur um Krieg, sondern um das Massaker von Sabra und Shatila, das christliche Phalangisten in den palästinensischen Flüchtlingslagern unter Frauen, Alten und Kindern anrichteten, nachdem ihr Anführer, Präsidentschaftskandidat Bashir Gemayel, bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen war. Die israelische Armee, mit den Phalangisten alliiert, sah tatenlos zu, wie vor ihren Augen rund 3000 Menschen ermordet wurden; der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon wurde später wegen seiner Duldung der Gräuel verurteilt.

Folman, heute Filmemacher, der unter anderem mit der Zukunfts-Farce "Made in Israel" (2001) bekannt wurde, bezeichnet seinen Film als therapeutisch, denn er selbst hatte alle Erinnerungen an seine Erlebnisse bei Sabra und Shatila verdrängt. Der Film zeigt ihn in verschiedenen Interview-Situationen mit ehemaligen Kameraden und anderen Beteiligten, immer wieder durchbrochen durch farbenfroh animierte Flashbacks, bis sich schließlich am Ende ein vollständiges Bild des Horrors formt. So ist es konsequent, dass Folman erst ganz zum Schluss auf die Realfilm-Ebene wechselt und minutenlang mit echten Fernsehbildern das Leid der Hinterbliebenen dokumentiert.

Folmans Film ist nicht ohne Makel, denn die visuelle Überraschung täuscht über einige dramaturgische Schwächen hinweg, und dass der Film, so klingt es in einigen Interview-Passagen an, eine Parallele zwischen Auschwitz und dem Palästinenser-Massaker schlägt, ist recht radikal und dürfte in Israel für Kontroversen sorgen, wo die Geschehnisse von damals zwar aufgearbeitet sind, aber immer noch als Trauma über der Nation hängen.

So beschwört Folman Dämonen, die lange geruht haben, und tarnt sein ernstes Anliegen mit bunten, comicartigen Bildern. Die in gelblichen Tönen gehaltene Traumsequenz, mit der das langsame Herantasten an die verschütteten Erinnerungen beginnt, ist an Gespenstigkeit kaum zu überbieten: Nackte, junge Soldaten tauchen, nur mit ihren Maschinengewehren behängt, aus der flachen Brandung am Strand von Beirut auf, während über den halb von Bomben zerstörten Hochhäusern an der Promenade Leuchtraketen niedergehen, die die Szenerie in Zwielicht tauchen. Die jungen Männer wirken somnambul, wie ferngesteuert, während sie wie Untote aus den Fluten steigen und im Gegenlicht ihre Uniformen anlegen und langsam, mit gebrochenem Blick, wieder in ihren Einsatz zurückkehren.

Keine Frage, beim Festival-Wettbewerb geht es ums Hinsehen, ums Ausleuchten der dunklen Ecken und Aufspüren der Ängste und Geister, die darin hocken. Zu lachen gibt es dabei erst einmal nicht viel, und der bedeckte Himmel über dem Palais ergänzt diese etwas verhaltene Stimmung, mit der die 61. Ausgabe des Festivals von Cannes beginnt. Blindheit und eine geheimnisvolle Seuche im Eröffnungsfilm, israelische Kriegstraumata in "Waltz with Bashir", gefolgt vom argentinischen Frauengefängnis-Drama "Leonera", das den Journalisten am frühen Donnerstagmorgen gezeigt wurde.

In Pablo Traperos Film geht es um die junge Studentin Julia, die in ihrem Apartment mit zwei blutüberströmten Männern aufwacht, einer tot, einer schwer verletzt. Sie kann sich nicht erinnern, was geschehen ist und landet, seit einigen Wochen schwanger, im Gefängnis. Man erfährt bis zum Ende nicht, wer wen ermordet hat und ob Julia tatsächlich Schuld trägt, dem 36-jährigen Regisseur geht es vielmehr darum, abzubilden, wie ein Kind im Knast geboren wird und die ersten Jahre seines Lebens in einer künstlichen Umgebung verbringt. Vier Jahre darf der kleine Tomas bei seiner Mutter bleiben, die im Gefängnis eine Affäre mit einer älteren und erfahreneren Insassin beginnt und sich nur langsam daran gewöhnt, ihren Sohn in einem sehr exklusiven Kindergarten aufzuziehen. Als die vier Jahre um sind, und Julias Mutter Ansprüche auf das Kind erhebt, bricht im Frauengefängnis die Hölle los - und Julia klammert sich wie eine Furie an das letzte bisschen Leben, was ihr geblieben ist.

Trapero will anprangern und anklagen, dass macht er mit teils drastischen Bildern und Szenen von drallen Knastmatronen, die sich auf versifftem Duschraum-Boden eine Art Schlammcatching liefern, unmissverständlich klar. Dass sein Film nicht an diesem hehren Pathos erstickt, dafür sorgt vor allem seine Hauptdarstellerin Martina Gusman, die in "Leonera" ihre erste Hauptrolle spielt.

Hirnlose Unterhaltung - aber nur mit Botschaft

Mit frappierender Ähnlichkeit zu Angelina Jolie (deren "Durchgeknallt"-Charakter sie teilweise kopiert), spielt sie die chancenlose, zu Unrecht angeklagte Mutter mit stummer Leidensmiene, in der ein ganzes Spektrum widerstreitender Emotionen liegen: Ekel, Hass, Verzweiflung, Furor, aber auch Liebe, Hoffnung - und eine grenzenlose Einsamkeit. In Martina Gusmans hungernde, sehnende Augen zu blicken, heißt, in die seelischen Abgründe isolierter menschlicher Existenzen in den alles verschlingenden Großstadt-Ghettos dieser Welt zu werfen. Brrrr.

Einsamkeit, mit der hat auch der dicke Panda Po zu kämpfen, der nachts gerne davon träumt, ein tolldreister Kung-Fu-Fighter zu sein, der mit seiner Gang gegen ganze Armeen besteht, in der Realität aber bei seinem Papa (komischerweise ein Vogel), in der Nudelküche arbeitet und sich ansonsten Mühe gibt, dem Begriff Tollpatsch eine neue Bedeutung zu verleihen.

Po ist der Held des neuen Dreamworks-Animationsspektakels "Kung Fu Panda", das hier in Cannes außer Konkurrenz gezeigt wird. Einerseits, weil die Stimmen der animierten Charaktere von Stars wie Dustin Hoffman, Angelina Jolie und Jack Black geliefert wurden, die bereitwillig für ein bisschen Glamour auf dem Roten Teppich sorgten, andererseits wurde der possierliche Panda-Film vielleicht auch ins Programm genommen, damit die Journalisten nicht schon am zweiten Tag in Depressionen verfallen. Schon am Nachmittag geht es nämlich im Nebenwettbewerb Un certain regard weiter mit Steve McQueens Film "Hunger" über den legendären Hungerstreik des IRA-Kämpfers Bobby Sands - auch nicht gerade leichte Kost.

So freut man sich über ein bisschen hirnlose Unterhaltung, wenngleich es natürlich auch beim "Kung Fu Panda" eine tiefere Botschaft gibt: Der dicke fette Bären-Nerd wird natürlich am Ende auch im wahren Leben der strahlende Held des antiken Chinas und legt sich mit dem furchterregendsten Gegner an. Kann er gewinnen? Klar, aber nur, wenn er an sich glaubt - und sich als das akzeptiert, was er ist. Hinter der Fassade des unbeholfenen Klopses verbirgt sich eine Heroen-Seele voller Anmut und Schönheit.

Hätte so ein Hollywood-Märchen auch als Realfilm funktioniert? Kaum. Karate-Kid war gestern, heute regiert der animierte China-Böller Po. Und manchmal, das zeigen cineastische Experimente wie "Waltz with Bashir", entsteht aus der Fusion von Comic und Dokumentarfilm auch ein ganz neuer Blick auf die Wahrheit. Cannes 2008 bleibt bis auf weiteres ein Festival, das nach neuen Sichtweisen sucht.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.