Cannes-Tagebuch Vom Blaubart zum Graubart

An der Croisette sorgen Jim Jarmusch und seine Stars Bill Murray und Sharon Stone mit "Broken Flowers" für ungewohnt gute Laune, während Wang Yiaoshuai in "Shanghai Dreams" eine todtraurige Familiengeschichte aus dem China der siebziger Jahre erzählt – und sich das Wetter an der Côte d’Azur launenhaft gibt.

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"Broken Flowers"-Star Stone: Linderung für Festival-Gestresste
REUTERS

"Broken Flowers"-Star Stone: Linderung für Festival-Gestresste

Es ist echt kein Spaß. Jeden Morgen um 6.45 Uhr reißt einen der Wecker aus dem Tiefschlaf. Mechanisch greift man zur Fernbedienung, schaltet CNN ein und blickt direkt ins Antlitz den Moderators Richard Quest, dessen gebleckte Zähne derart blenden, dass man schlagartig wach ist und reflexhaft nach der Sonnenbrille tastet. Unten im Frühstücksraum brütet schon der eifrige Kollege aus Asien über den neuesten Ausgaben der hier in Cannes während der Festspiele täglich erscheinenden Branchenblätter "Variety" oder "Screen International", schmatzt und rülpst nach Landessitte und schlürft den Kaffee so beherzt in sich hinein, dass es einem in den Ohren klirrt. Dann springt er plötzlich auf, und man springt hinterher - schließlich will man sich nicht abhängen lassen beim täglichen Morgen-Sprint zum Festivalpalais.

Aufblühen mit Sharon Stone

Um 8.17 Uhr ergattert man mit einer Mischung aus Charme, Schnelligkeit und rüdem Körpereinsatz, der auf jedem Fußballfeld mit Platzverweis geahndet würde, den letzten Platz in der ersten Reihe den Grand Théatre Lumière. Da beglücken einen sofort ein paar Kollegen, die es mit der Hygiene offenbar nicht ganz so genau nehmen, mit ihren Ausdünstungen und blasen einem Gerüche in den Nacken, die einem das Gefühl geben, bei lebendigem Leibe zu verwesen. Während das Licht im Saal erlischt, rammen sie einem so wuchtig die Knie in die Rückenlehne des Sitzes, dass einem der Kitt aus der Brille fliegt - doch da erscheint sie, und alles Leid ist vergessen. Sharon Stone, heute früh in Jim Jarmuschs Wettbewerbs-Beitrag "Broken Flowers" zu sehen, ist eine sinnliche Erscheinung, die den Zuschauer sofort betört.

"Broken Flowers"-Darsteller Murray, Stone: Wettstreit mit der Tochter

"Broken Flowers"-Darsteller Murray, Stone: Wettstreit mit der Tochter

In "Broken Flowers" erzählt Jim Jarmusch von einem amerikanischen Don Juan namens Don Johnston (Bill Murray), der im Begriff ist, vom Blaubart zum Graubart zu werden. Einsam sitzt er stundenlang auf dem Sofa und starrt in die Ferne, als ließe er noch einmal alle Frauen, denen er in seinem Leben den Laufpass gab, wehmütig vor seinem geistigen Auge Revue passieren - wie verpasste Chancen. Da bekommt er eines Tages einen rosafarbenen Brief ohne Absender zugeschickt: Eine angebliche frühere Geliebte behauptet, einen Sohn von ihm zu haben. Um herauszufinden, ob an der Geschichte etwas Wahres dran ist, klappert Don seine früheren Flammen ab - bei manchen lodert die frühere Leidenschaft wieder auf, bei anderen die Wut.

Es ist ein Genuss zu beobachten, wie sich Stone in der Rolle einer Stilberaterin für Kleidung mit ihrer fast erwachsenen Tochter einen Wettstreit um Dons Gunst liefert, wie sie die frühere Affäre mit einem verschlagenen Lächeln noch mal von Anfang bis Ende nachzuschmecken scheint. Bill Murray muss als nie erwachsen gewordener Frührentner Don in diesem Film immer nur reagieren: auf den Anblick einen blankes Busens, eines geschmacklosen Gemäldes, eines treuherzigen Katers, eines bedrohlichen Rockers. Im Grunde spielt das Team, zu dem auch die Schauspielerinnen Jessica Lange, Tilda Swinton und Julie Delpy gehören, Murray ständig die Bälle zu, die er dann mit dem geringstmöglichen Aufwand an schauspielerischen Mitteln zu Gags verwandelt.

"L'Enfant"-Darsteller Jérémie Renier: Unfassbar beschränkt und unschuldig

"L'Enfant"-Darsteller Jérémie Renier: Unfassbar beschränkt und unschuldig

Natürlich ist diese Lakonie, diese hohe Kunst des Nichtstuns spätestens seit "Lost in Translation" Murrays Markenzeichen, das zur Masche zu werden droht - und doch kann man sich daran so schnell nicht satt sehen. Auf die seltsamen Veränderungen seiner früheren Freundinnen, mit denen Don auf seiner Reise konfrontiert wird, ihre zum Teil grotesken Lebensverhältnisse, gibt es wohl keine angemessenere Reaktion als den Blick eines Mannes, der zwar in einem fort so tut, als sei ihm nichts Menschliches fremd, tatsächlich aber kaum fassen kann, was er sieht.

Kalte Dusche, draußen und auf Zelluloid

Gegenüber den eher tristen Werken der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne ("L'Enfant") und des chinesischen Regisseurs Wang Xiaoshuai ("Shanghai Dreams") wirkt "Broken Flowers" wie eine jener Wolkenlücken, die in diesen Tagen immer wieder den grauschwarzen Himmel über Cannes aufreißen. Man muss dennoch innen wie außen jederzeit mit einer kalten Dusche rechnen. Bei den Dardennes etwa verscherbelt der junge Hehler Bruno (Jérémie Renier) seinen wenigen Wochen alten Sohn für ein paar tausend Euro an eine illegale Adoptionsagentur.

Szene aus "Shanghai Dreams": Todtrauriges Familienmelodram

Szene aus "Shanghai Dreams": Todtrauriges Familienmelodram

Im Grunde hat Bruno schon in diesem Moment schon beim Zuschauer verloren - und doch gelingt es den Dardennes, das Porträt eines jungen Mannes zu zeichnen, der alles, was er in die Hände kriegt, zu Geld macht und dabei zwar unfassbar beschränkt, aber unschuldig wirkt. Wie er schließlich lernt, den Unterschied zwischen Menschen und Dingen zu erkennen, erzählt der Film dann fast mit naivem Optimismus.

Ein böses Erwachen aus dem "Shanghai Dream" gibt es für die junge Chinesin Hong Qing (Yuanyuan Gao). Vor Jahren wurde ihre Familie aus Shanghai in die Provinz umgesiedelt und will nun in die Metropole zurückkehren. Deshalb muss sich Hong Qing von ihrem Freund trennen. Verzweifelt über diese Aussicht vergewaltigt er sie - wird verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Mit den verhallenden Schüssen seiner Exekution endet der Film. Die Kraft der Liebe, alle Zerwürfnisse und Widerstände zu überwinden, beschwören die Dardennes in der Schlusseinstellung ihres Film pathetisch. Um noch an sie zu glauben, ist Jim Jarmuschs heiteres erotisches Road Movie "Broken Flowers" zu abgeklärt - und Wang Xiashuais Familien- und Liebesmelodram einfach viel zu traurig.



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