Cannes-Tagebuch: Wahlkampf an der Croisette

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

Michael Moore stellte in Cannes mit "Fahrenheit 9/11" einen abendfüllenden Abwahl-Spot gegen George W. Bush vor. Für einen ganz anderen Höhepunkt sorgte der deutsche Beitrag, Hans Weingartners Generationen-Drama "Die fetten Jahre sind vorbei".

Polit-Aktivist Moore: Festival als Wahlkampfplattform
AP

Polit-Aktivist Moore: Festival als Wahlkampfplattform

Dass Frankreich jenes Land sein soll, das die Klassengesellschaft abgeschafft hat, erweist sich jedes Jahr in Cannes von neuem als eine der grandiosesten Fehleinschätzungen der Geschichte. Wo sonst werden Menschen so fein nach ihrer Bedeutung sortiert wie hier? Ein ausgeklügeltes System verschiedenfarbiger Festivalausweise separiert die Weltpresse in feinsten Abstufungen. Wenn man beispielsweise einen rosaroten Ausweis mit gelbem Punkt besitzt, kann man flugs an allen Schlangen vorbei ins Kino eilen, während die meisten Kollegen wie das Fußvolk hinter Absperrungen ausharren und hoffen müssen, dass ihnen die Saalordner Einlass gewähren.

In gleicher Weise, so hat man den Eindruck, wird auch mit Filmen verfahren. Nach elf Jahren wurde mit Hans Weingartners Generationen-Drama "Die fetten Jahre sind vorbei" erstmals wieder eine (überwiegend) deutsche Produktion in den vornehmen Club des Wettbewerbs zugelassen - allerdings, wie sich jetzt herausstellt, keineswegs mit vollen Mitglieds-Rechten.

So wurde die Pressekonferenz mit Weingartner und seinem Team auf den gleichen Termin wie die Vorführung von Michael Moores heiß erwartetem neuen Werk "Fahrenheit 9/11" gelegt. Zudem lief Moores Film in so kleinen Sälen, dass viele Journalisten Weingartners Film vorzeitig verließen, um sich noch einen Platz zu sichern. Angesichts von insgesamt lediglich 19 Wettbewerbs-Beiträgen wirkt diese unnötige Terminkollision wie ein Affront.

Regisseur Weingartner (M.), Filmteam: Junge Leute, die keine Klassen mehr akzeptieren
AP

Regisseur Weingartner (M.), Filmteam: Junge Leute, die keine Klassen mehr akzeptieren

Aber vielleicht ist das auch die Quittung für Weingartners Weigerung, seinen Film um einige Minuten zu kürzen, wie ihm Festivalchef Thierry Frémaux angeblich nahe gelegt hatte. Wer nicht schneidet, wird geschnitten? Egal, ob das Gerücht stimmt oder nicht, "Die fetten Jahren sind vorbei" ist in seiner jetzigen Länge von knapp über zwei Stunden einer der Höhepunkte des Wettbewerbs. Er erzählt von den drei Mittzwanzigern Jan (Daniel Brühl), Jule (Julia Jentsch) und Peter (Stipe Erceg), die in Berliner Vorstadvillen einbrechen, aber nichts stehlen, sondern nur die Welt der Reichen schwer in Unordnung bringen wollen. Ein Film also über junge Leute, die keine Klassen mehr akzeptieren.

Die Parolen, mit denen vor allem Jan, der geistige Kopf des Trios, die Aktionen rechtfertigt, könnten leicht hohl wirken. Doch das auf den ersten Blick unzeitgemäße Rebellentum wirkt in diesem Film nie aufgesetzt. Da mischt sich die Enttäuschung über eine Gesellschaft, die schulterzuckend hinnimmt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, mit jugendlicher Abenteuerlust. Wenn Jan und Jule in einer Villa zusammen die Nacht verbringen, nehmen sie spielerisch eine fremde Welt in Besitz, die sie bisher nur aus der Perspektive von Zaungästen betrachten durften. Doch dann gerät plötzlich der Besitzer Hardenberg (Burghart Klaußner) in ihre Gewalt.

Wenn der human touch den Film lähmt

Doch je ernster die Lage, desto leichter der Film. Nachdem die drei überforderten Helden Hardenberg auf eine Almhütte entführt haben, müssen sie erfahren, dass er ein Altachtundsechziger ist. So kommt es über alle Unterschiede hinweg zu einem Treffen der Generationen. Die vier großartigen Darsteller entwickeln mit wunderbarer Lakonie immer mehr Komik aus der nach allen Seiten schillernden Situation. Ohne auch nur annähernd in die Gefahr zu geraten, seine Figuren und ihre Überzeugungen zu verraten, gewinnt Weingartner seinem Thema nebenbei ganz außerordentliche Unterhaltungsqualitäten ab.

"Die fetten Jahre sind vorbei", Darsteller Brühl (mit Freundin Jessica Schwarz in Cannes): Unzeitgemäßes Rebellentum
AP

"Die fetten Jahre sind vorbei", Darsteller Brühl (mit Freundin Jessica Schwarz in Cannes): Unzeitgemäßes Rebellentum

Das gilt, wie nicht anders zu erwarten, auch für Michael Moores neuen Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11", der sich mit den Machenschaften George W. Bushs, mit dem 11. September und dem Irak-Krieg befasst - und dessen Start in den US-Kinos nicht nur Disney, sondern nun auch noch das Weiße Haus verhindern wollte - sagt zumindest Moore.

Auf dem Festival hielt sich Moore zwar mit Beweisen und eindeutigen Anschuldigungen zurück, ließ aber verlauten, dass "jemand mit Verbindungen zum Weißen Haus", laut Moore ein "Spitzen-Republikaner", Druck auf die Filmfirmen Disney und deren Tochter Miramax ausgeübt habe, den politisch brisanten Film nicht im US-Präsidentschaftswahljahr in die Kinos zu bringen.

Nach der ersten halben Stunde des Films, in der Moore genüsslich die über Firmen-Beteiligungen vermittelten Geschäftsbeziehungen zwischen der Familie Bush und der Familie Osama bin Ladens aufdröselt, gewinnt der Propagandist Moore über den Dokumentaristen Moore die Oberhand. Er zieht alle Register, die Emotionen des Publikums mobil zu machen. Doch wie schon in "Bowling for Columbine" lähmt der human touch den Film: Verletzte Soldaten und Eltern verstorbener GIs geben über ihre Leiden Auskunft. Da wird "Fahrenheit 9/11" zum bloßen Abwahl-Spot gegen den Präsidenten.

Und natürlich ließ sich Moore die Gelegenheit zum eigenen Wahlkampf auf der Croisette nicht entgehen: "Der dümmste Mann, der jemals im Rennen um das Weiße Haus war", müsse im November abgewählt werden, "auch wegen der schweren Folgen unserer Außenpolitik in der Welt", rührte er vor Hunderten von internationalen Journalisten die Trommel. "Zu den Grundsätzen meines Landes gehört es, niemanden zu überfallen, der uns nicht angegriffen hat", geißelte er den Krieg im Irak. Bush müsse abgewählt werden, und sein Film werde das ermöglichen, sofern "Fahrenheit 9/11" in Nordamerika gezeigt werden könne.

Nach dem Boykott durch den Disney-Konzern gibt es in den USA noch keinen Vertriebspartner für die Dokumentation. Finanziert wurde der Film von Miramax, dessen Mutterkonzern Disney den Vertrieb jedoch verhindern will. Die beiden Miramax-Chefs Bob und Harvey Weinstein wollen den Film nun zurückkaufen, und Moore hofft, dass er am ersten Juli-Wochenende in die Kinos kommen kann. Auf die Frage, ob "Fahrenheit 9/11" in den USA gezeigt wird, gab sich Harvey Weinstein in Cannes zuversichtlich: "Habe ich Sie jemals enttäuscht?"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback