Cannes-Tagebuch Der Tiefpunkt des Wettbewerbs

Oscar-Gewinner Michel Hazanavicius scheitert in Cannes an seinem Kriegsdrama, der Kanadier Xavier Dolan zeigt mit "Mommy" eine grandios-hysterische Mutter-Sohn-Tragödie. Und Altmeister Godard kommt auf den Hund.

Shayne Laverdiere/ Festival de Cannes 2014

Aus Cannes berichtet


Beim Filmfestival in Cannes gibt es in den Filmvorführungen meistens zwei Untertitelleisten, eine auf Englisch, falls der Beitrag nicht aus England oder den USA kommt, und eine auf Französisch. Bei "Mommy", dem neuen Film des kanadischen Regie-Schelms Xavier Dolan ("Lawrence Anyways") gab es die französische Übersetzung, obwohl die ganze Zeit Französisch gesprochen wurde, allerdings das in Kanada geläufige Québéquois in einer so kruden White-Trash-Variante, dass wahrscheinlich sogar Muttersprachler nur Bahnhof verstanden hätten.

Als wäre das nicht schon irre genug, erzählt Dolan eine Amour fou, die man im Kino in ähnlicher Intensität lange nicht gesehen hat, und zwar zwischen der schon mittelalten, aber immer noch wie ein Teenager aufgerüschten Diane, auch DIE genannt (Anne Dorval), und ihrem halbwüchsigen Sohn Steve (Antoine-Olivier Pilon), der unter einer extremen Form von ADHS leidet und nach dem Tod seines Vaters zu gewalttätigen Ausbrüche von Jähzorn neigt. Nachdem er im Internat Feuer gelegt hat, holt Diane den Racker nach Hause, in einen ruhigen Vorort von Montréal, doch das Geld ist knapp, die ödipale Spannung groß - und über dem erneuten Versuch, zusammen ein Leben nach der Krise zu bewältigen, schwebt ein neues Gesetz, das Eltern vorschreibt, ihre immer wieder auffällig werdenden Psycho-Kids in staatliche Obhut zu geben. So ein Gesetz gibt es in Kanada natürlich nicht, zumindest noch nicht: "Mommy" spielt im Jahre 2015.

Als Nachbarin Kyla (Suzanne Clement) als Nachhilfe für Steve anheuert, scheint etwas Ruhe einzukehren. Diane freundet sich mit der verklemmt wirkenden Lehrerin an, die dadurch allmählich beginnt, eine wohl psychisch bedingte Sprachlähmung abzulegen. Auch Steve erwärmt sich für Kyla, es keimt zarte Hoffnung auf eine vielleicht doch noch glückliche Zukunft auf.

Allerdings nicht lange. Ein Happy End ist allen dreien nicht vergönnt, aber dafür gewinnt der Wettbewerb von Cannes dank Dolan zum Ende noch einmal eine schillernde Facette hinzu. Wie sich Steve und Diane gegenseitig mit übelsten Schimpfwörtern eindecken, um sich im nächsten Moment wieder zärtlich zu versöhnen, ist virtuos in Szene gesetzt. Auch visuell zeigt der 1989 geborene Regisseur, dass er weiterhin gerne Genre-Rahmen sprengt und unorthodoxe Metaphern wählt. In einer laut beklatschten Szene durchbricht Steve die vierte Wand und zieht das bis dahin enge 4:3-Quadrat des Kinobildes mit beiden Händen zum Widescreen auf. Einzig die beliebig in den Film gestreuten Popsongs (unter anderem das abgedroschene "Wonderwall" von Oasis) stehen im Kontrast zur Originalität dieses frechen, aber dennoch berührenden und tragischen Familiendramas.

Oscar-Gewinner ausgebuht

Tragisch ist dann auch gleich das richtige Stichwort für "The Search", den neuen Film des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius, der vor zwei Jahren mit seiner Stummfilm-Hommage "The Artist" überraschend zwei Oscars gewann. Mit "The Search", einem Remake des Fred-Zinnemann-Klassikers von 1948, wird er allerdings höchstens einen "Razzie"-Award bekommen. Denn Hazanavicius, unfreiwillig topaktuell, verlegte die Zweite-Weltkriegs-Handlung des Originals in den Tschetschenien-Konflikt von 1999. Es geht um einen kleinen, stets sehr bekümmert dreinschauenden Jungen, dessen Eltern von russischen Milizen ermordet werden. Mit seinem Babybruder tritt er die Flucht an und gerät in Grosny unter die Fittiche einer engagierten, aber auch sehr naiven EU-Menschenrechtlerin (Bérenice Bejo).

Naiv bleibt allerdings auch die Herangehensweise des Regisseurs an seinen ersten dramatischen Stoff: Plumper, didaktischer und hölzerner wurde einem die letztlich banale Botschaft, wie schlimm Krieg ist, besonders für unschuldige Kinder, lange nicht im Kino präsentiert: Stanzen, Klischees und hochtrabende Reden schwingende, unglaubwürdige Figuren, wohin das Auge blickt. Selbst die Nebenhandlung über einen jungen Kiffer, der zum Militärdienst an der Tschetschenien-Front verdonnert wird, gerät Hazanavicius zur formelhaften Variation der üblichen Demütigungsrituale, die am Ende ein zynisches Soldatenschwein erzeugen.

Auch Regisseurs-Gattin Bejo tat sich keinen Gefallen, sich in diesem Reigen der Ärgerlichkeiten verheizen zu lassen, schon gar nicht nach ihrem tollen Auftritt in Asghar Farhadis "Le Passé" im vergangenen Cannes-Jahrgang. Bei der Pressevorführung am Mittwochmorgen vernehmlich ausgebuht, markiert "The Search" den Tiefpunkt dieses Wettbewerbs. Man hätte Hazanavicius Schmach und Spott ersparen können, indem man den Film barmherzig außer Konkurrenz gezeigt hätte.

Bei Godard geht wie immer um alles

Cannes und Barmherzigkeit, das ging aber natürlich noch nie gut zusammen. Weshalb nach der Hazanavicius-Tortur auch noch der neue Film von Nouvelle-Vague-Altmeister Jean-Luc Godard auf dem Wettbewerbs-Programm stand. Barmherzig an "Adieu au Langage" (etwa: "Abschied von der Sprache"), ist nur seine Länge von 70 Minuten. Ansonsten mutete der 83-Jährige, der zum Festival nicht selbst anreiste, selbst seinen ergebensten Fans einiges zu: Wie schon bei seinem letzten Cannes-Beitrag "Film socialisme" (2010) muss man im audiovisuellen Strudel der Literatur-, Film- und Musik-Zitate, stets gewürzt mit mehr oder minder provokanten Postulaten und Thesen des politischen Kino-Avantgardisten, lange nach Sinn oder Verstand suchen.

Es geht, wie immer im Spätwerk Godards, um alles: Hitler, Frauen (über weite Strecken splitternackt: Héloise Godet), Männer, das Sterben, das Leben, das Alter, das Kacken (es wird lautstark gepupst) und neuerdings auch einen recht possierlichen Köter, der im letzten Drittel des Films zur Hauptfigur wird.

Ausgerechnet Godard, man entschuldige die billige Pointe, kommt in seinem vielleicht letzten Film auf den Hund, wenn das nicht ein ganzes Deutungsspektrum eröffnet. Zudem entdeckt er seine Freude an 3D-Technik, sodass seine üblichen Tafeln und Text-Einblendungen nun schön dreidimensional in den Saal ragen. Einige gemein überblendete Szenen mit Godet und ihrem ebenfalls oft nackten (und kackenden) Filmpartner Kamel Abdelli sorgen beim Versuch des Betrachtens mit 3D-Brille jedoch veritable Sehnervenkrämpfe und Kopfschmerzen. Damit in Erinnerung zu bleiben, bereitet dem Kinomeister der Schikane wahrscheinlich das größte Vergnügen. Den Buhrufen am Ende beugt Godard durch lautes Babygebrüll und Hundegewinsel im Abspann vor. Und bringt das ausdauernde, infantil-animalische Grundmotiv dieses Festivals damit unwissentlich auf den Punkt.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.