Cannes-Tagebuch Was Männer wollen

Mit Woody Allen sollte Cannes besser nicht mehr eröffnen. Der Franzose Alain Guiraudie ist da mit seinem Film "Rester vertical" kreativer - nicht nur, was die sexuellen Konstellationen angeht.

"Café Society"
Festival de Cannes

"Café Society"

Aus Cannes berichtet


Bei der Arbeit mal kurz wegnicken, dafür haben Filmkritikerinnen und Filmkritiker natürlich vollstes Verständnis. Wenn die Lichter aus sind, die Sitze weich und die Luft verbraucht, nimmt der Kampf mit dem Schlaf schnell überhand. Ähnlich muss es Woody Allen bei seinem neuesten Film "Café Society" ergangen sein, mit dem das Festival am Mittwochabend eröffnete. Während sein Kameramann Vittorio Storaro ("Apocalypse Now") damit beschäftigt war, Hauptdarstellerin Kristen Stewart so auszuleuchten, dass ihr Gesicht im Glanz der "magic hour" erstrahlt, muss Allen mehrfach eingeschlafen sein und nicht gemerkt haben, wie seine Schauspieler schon mal ohne ihn angefangen haben zu drehen. Als hätte niemand ein Auge drauf gehabt, wie unterschiedlich die Schauspieler ihre Rollen anlegen und wie wenig sie sich aufeinander in ihrem Spiel beziehen, fällt "Café Society" im Verlauf seiner 96 Minuten immer weiter auseinander.

Kristen Stewart nach "Adventureland" und "American Ultra" wieder an der Seite von Jesse Eisenberg zu sehen, macht erwartungsgemäß Spaß. Die beiden teilen eine nervöse Intelligenz, die sie für Woody-Allen-Filme prädestiniert. Doch im Los Angeles der Dreißigerjahren wirken sie fehl am Platz. Bobby (Eisenberg) ist erst kürzlich von New York an die Westküste gezogen, nun bittet er seinen Onkel Phil (Steve Carell), der ein einflussreicher Hollywood-Agent ist, um einen Aushilfsjob. Der tritt ihm erst einmal seine Sekretärin Vonnie (Stewart) ab, damit sie ihm die Stadt samt der glamourösen Villen der Stars zeigt. Bobby ist sofort von Vonnie begeistert, doch sie hat eine geheime Affäre - mit seinem Onkel Phil.

Bald findet sich Vonnie in einem Liebesdilemma wieder, das sich so auflöst, wie man es von Woody Allen erwarten muss: Wenn sich eine Frau zwischen einem gleichaltrigen und einem deutlich älteren Mann entscheiden kann, wählt sie den deutlich älteren. Dass die 26-jährige Stewart in ihrer Rolle als Gespielin des 53-jährigen Carell dauernd Babydoll-Kleider und Schleifchen im Haar trägt, lässt einen noch stärker an dieser Paarung zweifeln. Passenderweise hat Allens eigener Sohn Ronan Farrow gerade erst im Branchendienst "Hollywood Reporter" ein längeres Stück dazu geschrieben, wie die Medien mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Allen 2014 umgegangen sind. Seiner Meinung nach haben sie die Anschuldigungen seiner Schwester Dylan, die Allen sexuelle Übergriffe in ihrer frühen Jugend vorwarf, nicht ernst genug genommen.

Was auch immer sich damals zugetragen hat - das thematische Echo, das Allens Filme bis hin zu diesem immer wieder bieten, ist erschreckend. Der durchwachsene Applaus, den der Film bei der Eröffnung erhielt, hatte damit wohl nichts zu tun. Der war eher dem Umstand geschuldet, dass Allens Porträt von Old Hollywood und seiner Oberflächlichkeit selbst wenig gehaltvoll ausfallen ist. Da hat die Berlinale mit der Showbiz-Farce "Hail, Cesar!" von den Coen-Brüdern in diesem Jahr deutlich besser dagestanden. Letztlich sollte beides der Festivalleitung von Cannes zu denken geben, ob man die Festspiele wirklich noch mit einem Film von Allen eröffnen kann.

"Money Monster"
Festival de Cannes

"Money Monster"

Mit "Money Monster" (ebenfalls außer Konkurrenz) von Jodie Foster hätte in jedem Fall ein würdigerer Kandidat bereitgestanden, der mindestens genauso viele A-Lister auf den roten Teppich gebracht hätte wie Allen. George Clooney spielt den Moderator einer TV-Börsen-Show, der vor laufender Kamera von einem Kurzzeitarbeiter als Geisel genommen wird. Der junge Kyle (Jack O'Donnell, "Unbroken") hat durch einen fehlerhaften Anlagetip seine gesamten Ersparnisse verloren, jetzt will er eine Erklärung von den Verantwortlichen - und verleiht seiner Forderung Nachdruck durch eine Bombenweste, die er Clooneys Lee Gates umhängt. Julia Roberts ist die Regisseurin der TV-Show, die nun die Übertragung des weltweit live ausgestrahlten Geiseldramas steuern muss.

Als Alter Ego von Foster, die mit "Money Monster" ihren vierten Spielfilm vorlegt, taugt Roberts aber nur bedingt: Denn während Roberts ebenso atemlos wie das globale TV-Publikum die Entführung verfolgt, weiß Foster ganz genau, welche Wendungen die Geschichte nehmen soll. Wo der thematisch ähnlich gelagerte Oscargewinner "The Big Short" darauf setzte, die Finanzkrise in all ihrer Komplexität verständlich zu machen, setzt Foster allerdings auf psychologische Finesse. Wer hier Held und wer Bösewicht ist, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Der Börsenguru, auf dessen Rat man sich besser nicht verlassen sollte, ist nicht so zynisch wie befürchtet. Und der Geiselnehmer hat Frau und Kind zu Hause, für die er nun nicht mehr sorgen kann. Könnte es sein, dass sie ein gemeinsames Anliegen haben - nämlich den Betrug aufzudecken, der hinter dem fehlerhaften Anlagetip steckt?

In vielen Momenten hat "Money Monster" mehr von einem Politthriller denn einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Finanzbranche, schließlich dreht sich der Film hauptsächlich um eine isolierte Verschwörung. Zugleich setzen die Drehbuchautoren Jamie Linden, Jim Kouf und Alan DiFiore auf Personalisierung, um den Stoff dramatischer zu machen. Auch hier sehen sie im Vergleich zu "The Big Short" schlechter aus, denn der wollte nicht Einzelne zur billigen Verurteilung freigeben, sondern abstrakter die Deregulierung des Bankensektors anprangern. An großen Erkenntnissen bleibt am Ende von "Money Monster" denn auch wenig. Doch als Thriller, der weitaus unberechenbarer ist als vieles aus dem mittlerweile stark Action-lastigen Genre, reüssiert der Film durchaus.

"Rester vertical"
Festival de Cannes

"Rester vertical"

Wie bei Gustave Courbets berühmten Gemälde "Der Ursprung der Welt" nimmt die Vagina den Großteil des Bildes ein, während der Rest der Frau, zu der das Geschlechtsteil gehört, nicht zu sehen ist. Kurze Zeit später folgen die Bilder, die Courbets Titel erklären: Aus der Vagina wird ein Baby gepresst. Auch das in Nahaufnahme, um kurz vor 9 Uhr morgens in Cannes.

Explizite Geburt statt expliziter Sex? Nein, keine Sorge, in Alain Guiraudies Wettbewerbsfilm "Rester vertical" ist beides zu haben. Auf dem Papier hatte die Geschichte des erfolglosen Filmemachers Leo, der sich in der südfranzösischen Provinz in eine Schäferin verliebt, mit ihr ein Kind bekommt, aber schließlich von der Frau sitzengelassen wird, zunächst keusch geklungen.

Doch schon die Bilder von der Geburt machen klar, dass Guiraudie nichts von seiner unverschämten Neugier verloren hat und wie bei seinem Überraschungserfolg von 2013, dem schwulen Sex-Suspense "Der Fremde am See", wirklich sehr genau hinguckt, wo andere den Blick vermeintlich respektvoll senken. Das vollzieht sich bei "Rester vertical" formal nicht so streng wie beim "Fremden", der nur an einem abgelegenen Strand spielte. Stattdessen erkundet "Rester vertical" Lozère, den bevölkerungsärmsten Landstrich Frankreichs, in etlichen, mäandernden Kamerafahrten. Doch wenn man andeutet, dass es später im Film zu einem assistierten Suizid kommen wird, bei dem mit Hilfe von Analverkehr der Übertritt ins Jenseits versüßt wird, sollte deutlich werden, dass nichts an diesem Film provinziell ist.

Im Gegenteil, die erotischen Optionen scheinen hier besonders üppig zu sein. Nicht nur Schäferin Marie (India Hair) lädt Leo (Damien Bonnard) zügig in ihr Bett ein. Auch ihr Vater, bei dem sie gemeinsam unterkommen, macht Leo Avancen - aber erst als Marie ihn längst mit dem neugeborenen Sohn hat sitzen lassen. Überhaupt sorgt der Abtritt der Frau dafür, dass die Männer endlich in Ruhe ihren diversen Begehren nachgehen können. Das verläuft nicht immer zu ihrem Vorteil, besonders Leo gerät schnell in finanzielle und sexuelle Nöte. Doch für eines kann er trotz aller Schwierigkeiten immer garantieren: dass es seinem Sohn gut ergeht. So hat "Rester vertical" letztlich auch eine explizite Botschaft: Queer und ein guter Vater sein geht bestens zusammen.

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insgesamt 5 Beiträge
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nurpech76 12.05.2016
1. Nix Überschrift
Der letzte gute Film von Woody war Vicky Christina Barcelona.
Susi Sorglos 13.05.2016
2. Wieso ?
Wieso findet SPOM niemals einen Bericht fü nötig, der neben dem ollen TingelTangel auch mal die Cannes-Rolle des ADC zeigt ? Immerhin lebt ihr von Werbung, also warum keine dieser Prachtstücke erwähnen ?
h.hass 13.05.2016
3.
Woody Allen ist eben das Paradebeispiel eines Regisseurs, der weit über seinen Zenit hinaus immer weiter und weiter und weiter Filme dreht. Ist natürlich sein gutes Recht, aber muss man diesen Filmen wirklich A-Festivals eröffnen? Bei 80jährigen Regisseuren bekommt in der Regel doch nur noch biederes Handwerk serviert, kreatives, innovatives, spannendes Kino findet anderswo statt.
R. Augsburg 13.05.2016
4. Woody
Wenn Frau Pilarczyk findet, dass "Money Monster" eine würdigere Festivaleröffnung gewesen wäre, dann hat sie die Meinung ja wenigstens exklusiv... "TheWrap": "Money Monster’ Falls Short With Critics". Money Monster = 62 % positive Kritiken. Café Society = 75 % positive Kritiken. Und die ständige Leier, dass Woody keine guten Filme mehr dreht, kann ich nicht mehr hören. Kann ja gerne jeder mal bei Cate Blanchett nachfragen, die vor zwei Jahren den "Oscar" für seinen "Blue Jasmine" gewonnen hat.
h.hass 13.05.2016
5.
Zitat von R. AugsburgWenn Frau Pilarczyk findet, dass "Money Monster" eine würdigere Festivaleröffnung gewesen wäre, dann hat sie die Meinung ja wenigstens exklusiv... "TheWrap": "Money Monster’ Falls Short With Critics". Money Monster = 62 % positive Kritiken. Café Society = 75 % positive Kritiken. Und die ständige Leier, dass Woody keine guten Filme mehr dreht, kann ich nicht mehr hören. Kann ja gerne jeder mal bei Cate Blanchett nachfragen, die vor zwei Jahren den "Oscar" für seinen "Blue Jasmine" gewonnen hat.
Genau, es ist ja bekannt, dass mit dem Oscar grundsätzlich nur die besten Filme und die besten schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet werden...
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