"Captain Fantastic" mit Viggo Mortensen Trübe Lügenwelt

Gesellschaftskritik oder wirrer Feelgood-Film? In der Tragikomödie "Captain Fantastic" nimmt Viggo Mortensen seine Aussteigerfamilie mit auf eine Reise durchs kapitalistisch verhärtete Amerika.


Es beginnt mit einer Mannwerdung: Dem jungen Bodevan (George MacKay) wird vom Papa (Viggo Mortensen) ein bisschen Hirschblut ins Gesicht geschmiert. Dann bekommt er das noch warme Herz des Tiers serviert; er beißt hinein, kaut darauf herum, und das mit einem Ausdruck, der festlicher kaum sein könnte. Der Papa blickt stolz auf den Sohn und faltet die Arme aus, ganz so als öffnete er ihm damit die Pforte in die lang ersehnte Virilität. Dann wird der erlegte Hirsch nach Hause getragen; in ein Zuhause mitten in den weitläufigen Wäldern im Nordwesten der USA - ohne Strom und ohne Anschluss an die restliche Welt, mit Selbstversorgerbeeten, Feuerstellen und einem Wasserfall als Dusche. In dieser unberührten Umgebung erzieht ein Vater seine sechs Kinder. Er weckt sie frühmorgens mit dem Dudelsack, dudelt sie aus dem Bett fürs Training im Wald: Joggen, Liegestütze, Yoga.

Regisseur Matt Ross, das muss man ihm lassen, hat die Filme aufmerksam geschaut, die er mit "Captain Fantastic" imitieren will. Eine Familie, die sich erst seltsam benimmt, und ein Kleinbus, in den sie sich alsbald quetschen lässt - die Grundpfeiler eines amerikanischen Independent-Dramas, das auf dem Sundance-Festival, der wichtigsten Plattform für unabhängige Produktionen, Erfolg haben will. Vor zehn Jahren ging "Little Miss Sunshine" so bei Kritik und Publikum durch die Decke.

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"Captain Fantastic": Alternative für Amerika

Ross, bislang bekannter als Schauspieler ("Silicon Valley", "American Horror Story"), versieht in "Captain Fantastic" die hinlänglich bekannten Motive der dysfunktionalen Familie nun mit politischem Dreh. So lässt er seine Aussteigerfamilie beispielsweise auf Weihnachten pfeifen: Statt Jesus' Geburtstag wird Noam-Chomsky-Day begangen. Die Kinder tragen Gasmasken und Tierkostüme im Alltag, lassen sich vom Vater schon im zartesten Alter sexuell aufklären, gehen mit Pfeil und Bogen am Straßenrand auf Jagd. Schon 14-jährig liest der Sohn Dostojewskis "Die Brüder Karamasow". Vater Ben geht es um eine protoaufklärerische Heimerziehung. Wenn der Tochter ein Buch gefällt, genügt es ihm nicht, dass die Erzählung sie berührt. Sie soll sich erklären, soll begründen. Ben fordert analytisches, kritisches Denken und will seine Kinder zur Mündigkeit erziehen.

Asche ins Klo

In dieser Konstellation gibt es die Familie, und es gibt den Rest der Welt. Und damit gibt es auch den erzählerischen Grundriss, mit dem sich tragikomisch planen lässt. Der Anlass, aus dem die Familie ihre Enklave verlässt, ist zunächst ein trauriger: Die psychisch kranke Mutter hat sich umgebracht. Nun richten die steinreichen und überaus spießigen Großeltern eine Beerdigung in New Mexico aus, die die Verstorbene stets abgelehnt hatte. Wieder dieses Schreckgespenst: die christlich-bürgerliche Zeremonie an sich. In ihrem Testament hatte sie angeordnet, verbrannt und in der nächstliegenden Toilette hinuntergespült zu werden. Um diesem letzten Willen zu entsprechen machen sich Ben die Kinder auf den weiten Weg - mitsamt ihrer skurrilen Kostüme natürlich.

"Hier spricht euer Captain", so tut es der Vater über die Sprechanlage des Busses kund, bevor er den Motor anlässt. Nicht umsonst klärt sich der Titel dieses Films genau in jenem Moment, in dem die Reise startet. Der Motor des Kleinbusses ist der Motor der Erzählung. Diese interessiert sich wiederum nicht im Geringsten für den tragischen Anlass der Reise, sondern nur dafür, den klapperigen Kleinbus durch die Staaten tuckern und damit effektvolle Reibungen entlang der kapitalistisch verhärteten amerikanischen Wirklichkeit entstehen zu lassen. Es ist ein weiter Weg bis nach New Mexico, und der Omnibus ist selbstverständlich auch nicht der schnellste. Zeit und Okkasionen gibt es also genug, um den ganz besonders herzgewinnenden Eigensinn der Familie auf den Prüfstein zu stellen und entsprechend triumphieren zu lassen.

Es ist eine verlogene Welt, die hier passiert wird. Sie präsentiert sich in den McDonald's-Filialen an den Rändern der durchfahrenen Städte, in den Familiengesprächen am Esstisch der Schwägerin und schließlich in der scheinheilig weihevollen Aussegnungshalle. Dass es nicht leicht ist, in dieser trüben Lügenwelt den Glanz der menschlichen Wahrhaftigkeit, wie er von dieser etwas anderen Familie ausgehen soll, am Leuchten zu halten, ist ebenso klar wie die Häufigkeit, mit der man diese Prämisse schon ausbuchstabiert sah.

Das Problem von "Captain Fantastic" ist aber weniger das Formelhafte, mit dem die Klischees des amerikanischen Independent-Kinos miteinander multipliziert werden, sondern der unsichere Gebrauch der Formeln selbst. Gleich zu Beginn des Films stellt man sich unweigerlich die Frage, was bei allem Beharren auf den freisinnigen Menschenverstand an der zeremoniellen Feier einer naturgegebenen Mannesgenese aufgeklärter sein soll als an der Geburtstagsfeier des Heilands. Von solchen motivischen Rechenfehlern strotzt der Film: In einem Moment soll man darüber staunen, wie unverblümt der Captain seine Kinder schon im Vorschulalter aufgeklärt hat. Im nächsten soll man darüber lachen, dass der älteste Sohn naiv denkt, nach seinem ersten Kuss dem Mädchen einen Heiratsantrag machen zu müssen.

Was auch immer Ross miteinander verrechnet: Das Ergebnis muss immer ein Schmunzeln über die Skurrilitäten der Familie erzeugen. So donnert letztlich auch jeder gesellschaftskritische Impuls, mit dem sich "Captain Fantastic" abzuheben versucht, sofort ins Leere. Am Ende wünscht man den Kindern einfach nur den Ketchup getränkten Hotdog, den ihnen der Öko-Papa verbietet. Damit nach allem motivischen und ideologischen Hü-und-Hott einfach mal Ruhe ist.

Im Video: Der Trailer zu "Captain Fantastic"

"Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück"

    Originaltitel: "Captain Fantastic"

    USA 2016

    Buch und Regie: Matt Ross

    Darsteller: Viggo Mortensen, Frank Langella, George Mackay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Shree Crooks, Charlie Shotwell

    Produktion: Electric City Entertainment

    Verleih: Universum Film

    Länge: 120 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 18. August 2016

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