Filmfest Carlo Chatrian soll Chef der Berlinale werden

Der Nachfolger des langjährigen Berlinale-Chefs Dieter Kosslick steht offenbar fest: Der Italiener Carlo Chatrian, noch künstlerischer Leiter des Filmfests von Locarno, soll die Berlinale leiten. Er könnte Teil einer Doppelspitze werden.

Carlo Chatrian
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Carlo Chatrian


Der künstlerische Leiter des Filmfests von Locarno, Carlo Chatrian, soll nach Informationen des SPIEGEL und der "Bild"-Zeitung Nachfolger von Berlinale-Chef Dieter Kosslick werden. Die Personalie ist durchgesickert - offiziell bestätigt ist sie noch nicht. Es könnte gut sein, dass Chatrian Teil einer Doppelspitze wird - gemeinsam mit einer Frau. Am Freitag will die Findungskommission die Lösung für das Festival vorstellen, das neben Cannes und Venedig zu den wichtigsten weltweit gehört.

Der Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wollte entsprechende Berichte am Dienstagabend nicht kommentieren. Die Berufung werde am Freitag vom Aufsichtsrat bekanntgegeben.

Der gebürtige Italiener Chatrian soll den langjährigen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ablösen, dessen Vertrag im Mai 2019 endet. Grütters hatte als Leiterin der Findungskommission für die Nachfolge eine Zweierlösung befürwortet.

Heftige Debatte um Nachfolge

Um die Nachfolge für Kosslick hatte es eine heftige Debatte gegeben. Prominente Regisseure hatten in einem offenen Brief einen inhaltlichen Neustart für die Berlinale gefordert. Sie müsse weiter mit den großen Konkurrenten Cannes und Venedig mithalten können.

Chatrian, 1971 in Turin in Italien geboren, ist seit 2012 künstlerischer Leiter des Filmfests von Locarno im Tessin in der Schweiz. Dort sei ihm der Spagat zwischen Kunst und Kommerz gut gelungen, bescheinigen ihm Kritiker. Der Journalist und Autor gilt als echter Cineast und international bestens vernetzt.

Ob als Journalist oder Programmverantwortlicher für Retrospektiven: Chatrians Karriere hat viele Facetten. Im norditalienischen Turin studierte er Literatur und Philosophie. Seit den Neunzigerjahren arbeitete er als Filmkritiker.

"Ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin"

Er hat Bücher und Essays über Kinogrößen wie Errol Morris und Wong Kar-Wai geschrieben und war Lehrbeauftragter.

Noch im Juli 2017 zitierte ihn die "Zeit" in einem Porträt mit den Worten: "Die Berlinale ist ein großartiges Festival mit viel Potenzial, aber ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche."

Den Alltag eines Festivalchefs kennt Chatrian gut: Bis zu zwölf Festivals besucht er für Locarno im Jahr, er sichtet Hunderte Filme. Der dreifache Familienvater spricht demnach ein Englisch mit kräftigem italienischen Akzent. Und er soll noch immer in seiner Heimat, einem Bergdorf im Aostatal, wohnen. Chatrian sei kein Typ, den es in die Öffentlichkeit ziehe. O-Ton: "Mein Job ist es, die Filmemacher vor mich zu stellen."

Wie sein Kurs an der Berlinale-Spitze werden könnte, zeigt auch ein Interview, das er als Locarno-Verantwortlicher der "Neuen Zürcher Zeitung" gab: "Für mich stehen immer noch die Filme im Mittelpunkt, aber ich denke, heutzutage können Festivals nicht einfach nur Filme projizieren. Man muss etwas drumherum bieten."

In Locarno sah er es nicht als seine Pflicht an, im Wettbewerb die Art von Filmen zu zeigen, die das Publikum bereits kenne. "Das Programm sollte das Publikum überraschen, was nicht heißt, dass ich ihm einen Faustschlag versetzen möchte." Er habe von Anfang an gesagt, dass das Festival keine große Veränderung brauche.

Jetzt wird die Frage sein, ob dieser Kurs auch für Berlin gilt und wie er Deutschlands größtes Filmfestival prägen wird.

lie/dpa



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