"Carol"-Regisseur Haynes "Wenn du verliebt bist, fühlst du dich dauernd schuldig"

Liebesfilm oder Krimi? Mit seiner Highsmith-Adaption "Carol" gelingt Todd Haynes ein faszinierender Film über eine verbotene Liebe. Im Interview erklärt er, was Verliebte mit Verbrechern gemein haben.

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Ein Interview von


Zur Person
    Todd Haynes, geboren 1961 in Los Angeles, ist eine der wichtigsten Filmemacher des "New Queer Cinema". Zu seinen berühmtesten Werken gehören die Glamrock-Hommage "Velvet Goldmine" (1998), das Fünfzigerjahre-Melodram "Dem Himmel so fern" (2002) und die Bob-Dylan-Collage "I'm Not There" (2007). In seinem neuesten Film "Carol", nach einem Roman von Patricia Highsmith, spielen Cate Blanchett und Rooney Mara ein Liebespaar im New York der Fünfziger. Der Film ist bei den Golden Globes als bestes Drama, für die beste Regie, den besten Soundtrack und die besten Hauptdarstellerinnen nominiert.
SPIEGEL ONLINE: Herr Haynes, bislang haben Sie alle Ihre Filme selbst geschrieben. Doch "Carol" wurde an Sie herangetragen. Wie ist das passiert?

Haynes: Phyllis Nagy hatte schon sehr lange am Drehbuch gearbeitet, dann kamen Cate Blanchett und Sandy Powell, die Kostümbildnerin, mit der ich seit Langem zusammenarbeite, dazu - und dann war ich auf einmal mit an Bord. Nagy war wirklich wunderbar. Das Drehbuch lag ihr so am Herzen, außerdem kannte sie Highsmith persönlich. Und dann komm ich einfach daher und habe so meine Ideen…

SPIEGEL ONLINE: Was waren das für Ideen?

Haynes: Manche Änderungen, die Nagy im Lauf der Zeit am Drehbuch vorgenommen hatte, waren Folgen des Finanzierungsprozesses, man feilt einige Ecken und Kanten ab. Ich mochte diese Momente von Unbehagen, die die Buchvorlage kennzeichnen, sehr gern und wollte sie wenigstens teilweise wieder ins Drehbuch zurückholen. Von mir stammt außerdem der strukturelle Eingriff, dass sich die Szene vom Anfang später wiederholt. Das ist meine Verbeugung vor David Leans Film "Begegnung", an den ich sofort denken musste, als ich das Drehbuch las.

SPIEGEL ONLINE: Und die Momente von Unbehagen, von denen Sie gesprochen haben?

Haynes: Damit meine ich den Umstand, dass sich Therese in der Gegenwart von Carol oft unwohl fühlt. Sie spürt diese faszinierende Anspannung, die einen ergreift, wenn man sich verliebt. Man genießt diese peinlichen Momente und spielt sie immer wieder in seinem Kopf durch. Gleichzeitig ist die Anspannung fast zu groß. Es gibt eine Szene, in der Carol Therese beim Klavierspielen die Hand auf die Schulter legt. Im Buch küsst Carol ihr sogar das Haar. Doch obwohl Therese den Kuss so herbeigesehnt hat, kann sie sich später kaum daran erinnern, weil sie ganz davon eingenommen war, wie sich Carols Finger auf ihrer Schulter anfühlen. Wenn wir uns verlieben, stehen alle Ebenen unseres Bewusstseins unter Strom. Deshalb ist unsere Wahrnehmung oft verzerrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie diese Anspannung am Set kreiert?

Haynes: Zum einen haben wir in Cincinnati gedreht - einer Stadt, die keiner von uns kannte und die wir uns selbst erschließen konnten. Zum anderen hatten wir zwei Wochen Zeit für Proben, was ungewöhnlich ist für einen Low-Budget-Film. Während der Proben hieß es dann oft: "Lasst uns diesen Satz weglassen." oder "Das müssen wir nicht sagen, das erschließt sich doch." So haben wir gemeinsam die Geschichte destilliert und für die Lücken und Pausen gesorgt. Viele Szenen haben Cate und Rooney übrigens nicht gemeinsam. Wir verbringen viel Zeit getrennt in Thereses Welt und in Carols Welt. Wenn die beiden dann aufeinandertreffen, ist das umso außergewöhnlicher und einprägsamer.

Julianne Moore in "Dem Himmel so fern" aus dem Jahr 2002
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Julianne Moore in "Dem Himmel so fern" aus dem Jahr 2002

SPIEGEL ONLINE: Cincinnati hält in "Carol" als ein erstaunlich unspektakuläres, alltägliches New York der Fünfzigerjahre her, dabei sind Sie eigentlich für extrem stilisierte Szenerien bekannt. Warum das Streben nach Authentizität hier?

Haynes: Viele Leute vergleichen "Carol" mit meinem Film "Dem Himmel so fern" und fragen mich, was ich an den Fünfzigerjahren so mag. Die Filme sind aber sehr unterschiedlich. Die Ausdrucksformen in "Dem Himmel so fern" sind so spezifisch, sie sind stark gefiltert durch die Konventionen des Melodrams in der Tradition von Douglas Sirk. Diese Überdetermination und Verknappung waren Teil der Erzählung. Mit "Carol" wollte ich mich der Zeit auf andere Weise nähern. Ich sah mir Filme aus den Fünfzigern an, aber sie haben mir nicht weitergeholfen beim Erschließen des Stoffs. Da ich die Liebesgeschichte bei "Carol" so stark fand, habe ich dann angefangen, Liebesfilme zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Filme waren das?

Haynes: "Ein Platz an der Sonne" zum Beispiel. Die filmische Umsetzung der Geschichte ist wunderschön. Es gibt ganze Szenen, die in Weitwinkel gedreht sind und in denen sich die Kamera kaum bewegt. Manchmal sind Montgomery Clift und Elizabeth Taylor zu drei Vierteln von der Kamera abgewendet, manchmal sind sie nur als Silhouetten zu sehen. Hier wird dem Zuschauer zugetraut, dass er im Kopf ergänzt, was nicht gezeigt wird. Wirklich toll. Und dann wird das Ganze kontrastiert mit unglaublich intensiven Nahaufnahmen von Clift und Taylor. Die Weiß- und Schwarzabstufungen sind unglaublich gesättigt, ihre Augenbrauen und Wimpern und sein dunkles Haar scheinen sich regelrecht durch die Einstellung zu brennen. Diese seltsame Kombination aus Draufhalten und sich Rausziehen löst das Gefühl aus, eine Geschichte sowohl zu beobachten als sie auch zu erleben. Man wird einerseits in die Liebesgeschichte reingesogen und andererseits zurück in die Welt gestoßen.

Elizabeth Taylor und Montgomery Clift in "Ein Platz an der Sonne" (1951)
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Elizabeth Taylor und Montgomery Clift in "Ein Platz an der Sonne" (1951)

SPIEGEL ONLINE: Wie haben solche Filme Ihre Arbeit an "Carol" beeinflusst?

Haynes: Sie haben mich zu dem Perspektivwechsel gebracht, den wir im Film im Kontrast zum Buch haben. Der Roman fußt ganz in Thereses Erfahrungen. Dabei passiert nicht besonders viel in ihrem Leben. Sie ist jung und hat keine komplizierten Probleme, wie Carol sie hat - die gescheiterte Ehe, der Streit ums Sorgerecht für ihre Tochter, die Konventionen des Oberschichtslebens. Im Film nehmen wir aber auch Carols Perspektive ein. Ich habe von den klassischen Liebesfilmen gelernt, dass man immer dem Liebenden oder der Liebenden folgt, also der Person, die in Gefahr ist. Und das ist bei uns zum Schluss Carol. Sie ist mindestens so verletzlich wie Therese, und das arbeiten wir dem Perspektivwechsel heraus.

SPIEGEL ONLINE: "Carol" erscheint in Ihrer Verfilmung aber auch als Kriminalgeschichte - und das nicht nur, weil Patricia Highsmith durch Krimis berühmt wurde. Es scheint, als stünde ein Verbrechen unmittelbar bevor. Man rätselt nur, welches Verbrechen das sein könnte.

Haynes: Genau, das Verbrechen könnte die lesbische Liebe sein oder das Auseinanderbrechen einer Ehe oder der Altersunterschied zwischen Therese und Carol - das ist schließlich eine der großen Hürden in ihrer Beziehung. Was ich an Highsmiths Buch so liebe, ist, wie sie eine unsichtbare Linie zieht zwischen den pathologischen Handlungen eines kriminellen Geistes und eines verliebten Geistes. In beiden Geisteszuständen bist du von der Welt abgeschnitten: Du suchst fieberhaft in jedem Zeichen nach Bedeutung, dein Verstand ist narrativ unglaublich produktiv, du denkst dir die ganze Zeit Geschichten aus, wie alles zusammenhängen könnte. Die Denkweisen von Verbrechern kenne ich zwar nicht, aber die von Verliebten, und da fühlst du dich tatsächlich dauernd schuldig und gebrandmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Weil man seine wahren Gefühle wie ein Verbrechen vertuschen will.

Haynes: Absolut, dein Schicksal scheint von jeder einzelnen Handlung abzuhängen, deshalb ist man so überzogen aufmerksam.

SPIEGEL ONLINE: Wenn zwei Stars wie Cate Blanchett und Rooney Mara ein lesbisches Paar spielen, entstehen schnell voyeuristische Erwartungen. Haben Sie jemals überlegt, die Liebesszene wegzulassen?

Haynes: Nein, weil "Carol" unter anderem auch ein Suspense-Film ist. Wann und unter welchen Umständen die beiden Frauen miteinander schlafen, sorgt für Spannung und trägt einen durch den Film. Beim Buch ist es übrigens genauso. Man denkt die ganze Zeit: "Werden sie es jemals tun? Die sind ja so höflich und zurückhaltend!"

Blicke müssen vorerst reichen: Rooney Mara (l.) und Cate Blanchett in "Carol"
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Blicke müssen vorerst reichen: Rooney Mara (l.) und Cate Blanchett in "Carol"

SPIEGEL ONLINE: Was ich an Ihrem Film bemerkenswert fand, war, dass er nicht versucht, den Bogen in die Gegenwart zu schlagen und zum Beispiel an Diskussionen um die Ehe für alle anzuknüpfen. Er interessiert sich dezidiert für die Vergangenheit und spürt - durchaus mit Sehnsucht - nach, was mit dieser Zeit verlorengegangen ist. Man könnte es die Kreativität nennen, die Unterdrückung hervorbringt.

Haynes: Viele Leute aus dem queeren Umfeld fragen sich, was der Film über die Gegenwart zu sagen hat und wie er sich zu den erzielten Fortschritten verhält. Ich war aber nie an einem "Zum Glück geht's uns heute viel besser"-Film interessiert. Natürlich haben sich so viele Dinge für Lesben und Schwule zum Besseren verändert, und diese Veränderungen kann man nicht überbewerten. Was das Buch so großartig einfängt, ist der radikale Verlust einer Ausdrucksweise für das, was Therese erlebt. Im Buch sagt sie: "Ich würde es Liebe nennen, doch Carol ist eine Frau." Sie bringt die beiden Dinge sprachlich nicht zusammen. Auf gewisse Weise glaubt jeder, der verliebt ist, unabhängig von seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung, eine eigene, neue Sprache für seine Gefühle zu entwickeln. Für Schwule und Lesben traf das vor den Stonewall-Ausschreitungen aber buchstäblich zu.

SPIEGEL ONLINE: Was war vor den Stonewall-Ausschreitungen 1969, dem großen queeren Aufstand in der Christopher Street gegen Polizeiwillkür, anders?

Haynes: Wie sich Homosexuelle kennenlernten, sich verabredeten, auf die Mehrheitsgesellschaft schauten und sie gegen den Strich lasen - aus einer kritischen Minderheitsposition heraus, durch Ironie und Camp informiert: Die Fünfzigerjahre waren das wohl das letzte Jahrzehnt, in dem das aus einem entschieden marginalisierten, oppositionellen Standpunkt heraus möglich war. Ich komme nicht drum herum, die Energie, die aus dieser kritischen Haltung erwachsen ist, zu vermissen. Das ist letztlich Ausdruck der Spannung zwischen Assimilierung und Differenz, die die Fortschritte in der westlichen Welt so prägen. Es gibt so viele Spielarten von Geschlecht und Identität, denen man zu ihren Rechten und Freiheiten verhelfen will. Gleichzeitig will man aber seine Einzigartigkeit bewahren. Darin sehe ich einen andauernden historisch-kulturellen Konflikt.

SPIEGEL ONLINE: Die Energie, die Sie beschreiben, ist in Ihrem Film deutlich zu spüren: Was nicht ausgesprochen werden kann, drängt so lange, bis es eine andere Ausdrucksweise gefunden hat. Das macht die Geschichte von "Carol" auch zu so einem guten Filmstoff.

Haynes: Genau, Film kann mit so unterschiedlichen Stimmen sprechen - seien es Bilder oder Musik -, und dieser Film hat allen Stimmen einen Grund gegeben zu sprechen. Deshalb kann man zum Beispiel auch die Kostüme so wertschätzen: Man merkt, dass sie etwas zur Handlung beitragen, und spürt, wie alles zusammen wirkt. Für mich als Regisseur ist das das größte Gefühl, denn Filme zu machen, ist so ein gemeinschaftlicher Prozess, und hier war ich von tollen Leuten umgeben.

Im Video: Der Trailer zu "Carol"

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