Zum Tod von Carrie Fisher Prinzessin und Rebellin

Wie keine Zweite prägte Carrie Fisher die Heldinnenfigur des Kinos. Sie war mal lieblich, mal schießfreudig. Und bei allem, was sie tat, forderte sie ihr Publikum auf: Nehmt das Leben nicht zu ernst.

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Carrie Fishers erster großer Auftritt war eine Projektion. Aus der Linse des Droiden R2D2 wurde sie als Hologramm in die Behausung von Luke Skywalker geworfen. Sofort setzte die bläulich flimmernde Figur dazu an, einen gewissen Obi-Wan Kenobi verzweifelt um Hilfe zu bitten. Wie der junge Skywalker wusste auch das Kinopublikum 1977, als der erste "Star Wars"-Film in die Kinos kam, nicht, wer dieser Obi-Wan Kenobi sein sollte. Und wie der junge Skywalker fragte sich auch das Kinopublikum als nächstes: "Wer ist sie? Sie ist wunderschön."

Zu sagen, dass Carrie Fisher als Prinzessin Leia Filmgeschichte schrieb, ist falsch, denn sie schreibt sie immer noch. An ihr müssen sich seit 40 Jahren alle Heldinnenfiguren des Kinos messen, und sie werden es in Zukunft genauso müssen, denn an sie reicht keine in ihrem Facettenreichtum heran.

Wie der gesamte "Star Wars"-Erzählkosmos war ihre Figur halb aus Mythen, halb aus Zeitgeist zusammengefügt. Sie war halb Prinzessin, halb Rebellin, halb lieblich, halb schießfreudig, halb Identifikationsfigur für Mädchen, halb Traumfrau für Jungen.

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Carrie Fisher: Prinzessin Leia aus "Star "Wars" ist tot

Dass eine andere Schauspielerin diese Gratwanderung so meisterlich hinbekommen hätte wie Fisher, ist unwahrscheinlich. Sie tat es einfach, und sie tat es mit einem Zwinkern in den Augen, das auch ein anderes Einverständnis mit ihrer Figur ermöglichte: Nehmt diese Geschichte um magisch begabte Ritter nicht so furchtbar ernst, lasst uns einfach Spaß haben bei allem, was da kommt.

Was da kam, war die größte Erfolgsgeschichte, die das Kino wohl kennt: Mittlerweile wächst die dritte Generation an Fans mit ihrer ganz eigenen Filmtrilogie über die helle und die dunkle Seite der Macht heran. Wie zentral Prinzessin Leia dabei für das Franchise ist, lässt sich auch daran ablesen, dass es selbst nicht anders konnte, als lediglich Variationen von ihr in den folgenden Prequels, Sequels und Stand-Alone-Filmen zu bringen.

Ob Prinzessin Amidala aus den Episoden I bis III (gespielt von Natalie Portman), Rey aus Epsiode VII (Daisy Ridley) oder jüngst Jyn Erso (Felicity Jones) aus "Rogue One": Sie alle teilen mit Leia ihren rebellischen Geist und ihre Haarfarbe, Rey hat ein bisschen mehr von ihrem Witz, Jyn ein wenig mehr von ihrer Tatkraft und Amidala ihren Hang zu eigenwilligen Haargeflechten.

Nur an den Sex-Appeal von Leia kommt keine heran: Die in Ketten gelegte, aber weiterhin sich kämpferisch gebende Prinzessin im goldenen Metallbikini aus Episode VI ist der einzige erotische Moment, den sich "Star Wars" je gegönnt hat. War Leia zuvor noch durch den strengen Faltenwurf ihres weißen Kleides und die wie ionische Säulenabschlüsse geformten Zopfschnecken auf griechische Sagenfigur getrimmt worden, wurde sie als Gefangene von Jabba the Hutt zur erotischen Ikone - und daran konnte weder ihre spätere Befreiung noch das Happy End in Baumkronen umringt von putzigen Fellknäueln etwas ändern.

Jung, begabt, gewitzt und schön: Nach dem Ende von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" hätte man meinen können, dass "Star Wars" nur der erste von vielen Filmerfolgen von Fisher sein würde. Zu klar unterschieden sich ihre Darstellkünste von denen ihrer Mitstreiter Harrison Ford und Mark Hamill. Die hatten zwar die spektakuläreren Sidekicks in Form von Yoda und Chewbacca, waren aber dadurch auch von der Aufgabe entbunden, mehr als zwei Gesichtsausdrücke zeigen zu müssen.

Lange Drogensucht

Noch während des Drehs an "Star Wars" teilten sich die Schicksale der drei Hauptdarsteller wie Weggabelungen auf: Ford hatte zwischendurch nicht nur den Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" gedreht, sondern mit "Indiana Jones" schon die nächste erfolgreiche Filmreihe am Start. Mark Hamill fand nach einigen missglückten Auftritten in Fernsehproduktionen als Synchronsprecher zu einigem Erfolg und einem Lebensmodell, das es ihm ermöglichte, von seiner Arbeit leben zu können, ohne seine berühmten blauen Augen zeigen zu müssen.

Für Carrie Fisher hatten die Achtzigerjahre keine Verwendung mehr. Sie lehnte die Rolle der Sarah Connor in "Terminator" ab, danach dominierten im Kino die Frauen mit dem "Heavy Make-up" und dem "High Hair", die keine Rebellion anführten, sondern aus verschmähter Liebe austickten und Kaninchen ertränkten.

1987 schrieb sie sich schließlich selbst eine Rolle, die sie die nächsten Jahre spielen sollte: eine Version ihrer selbst, einer Tochter einer berühmten Schauspielerin, die lange Zeit mit ihrer Drogensucht zu kämpfen hatte. "Postcards from the Edge" hieß das semi-autobiografische Buch, das Fisher veröffentlichte und in dem sie von ihrer Kokainsucht und ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter Debbie Reynolds erzählte. Die Drehbuchadaption für Mike Nichols' Verfilmung von "Postcards from the Edge" (deutscher Titel: "Grüße aus Hollywood") verfasst Fisher selbst, Meryl Streep und Shirley MacLaine spielten das Mutter-Tochter-Gespann.

Fortan stand Carrie Fisher gleich doppelt abseits in der Filmbranche: Zum einen, weil sie nie an den Erfolg ihrer Rolle als Prinzessin Leia anknüpfen konnte, zum anderen, weil sie sehr offen über eben dieses Versagen reden und auch lachen konnte.

Mit sich, dem Alter und dem Körper zufrieden

Wie gut sich Fisher mit ihrem Leben jenseits von Hollywood arrangiert hatte, konnte man schließlich sehen, als sie auf Promo-Tour für "Star Wars: Das Erwachen der Macht" ging. Mit grauem Haar und abgedunkelter Brille, in unglamouröser Strickware und manchmal auch mit einem Hund an ihrer Seite zeigte sie sich auf den roten Teppichen rund um die Welt - nicht wie jemand, der auf alle Fachkräfte Hollywoods hätte zurückgreifen können, um sich jugendliche Haarfarbe, straffe Gesichtszüge und schmeichelhafte Designerkleidung beschaffen zu lassen. Sondern wie jemand, der mit sich, seinem Alter und seinem Körper zufrieden ist.

Es ist eine mindestens so schöne und wichtige Rolle, die Carrie Fisher zum Ende ihrer Karriere und leider auch ihres Lebens spielte: In ihren letzten Auftritten und Interviews zeigte sie genauso viel Leidenschaft wie die junge Prinzessin im Kampf gegen zu starre Frauenbilder.

Bezeichnend ist, dass ihr letzter Filmauftritt zu Lebzeiten - sie wird noch einmal im kommenden "Star Wars"-Film Episode VIII als Leia zu sehen sein - ebenso wie ihr erster großer eine Projektion ist. In "Rogue One", dem Film, der die Vorgeschichte von Episode IV erzählt und der gerade in den Kinos läuft, ist Fisher noch einmal dank digitalem Zauber für einige Sekunden als blutjunge Leia zu sehen, und sie spricht ein einziges Wort: "Hoffnung".

Man könnte meinen, dass ihre Lebensmission in dieser Szene zusammengefasst ist: für immer jung zu sein und für immer Hoffnung zu spenden. Doch Carrie Fishers Leben zu würdigen, heißt, sie als fiktive und als reale Heldin, als junge Prinzessin und alte Rebellin in Erinnerung zu behalten.



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
nightwarrior 27.12.2016
1. R.i.p.
May the Force be with you forever.
trebis 27.12.2016
2. Leider falsch
Denn in Star Wars IV ist sie schon lange vor der R2D2-Szene zu sehen. Was das Ableben unserer Prinzessin aber nicht weniger traurig macht... - aber Ihren Nachruf leider auch.
frank57 27.12.2016
3. Traurig
Rest in Peace Leia!
ichsagwas 27.12.2016
4. Mir wird die Story langsam zu groß
Ist Carrie Fisher wirklich eine so große und bekannte Schauspielerin ? Drei Artikel auf den Plätzen 1, 2 und 3 bei SPON. Jeden Tag sterben wichtige Künstler. Nur von denen hört man nichts. Selbst wer eine oder einige Folgen von Star Wars gesehen hat, kann mit dem Namen Carrie Fisher in Deutschland nicht unbedingt was anfangen. Geht die Hegemonie Hollywoods schon so weit, dass so jemand zu einer zentralen Figur unseres kulturellen Lebens hochstilisiert werden muss ?
Augustusrex 27.12.2016
5. Ruhe in Frieden
Ruhe in Frieden, Prinzessin. Möge die Erde dir leicht werden.
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