Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Carrie"-Remake: Satans nicht mehr ganz so junge Tochter

Von

Wie sieht Schulhofterror im Facebook-Zeitalter aus? Die Zeichen für ein Update des Horrorklassikers "Carrie", in dem sich eine gemobbte Schülerin blutig rächt, standen nicht schlecht - und mit Julianne Moore und Chloë Grace Moretz war eine Top-Besetzung gefunden. Was konnte da also schiefgehen?

Chloë Grace Moretz war eigentlich das Mädchen, das niemals erwachsen werden durfte. 2010 spielte sie in "Let Me In" das Vampirmädchen Abby, eine sensible und zugleich monströse Seele, gefangen in einem ewig kindlichen Körper - und auch dieser Film war schon ein Remake. Nun ist sie Carrie in der Neuverfilmung eines Klassikers um den Horror des Erwachsenwerdens, den Brian De Palma 1976 nach dem Debütroman von Stephen King gedreht hatte.

De Palma wird heute fast nur noch als Hitchcock-Epigone wahrgenommen, und so unfair diese Kategorisierung auch sein mag: Kaum denkbar, dass er in der weichgezeichneten, trügerisch verlangsamten Eingangssequenz, in der Carrie nach dem Sportunterricht in der Mädchendusche ihre erste Periode bekommt, in der eine Hand langsam seifend über den Bauch fährt und Blut in den Abfluss tropft - kaum denkbar, dass De Palma damals nicht genau die stilprägende Mordsequenz für seinen Film aufnehmen und uminterpretieren wollte, mit der sein Lieblingsregisseur 1960 in "Psycho" schockiert hatte.

Wenn man sich "Carrie" aus dem Jahre 2013 anschaut, dann denkt man also bisweilen, Regisseurin Kimberly Peirce schicke einen in ein Spiegelkabinett, in dem sich ein Abbild bis in die Unendlichkeit fortsetzt. Macht zunächst ja alles nichts, die ewige Wiederkehr passt doch eigentlich bestens zu einem Genre, das bevölkert ist von den Untoten und den Geistern, die doch nichts anderes sind als unsere düstere Vergangenheit. Und hören wir nicht immer wieder, wir lebten längst in einer Remix-Kultur?

Zusammenprall von zwei Naturgewalten

Das Gefühl, dass der Film den Anschluss an die Gegenwart nur sehr bedingt sucht, verstärkt sich durch Peirces Entscheidung, ihre Figuren in ein scheinbar zeitloses, farbentsättigtes Kleinstadtkaff in Amerika zu stecken, ganz ohne die Dauerwellen und den etwas grellen Möchtegern-Discoglamour der siebziger Jahre. John Travolta etwa war damals in einer Nebenrolle bei De Palma mit dabei, mit fluffiger Langhaartolle, als Repräsentant einer einigermaßen klar definierten Jugendkultur. Sissy Spacek spielte Carrie, eine ätherische, zerbrechliche und unheimliche Präsenz, die sich für die alltäglichen und nicht so alltäglichen Quälereien an der Highschool mit einem grausamen Feldzug rächt, für den sie ein eben erst erwachtes, übernatürliches Talent einsetzt.

Fotostrecke

9  Bilder
"Carrie"-Remake: Frisches Blut für alten Horror

Aus dem Zusammenprall von zwei Naturgewalten - der jugendlichen Zügellosigkeit auf der einen Seite und der tobenden schwarzen Magie auf der anderen - entsteht der Horror von "Carrie". Genau diesen Kontrast zeichnet Peirce nicht scharf genug. Sicher, ein Video wird ins Internet hochgeladen, um Carrie zu quälen, und eine SMS sorgt für eine - eher folgenlose - Wendung des Plots. Aber dies wirkt mehr wie lustlos dahingeworfene Hinweise auf eine angebliche Aktualisierung des Stoffes, als dass es von einem echten Interesse an der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen zeugte. Und ein solches dürfte man von einem Film über Außenseitertum schon erwarten.

Chloë Grace Moretz' Carrie ist ein blondgelocktes Mäuschen, hübsch, aber halt irgendwie verschüchtert, und die Abgründe und die Widersprüche, die in ihr hausen, muss sie erst herbeispielen. Zu Hause wartet ihre Mutter Margaret, nun gespielt von Julianne Moore, eine fanatische Christin, die ihre Tochter als Frucht der Sünde eines einmaligen Fehltritts ansieht. Ihre Figur bekommt ein wenig mehr Platz im neuen Film, ihre Selbstgeißelung und das Verhältnis zu Carrie, in das sich doch, immer wieder, ein wenig aufrichtige Liebe mischt.

Aggressiv antimodern

Dennoch, in die Welt ihrer Mutter möchte Carrie nicht gehören, in die Welt der Gleichaltrigen lässt man sie nicht ein. In der Schule wird sie gehänselt und geschnitten, unter der Dusche, als sie nicht weiß, wie ihr geschieht, gibt es von ihren Mitschülerinnen statt Hilfe ein Bombardement mit Hygieneprodukten. Nur Sue (Gabriella Wilde) hat Mitleid mit ihr, so großes sogar, dass sie ihren Freund überredet, Carrie zum Abschlussball einzuladen. Diese Tür in ein neues Dasein aber wird vor Carries Nase grausam und krachend zugeworfen, und noch grausamer wird sie sich dafür rächen. Dabei sterben die Bösen ein wenig blutiger, und die Guten werden ein wenig bewusster gerettet als bei De Palma - vielleicht durften sie deshalb allesamt nicht zu runderen Charakteren werden.

Gleichzeitig ist "Carrie" auch ein Horror, der viel tiefer geht als die große, bombastisch ausgemalte Katastrophe am Ende. Der wahre Schrecken von "Carrie" drückt sich in der Gewalt aus, die von der Mutter ausgeht - einem Geist, der Schutz bieten sollte und stattdessen Strafe gibt. Im bewusst Antimodernen, das Julianne Moore verkörpert und das sich in ihrer Kleidung und in der Ausstattung ihres Hauses fortsetzt, lauert eine zeitlose Unheimlichkeit, die sich weder in den siebziger Jahren noch heute auf eine Allegorie des Kulturkampfs reduzieren lässt, den das religiöse Amerika gegen das säkulare führt.

Kimberly Peirces Film ist genau an diesen Stellen immer noch unheimlich. Aber auch damit kann sie nicht beantworten, was sie mit ihrer Arbeit eigentlich im Sinne hatte. Eine Neuinterpretation? Die wäre grandios gescheitert. Ein Spiel aus Zitaten und Verweisen? Dafür hätte es mehr gebraucht, als De Palmas Duschszene bis in einzelne Einstellungen exakt nachzudrehen.

Peirces bislang bekanntester Film war das Transgender-Drama "Boys Don't Cry" aus dem Jahre 1999, und man durfte gespannt sein, wie sie einer Geschichte, die auch von weiblicher Selbstermächtigung erzählt, neues Leben einhaucht. Doch davon ist in ihrem neuen Film leider nichts zu sehen.

Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Noch ein Film...
der gärtner 03.12.2013
Zitat von sysopSony PicturesWie sieht Schulhof-Terror im Facebook-Zeitalter aus? Die Zeichen für ein Update des Horrorklassikers "Carrie", in dem sich eine gemobbte Schülerin blutig rächt, standen nicht schlecht - und mit Julianne Moore und Chloë Grace Moretz war eine Top-Besetzung gefunden. Was konnte da also schief gehen? http://www.spiegel.de/kultur/kino/carrie-remake-von-kimberly-peirce-mit-chloe-grace-moretz-a-936120.html
...mit der "niedlichen" Chloë Grace Moretz und kein Ende in Sicht. Der Trailer zum Flm sagt viel aus und wem noch "Let me in" im Gedächtnis geblieben ist, ein Remake des schwedischen "Låt den rätte komma in" oder auf deutsch "So finster die Nacht" von Tomas Alfredson, der weiß wie tödlich Chloë´s Niedlichkeit für einen Film sein kann und wie bezaubernd das Original ohne sie ist. Ihr überambitioniertes Hollywood-Spiel langweilt und scheint letztlich nur zweidimensional. Das ist natürlich nur meine Meinung, aber man sollte immer mit dem Original abgleichen!
2. Immer diese überflüssigen Remakes...
hartmut_s 03.12.2013
Fast alle Horrorklassiker der 70er und 80er wurden in den letzten Jahren neu gedreht, ohne dass irgendwie ersichtlich wäre, wozu das gut sein sollte. "Das Omen" zb wurde einfach Szene für Szene mit größtenteils identisch aussehenden Leuten (Ausnahme: Damiens Vater) nocheinmal gedreht. Nur in einer Szene wurde ein Umschlag durch eine E-Mail ersetzt. Das hier klingt genauso; wer braucht das? Werden als Nächstes Bilder von Rembrand etc neu gemalt (evtl mit Computer im Hintergrundoder so)?!
3. Abgleich
Der Durchschnittsdeutsche 03.12.2013
Zitat von der gärtner...mit der "niedlichen" Chloë Grace Moretz und kein Ende in Sicht. Der Trailer zum Flm sagt viel aus und wem noch "Let me in" im Gedächtnis geblieben ist, ein Remake des schwedischen "Låt den rätte komma in" oder auf deutsch "So finster die Nacht" von Tomas Alfredson, der weiß wie tödlich Chloë´s Niedlichkeit für einen Film sein kann und wie bezaubernd das Original ohne sie ist. Ihr überambitioniertes Hollywood-Spiel langweilt und scheint letztlich nur zweidimensional. Das ist natürlich nur meine Meinung, aber man sollte immer mit dem Original abgleichen!
BEVOR man mit dem Original abgleicht, sollte man das Remake aber zumindest erst mal gesehen haben, oder?
4. de Palma
Skalla-Grímr 03.12.2013
---Zitat--- De Palma wird heute fast nur noch als Hitchcock-Epigone wahrgenommen ---Zitatende--- Aber nur von Feuilletonisten, die keine Ahnung haben. Jedem seine Einflüsse - Brian de Palma ist höchst innovativ damit umgegangen und hat Filme geschaffen, die nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch Höchstspannung garantieren.
5. Leider ist es...
KnoKo 03.12.2013
Zitat von hartmut_sFast alle Horrorklassiker der 70er und 80er wurden in den letzten Jahren neu gedreht, ohne dass irgendwie ersichtlich wäre, wozu das gut sein sollte. "Das Omen" zb wurde einfach Szene für Szene mit größtenteils identisch aussehenden Leuten (Ausnahme: Damiens Vater) nocheinmal gedreht. Nur in einer Szene wurde ein Umschlag durch eine E-Mail ersetzt. Das hier klingt genauso; wer braucht das? Werden als Nächstes Bilder von Rembrand etc neu gemalt (evtl mit Computer im Hintergrundoder so)?!
...anscheinend tatsächlich so, dass es inzwischen alles schon einmal gegeben hat. Ob es nun um Musik oder, wie hier, um Filme geht. Etwas Neues kommt einfach nicht mehr und es erscheinen lediglich noch Remakes bzw. Variationen von schon dagewesenem.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Video

Carrie

USA 2013

Regie: Kimberly Peirce

Buch: Lawrence D. Cohen und Roberto Aguirre-Sacasa nach dem Roman von Stephen King

Darsteller: Chloë Grace Moretz, Julianne Moore, Gabriella Wilde, Portia Doubleday, Judy Greer, Ansel Elgort

Produktion: MGM, Screen Gems, Misher Films

Verleih: Sony

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 5. Dezember 2013


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: