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Cash-Film "Walk the Line": Schwarze Augen, reines Herz

Von Olaf Schneekloth

Die Initialen teilt er mit Jesus, seine Fans verehren ihn wie einen Heiligen, jetzt ist der Man in Black tatsächlich auferstanden - im Kino: James Mangolds grandios besetzter Film "Walk The Line" zeigt, wie die Country-Ikone Johnny Cash zur moralischen Instanz wurde.

Folsom Prison, CA, 1968: Johnny Cash steht der Schweiß auf der Stirn. Geistesabwesend fährt er im Backstage-Bereich mit dem Daumen über die Zacken einer Kreissäge. Alle warten auf ihn, brüllen, johlen, der Lärm ist infernalisch. Die Mitglieder der Begleitband "The Tennessee Three" blicken sich nervös um. Wo bleibt er? Lange können sie die Meute aus Mördern, Vergewaltigern und Schlägern mit ihrem Rockabilly-Rhythmus nicht mehr zurückhalten. Boom-Chicka-Boom! Der Saal bebt, doch Cash ist mit seinen Gedanken weit weit weg, in den dreißiger Jahren in Dyess, einem Baumwollpflücker-Kaff in Arkansas.

"Walk the Line", gedreht von James Mangold ("Cop Land") erzählt, wie Johnny Cash durch die Hölle ging und geläutert zurück kam. Der Film konzentriert sich auf Cashs wildes Leben bis zum Ende der sechziger Jahre, als er, ganz Pillenwrack und Schnapsfass, energisch seiner späteren Ehefrau June Carter hinterher hechelte. Ausgangs-, End- und unbestrittener Höhepunkt der Biographie-Verfilmung ist das legendäre Knast-Konzert in Folsom.

Schon die ersten Minuten machen deutlich, dass Joaquin Phoenix die perfekte Besetzung als "Man in Black" ist. Es mag Schauspieler geben, die dem jungen Johnny Cash ähnlicher sehen. Aber kein Darsteller seiner Generation wirkt so verletzlich und innerlich zerrissen. Vielleicht, weil Phoenix wie Cash früh seinen geliebten, älteren Bruder verloren hat. River Phoenix starb 1993 an Drogen, Jack Cash 1944 bei einem Unfall mit einer Kreissäge. Vielleicht ist Phoenix auch einfach der beste Cash, weil er mit diesen wohl schwärzesten Augen des Filmgeschäfts jeden auf sanfte Art zu durchbohren vermag.

Reese Witherspoon, die Cashs große Liebe und spätere Ehefrau June Carter spielt, hält mit Südstaaten-Mutterwitz dagegen. Sie stammt ohnehin aus der Country-Hauptstadt Nashville und wirbelt durch den Film wie eine brave Hausfrau in der Küche. Das mag bieder wirken, aber bis Cash kam und in Songs "Männer erschoss, nur um zu sehen, wie sie sterben" ("Folsom Prison Blues"), war Country eben eine Welt der alten Werte und einfachen Wahrheiten.

Stimme, tiefer gelegt

Der 2003 verstorbene Johnny Cash genehmigte Phoenix noch persönlich. Er habe ihn als Kaiser Commodus in "Gladiator" so sehr bewundert, dass er sich gerne von ihm verkörpern lassen wollte. Phoenix nahm sich diese Weihe zu Herzen, lernte Gitarre spielen, studierte 25 Cash-Songs ein und legte seine Stimme durch mehrmonatiges Training um einige Lagen tiefer. Denn eines war Bedingung: Er und Reese Witherspoon sollten selbst singen! Was im ersten Moment wie ein Sakrileg erscheint - schließlich ist vor allem Cashs Grabes-Bass einzigartig und unverwechselbar - entpuppt sich im Nachhinein als kühne und wunderbare Idee. Statt einfach zu imitieren, interpretieren Phoenix und Witherspoon Cashs Songs und verleihen ihnen ihre eigene Note. Das ist rauher, intimer und unmittelbarer als wenn zum Playback penibel einstudierte Gesten abgespult würden. Die Live-Auftritte gehören folglich zu den Highlights des Films.

Die Ballade von Johnny und June

Die beiden Stars von "Walk the Line" überstrahlen mit ihrer Bühnen- und Leinwandpräsenz alles andere. Beide wurden schon jeweils mit einem Golden Globe belohnt und sind nun auch für einen Oscar nominiert. Wie sie Johnnys und Junes komplizierte Liebe darstellen, pumpt Blut in den Film und beflügelt die Sinne.

Bereits bei der ersten flüchtigen Begegnung zwischen dem schüchternen Landei Cash und der schlagfertigen Radio-Berühmtheit Carter knistert es, doch beide sind verheiratet. Dass sie sich im damaligen Tournee-Zirkus, den sie gemeinsam mit Elvis, Roy Orbison und Jerry Lee Lewis bestreiten, auch noch ständig wieder begegnen und gemeinsam auftreten, macht Cash schon bald völlig fertig. Je häufiger er Zeit mit June verbringt und sie ihn zurückweist, weil die Moralvorstellungen der Zeit es verbieten, umso mehr Pillen und Pullen müssen dran glauben. Cash, durch einen Vaterkomplex ohnehin psychisch labil, wird immer unberechenbarer. Er randaliert, zertritt Bühnenlampen im Rausch. June ist schockiert und zieht sich immer mehr zurück. Mehr als zehn Jahre dauert es, bis sie 1968 endlich einen der zahlreichen Heiratsanträge Cashs annimmt - stilecht auf der Bühne.

Ring of Fire

Zeugnis dieses heißen Hin-und-Hers ist der von June Carter (und Merle Kilgore) komponierte Song "Ring of Fire". Der gemeinsame Kampf um die Liebe ist auch der wesentliche Unterschied zum Ray-Charles-Biopic vom letzten Jahr. Wer "Ray" gesehen hat, wird die inhaltlichen und dramaturgischen Parallelen zu "Walk the Line" zunächst frappierend finden: Beide Künstler wuchsen etwa zur selben Zeit in ärmlichen Verhältnissen in den Südstaaten auf, mussten als Kinder den Tod ihrer Brüder miterleben, was tiefe Schuldgefühle auslöste. Später revolutionierten sie die Musikwelt und kämpften auf dem Höhepunkt ihres Ruhms gegen die Drogensucht.

Doch während Ray Charles von Frau zu Frau und von Affäre zu Affäre rockte, gab es für Johnny Cash eben nur die Eine. "Ray" funktionierte nur als mitreißender Karriere-Bilderbogen. "Walk The Line" kann sich immer wieder in der Liebesgeschichte zwischen Johnny und June verhaken, während die entscheidenden Stationen aus Cashs Leben Revue passieren: vom legendären Vorsingen bei Sun-Studio-Gründer Sam Phillips bis zu Cashs Verhaftung Ende der Sechziger in El Paso wegen Pillenschmuggel.

Tief gläubig, schwer abhängig

Wegbegleiter Kris Kristofferson hat Johnny Cash schon in den siebziger Jahren als "wandelnden Widerspruch" besungen, als "halb real, halb erfunden". Damit möglichst viel Wahres im Film landet, plauderten Johnny und June bis zu ihrem Tod 2003 mit Regisseur Mangold bereitwillig über alte Zeiten, korrigierten mehrere Drehbuchfassungen, und Sohn John jr. diente dem Filmteam als Berater.

"Walk The Line" ist also Cash-geprüft, obwohl Johnny einst ein Gedicht mit dem Titel "Don't Make A Movie Out Of Me" verfasst hat. Ihm hätte der Film sicher gefallen. Jemand, der Jesus anbetet und dem Teufel verfällt, um durch die Liebe erlöst zu werden - die Geschichte klingt nicht nur wie ein verdammt guter Country-Song, sie musste auch genauso gerade heraus, simpel und bodenständig erzählt werden. Das Herz jedes Cash-Fans dürfte jedenfalls 136 Minuten lang - boom-chicka-boom! - höher schlagen. Oder tiefer?

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Walk the Line: Die Passion Johnnys

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