Tragikomödie "Casting" "Und plötzlich bist du eine Anspielwurst"

Ist im Fernsehen alles nur Quote und Konvention? Kinoregisseur Nicolas Wackerbarth hat einen Film über Kreativität beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemacht. Ein Interview mit ihm - und seiner TV-Redakteurin.

Piffl Medien

Ein Interview von


Zur Person
  • Anne Müller
    Nicolas Wackerbarth ist Regisseur, Autor und Schauspieler. "Casting" ist sein dritter Spielfilm, mit "Unten Mitte Kinn" hat er 2011 bereits einen weitgehend improvisierten Film inszeniert. Katharina Dufner hat als Redakteurin beim Kleinen Fernsehspiel des ZDF und beim SWR unter anderem die Filme "Ich fühl mich Disco", "Alki Alki" und "Tatort: Babbeldasch" von Axel Ranisch verantwortet, die allesamt mit Improvisation arbeiten. Mit "Lerchenberg" hat sie 2014 eine Serie betreut, die das Fernsehen aufs Korn nimmt.

Ein Film im Film entsteht in "Casting": Ein großes Fassbinder-Melodram, "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", soll zum 75. Geburtstag von Fassbinder noch mal fürs Fernsehen gedreht werden. Doch bei dem Dreh hakt es: Die Regisseurin Vera kann sich nicht für eine Hauptdarstellerin entscheiden und bestellt eine hochkarätige Schauspielerin nach der anderen ein. Der Produzent will eingreifen, derweil entwickelt der Aushilfsschauspieler, der für die weiblichen Stars in den Proben den Anspielpartner gibt, Ambitionen und fängt an, das Set zu manipulieren. Kann großes Kino nochmal fürs Fernsehen entstehen oder macht das TV alle Kreativität zunichte? Das sind die Fragen, die "Casting" stellt. Eigentlich war der Impro-Film fürs Fernsehen konzipiert, doch dann entwickelte er sich auf der Berlinale zum Festivalliebling. Nun kommt "Casting" diese Woche ins Kino. Ein Gespräch mit Regisseur Nicolas Wackerbarth und Katharina Dufner, die als SWR-Redakteurin den Film zusammen mit ihrem Kollegen Jan Berning betreut hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wackerbarth, Sie haben mal gesagt, dass Ihr Film auch das Fernsehen kritisiert. Inwiefern?

Wackerbarth: Das fängt damit an, dass der Sender in meinem Film ein Remake von "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" in Auftrag gibt, das in der Hoffnung auf eine höhere Einschaltquote heterosexualisiert wird. Petra von Kant verliebt sich nicht mehr in eine junge Frau, sondern in einen jungen Mann. Das wird dann auch noch damit gerechtfertigt, dass wir heute so liberal seien, dass es egal sei, ob eine lesbische Liebe gezeigt wird oder nicht. Das ist aber ein großer Unterschied. Dass also das Remake zum 75. Geburtstag nur entsteht, weil man ein Jubiläum nutzt, ohne dass man sich mit dem Stoff auseinandergesetzt hat, ist einer unserer Kritikpunkte.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie ausgerechnet einen Fassbinder-Stoff gewählt?

Wackerbarth: Fassbinder zu verwenden, hat mir erstmal nur Kopfschmerzen bereitet. Er ist so eine Ikone und da kann man sich leicht verheben. Das ist doch wie jedem Kritiker einen Prügel in die Hand zu geben und wenn er einen damit schlägt, darf man sich nicht beschweren, weil man ja selbst drum gebeten hat. (lacht) Trotzdem habe ich den Stoff aufgegriffen, weil die Geschichte der Petra von Kant sehr gut als Gegenpol zur Geschichte von Gerwin in meinem Film (dem erfolglosen Anspielpartner der weiblichen Schauspielstars, Anm.d.Red.) taugt. Petra von Kant ist eine erfolgreiche Modemacherin. Alles, was sie anfasst, wird zu Gold. Dadurch wird sie aber auch isoliert und glaubt, dass ihre Geliebte nur wegen ihrer finanziellen Möglichkeiten mit ihr zusammenlebt. Gerwin ist es hingegen völlig egal, ob er um seiner selbst willen geliebt wird, er kann sich diese Gefühle gar nicht leisten. Er glaubt, Erfolg haben zu müssen, um geliebt zu werden. Das erzählt auch etwas über unsere neoliberale Zeit. Es scheint keinen Raum zu geben für Menschen, die obsessiven Lieben bis zur Selbstzerstörung hinterhertrauern, sondern alle versuchen fast zwanghaft, ein Stück Aufmerksamkeit zu erhaschen.

SPIEGEL ONLINE: Im Remake gibt es zwar ein heterosexuelles Paar, dennoch spielen in Ihrem Film fast nur Frauen mit - Andrea Sawatzki, Corinna Kirchhoff, Marie-Lou Sellem, sie alle konkurrieren um die Hauptrolle.

Wackerbarth: Einen Film über Besetzungen zu machen und dabei 90 Prozent Frauen und mit Gerwin einen schwulen Mann ins Zentrum zu setzen, ist auch ein Statement gegen die derzeitige Besetzungspolitik, bei der Frauen über 30 kaum Hauptrollen spielen, 70 Prozent davon werden Männern zugeteilt.

Dufner: Manche Situationen drehen sich so auf eine schöne Weise um. Die drei Frauen mit Gerwin an der Kostümstange, der sich präsentieren muss - das ist eine klassische Verkehrte-Welt-Szene. Ich fand das toll, dass sich solche Situationen ganz organisch ergeben, und wir sehen, wie auch andersrum gebissen werden kann.

SPIEGEL ONLINE: In "Casting" geht es auch um Machtstrukturen am Set: Regisseurin Vera hält alle bei der Besetzung der Hauptdarstellerin hin. Das Projekt ist in Gefahr, der Produzent will die Reißleine ziehen. Frau Dufner, hätten Sie als verantwortliche Fernsehredakteurin das Projekt gestoppt?

Dufner: Wäre ich die Redakteurin gewesen, wären wir erst gar nicht in so eine Notsituation gekommen…, aber natürlich hätte ich den Film nicht gestoppt.

Wackerbarth: Wenn Sie drei Tage vor Dreh einen Film abbrechen, ist das für den Sender sehr kostspielig. Das Projekt fällt aus, es müssen aber alle für den Film Angestellten und alle Unkosten vom Sender bezahlt werden. In dieser Situation hat die Regisseurin tatsächlich viel Macht.

SPIEGEL ONLINE: War Nicolas Wackerbarth jemals so störrisch wie Vera in dem Film?

Dufner: Unbedingt, das ist ja das Tolle an ihm. (lacht) Er hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie der Film und seine Figuren bei den Zuschauern ankommen werden. Bei einem improvisierten Film, der "Casting" zudem ja auch ist, ist es natürlich besonders schwierig, genau zu begreifen, was von der Regie gewollt ist. Da gibt es keine Sicherheit, wie eine Szene ablaufen wird.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dufner, Sie haben auch schon mit Axel Ranisch an improvisierten Filmen gearbeitet, zuletzt an einem zweiten Impro-"Tatort". Hat Sie das Projekt "Casting" wegen der Improvisation gereizt?

Dufner: Ja, das ist eine Arbeitsform, die mir grundsätzlich gefällt. Axel Ranisch und Nicolas Wackerbarth sind allerdings zwei völlig unterschiedliche Regisseure, die auch mit Improvisation anders umgehen. In diesem Fall war es interessant, sich die Art von Impro, die Nicolas macht, als Mittwochs-Fernsehfilm vorzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet "Mittwochs-Fernsehfilm" genau?

Dufner: Das ist der ARD-Mittwoch-20.15-Slot für Fernsehfilme, die nicht formatiert in einem bestimmten Genre entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Die müssen aber, weil sie um 20.15 Uhr im Ersten laufen, bestimmte Kriterien erfüllen?

Dufner: FSK 12 Jahre, 88 Minuten 30 Sekunden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn Widerstände innerhalb des Senders gegen solche Projekte? Wenn ich das Programm vom SWR durchgucke, scheint mir das meiste konventioneller in puncto Themensetzung und Machart.

Dufner: Ich weiß gar nicht, ob es nur eine Frage von Senderpolitik ist. Ich hab den Eindruck, es geht beim Herstellen von Filmen immer um einen persönlichen Geschmack, eine Leidenschaft, eine Haltung - auch bei Redakteuren. Man versucht, im Rahmen der Etats, die man zur Verfügung hat, seinen Neigungen zu folgen.

SPIEGEL ONLINE: Es wird aktuell viel über die Öffentlich-Rechtlichen und deren Reformbedarf diskutiert. Reden wir zu wenig über die Inhalte dabei?

Dufner: Ja, klar, auch darüber reden wir zu wenig. Vorher ist es aber noch interessant, wie man personell rangeht. Ich glaube, dass es für Filmemacher, die nicht aus einer Fernsehwelt kommen, interessant ist, Fernsehen zu machen. Und für das Fernsehen ist es interessant, wenn genau diese Künstler auch Fernsehfilme machen, weil sich dadurch alles füreinander öffnet. Das ist mein persönliches Bestreben.

Wackerbarth: Ich würde mir nach der Erfahrung mit "Casting" wünschen, dass Redakteure autarker werden und mehr Macht bekommen - dass sie die Projekte, die sie schätzen, durchbringen können.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt insgesamt nach einem sehr harmonischen Entstehungsprozess.

Wackerbarth: Filme, die frei improvisiert sind oder formal etwas wagen, werden nicht so oft gemacht. Zumindest wurde mir das immer wieder gesagt. Ich kann das gar nicht beurteilen, weil ich selbst kein Fernsehen gucke.

Dufner: Jetzt hast du noch die Chance, den Satz streichen zu lassen. Das ist so ein Klischee, nimm ihn raus!

SPIEGEL ONLINE: Interessanter wäre es, wenn Sie, Frau Dufner, sagen würden, dass Sie kein Fernsehen schauen.

Dufner: Das wäre aber gelogen, und ich bin katholisch.

Wackerbarth: Ich gucke auch keine amerikanischen Serien, ich bin ein Kinokind. Es ist doch bedenklich, dass ein im guten Sinne unterhaltsamer Film wie "Casting" im Fernsehen etwas Besonderes sein soll. Öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten, die einen Kulturauftrag haben, stehen doch in einer Bringschuld nicht nur ein paar wenige TV-Events, sondern auch viele kleine experimentierfreudige Projekte zu realisieren.

Im Video: Der Trailer zu "Casting"

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