Cannes-Tagebuch Der König und die Königin stellen sich vor

Cate Blanchett begeistert im lesbischen Liebesdrama "Carol" mit einer majestätisch kontrollierten Performance. Vincent Cassel dreht dagegen voll auf und gibt in der Amour-fou-Geschichte "Mon roi" den ganz großen Verführer.

Ein Triumph, der verblüfft: Cate Blanchett in "Carol"
Cannes Film Festival

Ein Triumph, der verblüfft: Cate Blanchett in "Carol"

Aus Cannes berichtet


Überraschungen gibt es bei Todd Haynes normalerweise nicht. Er arbeitet mit verlässlich guten Leuten, wählt verlässlich reizvolle Geschichten aus und dreht verlässlich brillante Filme. Auch "Carol", ein lesbisches Liebesdrama nach einem Roman von Patricia Highsmith, scheint keine Ausnahme zu bilden. Die Besetzung mit Cate Blanchett und Rooney Mara ist gewohnt exquisit, Romanvorlagen von Highsmith haben sich als großartige Filmstoffe erwiesen, und mit seinem angestammten Kameramann Ed Lachman komponiert Haynes erwartbar perfekte Bilder. Und doch ist "Carol" ein Triumph, der verblüfft.

Blanchett spielt die Titelfigur Carol, eine reiche Frau aus einem New Yorker Vorort, die Mann, Tochter und Pelzmantel hat. Und eine Vorliebe für Frauen. Dass auch sie lesbisch veranlagt ist, ahnt die junge Verkäuferin Therese (Mara) erst, als Carol eines Tages in ihr Warenhaus kommt und ein Geschenk für ihre Tochter bestellt. Ein paar liegen gelassene Handschuhe nimmt Therese zum Vorwand, um die beeindruckende ältere Frau wiederzusehen. Bei einem ersten gemeinsamen Mittagessen ist Therese so eingeschüchtert, dass sie der Einfachheit halber dasselbe wie Carol bestellt. Dieses Muster wird sich von da an wiederholen: Carol führt - und Therese folgt.

Carol (Cate Blanchett) zieht die jüngere Therese (Mara) an
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Carol (Cate Blanchett) zieht die jüngere Therese (Mara) an

Doch die Geschichte spielt Anfang der Fünfzigerjahre, weshalb das Liebesglück der beiden nicht die einfache Konsequenz ist. Zudem steckt Carol in Scheidung, mit ihrem Ehemann Harge (Kyle Chandler) liefert sie sich einen erbitterten Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter. Und weil wir uns in einer Highsmith-Verfilmung befinden und irgendwann in Carols Gepäck ein glänzender Revolver auftaucht, ahnt man, welches Drama sich da ankündigt.

Schon in seinem Kinofilm "Far from Heaven" und seiner Miniserie "Mildred Pierce" hatte Haynes period pieces mit tragischen Frauenfiguren erzählt. "Carol" scheint mit diesen beiden Werken auch deren melodramatische Grundlage zu teilen, doch weder Douglas Sirk noch Patricia Highsmith als Krimiautorin sind hier verlässliche Wegweiser. Mit den Mitteln des Thrillers und den Motiven des Melodrams arbeiten Haynes und seine Drehbuchautorin Phyllis Nagy zwar und bauen so langsam eine ungeheure Spannung auf, was der Film mit seinen zwei Hauptfiguren wohl vorhat. Doch dann entlädt sich diese Energie so überraschend, dass man das überwältigend gefühlvolle Finale des Films fast nicht als solches begreift.

Cate Blanchett spielt ihre Hauptfigur Carol ab und zu etwas zu statuenhaft
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Cate Blanchett spielt ihre Hauptfigur Carol ab und zu etwas zu statuenhaft

Überhaupt ist der verzögerte payoff das Erzählprinzip von "Carol", die große emotionale und ästhetische Befriedigung, die dieser Film bietet, stellt sich nicht unmittelbar ein. Dadurch wirkt der Film insgesamt noch kontrollierter, als es Haynes' Filme eh schon tun. Und auch Cate Blanchett spielt ihre Carol mitunter etwas zu statuenhaft. Sie scheint sich bewusst zu sein, wie grandios ihr die engen Wollkostüme und der matte Lippenstift stehen. So ist es auch an Rooney Mara, dem Film emotionale Tiefe zu verleihen - und ausgerechnet Mara, die durch höchst kontrollierte Auftritte wie in David Finchers "The Girl with the Dragon Tattoo" bekannt wurde, gelingt dies grandios.

Nach der umjubelten Weltpremiere am Samstagabend wurde schnell die Rede laut von einem weiteren Oscar für Blanchett, doch Mara hat sich mit "Carol" fast noch mehr für höchste Ehren empfohlen. Bevor es an die Academy Awards geht, dürfte der Film aber erst einmal in Cannes ausgezeichnet werden - für seine Darstellerinnen, aber womöglich auch als bester Film.

Vincent Cassel als charmant abstoßender König

Um aufs Gegenteil, nämlich schlechte Filme, zu sprechen zu kommen: Einer privaten Theorie zufolge sind schlechte Filme wie ihre Hauptfiguren, da sie zu ihnen keine Distanz entwickeln. Als ein Beleg für diese Theorie kann "Mon roi", der Wettbewerbsbeitrag der französischen Regisseurin Maïwenn, gelten. Der titelgebende König, gespielt von Vincent Cassel, ist ein Mann, der mit seinem gewaltigen Charme immer wieder verführt - und mit seiner grenzenlosen Überschwänglichkeit im nächsten Moment wieder abstößt.

Der moderne Romeo Georgio (Vincent Cassel) nimmt überraschend die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) zur Ehefrau
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Der moderne Romeo Georgio (Vincent Cassel) nimmt überraschend die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) zur Ehefrau

Emmanuelle Bercot, Regisseurin des diesjährigen Eröffnungsfilms, spielt die Frau, die der König zu seiner Königin macht. Wie eine Krönung fühlt es sich nämlich an, als der charismatische Restaurantbesitzer Georgio nach etlichen Affären mit Models die Rechtsanwältin Tony zur Ehefrau und Mutter seiner Kinder auserwählt. Doch das berauschende Glück, das die beiden zusammen erleben, ist Vergangenheit, wie uns Bilder von Tony allein in einer Reha-Klinik zeigen. Sie hat beim Skifahren absichtsvoll einen Unfall herbei geführt. Nun will sie mit ihrer komplizierten Knieverletzung auch ihre Liebe zum drogensüchtigen und untreuen Georgio auskurieren.

Cassel und Bercot drehen denn auch richtig auf und lassen keine Chance auf einen großen Auftritt aus
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Cassel und Bercot drehen denn auch richtig auf und lassen keine Chance auf einen großen Auftritt aus

Drogen, Partys, Hochzeit, Kinder, Scheidung, Unfall: Nicht nur auf der Plotebene geben Maïwenn und ihr Co-Autor Etienne Comar ihren Hauptdarstellern richtig viel in die Hand. Auch die Dialoge sind mit tollen Pointen gefüllt. Cassel und Bercot drehen denn auch richtig auf und lassen keine Chance auf einen großen Auftritt aus. Von der Dynamik her trägt das den gesamten Film. Doch wie König Georgio will "Mon roi" eben alles: den großen Zampano geben und im nächsten Moment ganz ernst genommen werden. Um als Studie über eine amour fou zu überzeugen, müsste sich der Film aber auch mal zurücknehmen können - und darauf hat er sichtlich keine Lust. Mehr als eine saftige Soap ist "Mon roi" nicht, weshalb es etwas schmerzt, dass ein ungleich klügerer Film einer französischen Regisseurin nur in der Nebenreihe "Un Certain Regard" läuft.

Ein Bastard von einem Film

"Das ist fast schon Genre", hat Festivalchef Thierry Frémaux den Film "Maryland" von Alice Winocour bei der Vorstellung des diesjährigen Programms gelobt. Dass er nicht erwähnt hat, was für ein Genre Winocour bedient, ist kein Zufall: "Maryland" ist ein grandioser Bastard von einem Film.

Soldat Vincent (Matthias Schoenaerts) glaubt an einen Anschlag
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Soldat Vincent (Matthias Schoenaerts) glaubt an einen Anschlag

Im Mittelpunkt steht der Soldat Vincent (Matthias Schoenaerts), der nach mehreren Kriegseinsätzen vom posttraumatischen Stresssyndrom geplagt ist. Zwischen den Einsätzen arbeitet er als Security-Mann, zum Beispiel auf der Party eines undurchsichtigen, arabischstämmigen Geschäftsmannes, der so wichtig oder zumindest so reich ist, dass sogar Minister auf seine Party kommen. Inmitten der High Society glaubt Vincent plötzlich, dass sich ein Anschlag anbahnt. Oder sind es nur die Nebenwirkungen der Beruhigungsmittel, die ihn paranoid machen?

Thriller und Paranoia waren schon immer Dinge, die sehr gut zusammenpassen. Doch wie sie Winocour hier kombiniert, hat man noch nicht gesehen. Das Trauma des Soldaten setzt die nervöse Grundstimmung des Films, das Pfeifen in seinen Ohren versetzt einen auch als Zuschauerin in Alarm. Doch bei diesem Kniff belässt es Winocour nicht, und ohne zu viel verraten zu wollen: Zu Vincents imaginären Verfolgern kommen bald ein paar sehr echte hinzu.

Soldat Vincent ist schon bald nicht mehr allein - auch Verfolger sind dabei
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Soldat Vincent ist schon bald nicht mehr allein - auch Verfolger sind dabei

Angefeuert vom Soundtrack von Gesaffelstein hält Winocour die Spannung bis zum Schluss - und schafft es trotzdem, etwas über den Krieg und seine Folgen zu erzählen. Nicht nur vom Sujet her erinnert "Maryland" an Kathryn Bigelow: Auch Winocour dürfte sich mit diesem Film in die vordersten Reihen katapultieren.

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spon-facebook-1810274577 17.05.2015
1. Todd Haynes
Auf das neue Werk von Todd Haynes bin ich schon lange gespannt. Und das Drehbuch ist von Phyllis Nagy nach einem Roman von Patricia Highsmith? Wenn es nur nach diesen Namen ginge, würde schon allein deswegen nichts schiefgehen können!
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