Liebeskomödie "Celeste & Jesse": Zwei Hipster leiden an Herzschmerzen

Von Oliver Kaever

Liebeskomödien? Nur schale Gags und Geschlechterklischees! Doch "Celeste & Jesse" ist anders. Mit Witz und Wärme erzählt die Indie-Produktion von einem Paar, das die perfekte Trennung schaffen will. Und dabei kifft, säuft und deutschen Gewichthebern beim Grunzen zuguckt.

Auf dem Bildschirm wuchtet der deutsche Gewichtheber Matthias Steiner grunzend 258 Kilogramm Gewicht in die Höhe. Davor liegt Jesse (Andy Samberg) aus Los Angeles und heult. Immer wieder sieht er sich die Aufnahmen von den Olympischen Spielen 2008 an. Damals ließ der bärige Deutsche die ganze Welt nach Taschentüchern greifen: Er gewann die Goldmedaille und widmete sie seiner kurz zuvor bei einem Autounfall verstorbenen Frau.

Das waren Zeiten! Damals war Jesse noch mit Celeste (Rashida Jones) verheiratet und glücklich! Obwohl - viel verändert hat sich seitdem eigentlich nicht. Celeste wohnt gleich nebenan, verheiratet sind die beiden auch noch, weil sie keine Lust auf die lästigen Scheidungsformalitäten haben. Und wenn sie sich selbst fragen, ob es nicht komisch ist, dass sie trotz Trennung jeden Tag miteinander verbringen, lautet die gemeinsame Antwort: "Nö. Wir sind eben beste Freunde!"

Mit "Celeste & Jesse" kommt eine romantische Komödie in die Kinos, die so vor einigen Jahren nicht denkbar gewesen wäre. Allein der Schauplatz Los Angeles! Noch 1977 stöhnte Woody Allen in "Der Stadtneurotiker": "Ich will nicht in eine Stadt ziehen, deren einziger kultureller Vorteil es ist, an einer roten Ampel rechts abbiegen zu dürfen." Los Angeles galt als kultur- und hirnlos.

"Celeste & Jesse" zeigt - ähnlich wie "(500) Days of Summer" oder "The Future" - ein anderes L. A. Eines, in dem Hipster um die 30 durch Kunstausstellungen und Buchläden pilgern, sich beim Yoga mit "Namaste" begrüßen und in veganen Restaurants frisch gepressten Saft aus Meeresalgen bestellen. Der Film ist zum Bersten gefüllt mit popkulturellen Referenzen. So hat Celeste als Trendforscherin gerade ein Buch mit dem Titel "Shitegeist" veröffentlicht und führt mit ihrem schwulen Geschäftspartner (Gastauftritt von Elijah Wood) eine Marketing-Agentur, die eine erfolgreiche Emocore-Sängerin im Teenie-Alter unter Vertrag nimmt. Der sensible Jesse dagegen werkelt seit Jahren an einem Design-Projekt, lebt auf Celestes Kosten und will die Trennung rückgängig machen. Entscheidungsstärke ist seine Sache nicht, und nah am Wasser gebaut hat er auch.

Die Wasserpfeife steht griffbereit

"Celeste & Jesse" dreht Geschlechter-Stereotypen um, und das mit einer Selbstverständlichkeit, die - wie L. A.s neue Hipness - von einem Paradigmenwechsel zeugt. Tradierte Rollenmuster sind schon längst aufgebrochen - und das überhaupt noch zu thematisieren, erscheint Hauptdarstellerin Rashida Jones, die zusammen mit ihrem Kollegen und Ex-Liebhaber Will McCormack das Drehbuch schrieb, überflüssig. Sie wollen wissen, was daraus folgt für die Liebe.

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"Celeste & Jesse": Freunde bleiben? Guter Witz!
Es ist dann doch wieder die Frau, die am meisten leidet. Celeste stürzt in eine Sinnkrise, als das Unfassbare geschieht: Ausgerechnet Jesse trennt sich endgültig. Nicht nur das, er wird auch noch Vater! Bei einem Date hat er eine süße Tänzerin aus Belgien geschwängert und will nun zu seiner Verantwortung stehen. Celeste fällt aus allen Wolken. Ihr ergeht es wie wohl jedem Liebeskummerkranken: Erst, als Jesse fort ist, wird sie der riesigen Lücke gewahr, die er hinterlässt. Celeste versucht verzweifelt, sie zu füllen. Zunächst mit exzessivem Jogging. Dann so, wie sich das eigentlich gehört: Sie kippt Junkfood und Alkohol in sich hinein, die Cannabis-Wasserpfeife steht stets griffbereit neben dem Sofa, und nun grunzt auf ihrem Fernseher immer und immer wieder Matthias Steiner.

Kein Abstand zur Hipster-Welt

So weit, so witzig. Und auch ein wenig banal. Aber gemessen an der Standardformel für romantische Komödien aus Hollywood wirkt die Indie-Variante "Celeste & Jesse" revolutionär. In dem verkrusteten Geschlechterbild, das viele Filme des Genres transportieren, bedeutet die Ehe mit einem starken Mann noch immer die Erfüllung im Leben einer jeden Frau - die folglich nichts unversucht lässt, ihren Traumtypen vor den Altar zu zerren. In "Celeste & Jesse" muss die harte Businessfrau Celeste ihren zarten Jesse ziehen lassen und sich die Frage stellen, was in ihrem Leben überhaupt noch Sinn macht. Und wenn sie von einem Katastrophen-Date zum nächsten wankt, dann schwingen dabei die bohrenden Zweifel mit, ob das alles so richtig war mit der Karriere und dem Aufschieben der Familiengründung.

Manchmal stellt sich der Film mit seiner etwas zu ausgestellt wirkenden Smartness selbst ein Bein. Selten findet er Abstand zu seinen Figuren und der Welt, die er zeigt - zu sehr sind die extrem sympathischen Hauptdarsteller Rashida Jones ("Parks and Recreation") und Andy Samberg ("Saturday Night Live") sowie Nachwuchs-Regisseur Lee Toland Krieger wohl Teil davon. So sieht man hippen Menschen beim Hantieren mit Apple-Produkten und Abhängen in Szene-Bars zu. Über alltäglichen Problemen wie der Mietbeschaffung scheinen sie zu schweben, ihr Arbeitsstress wirkt bestenfalls behauptet.

Dennoch ist "Celeste & Jesse" eine kluge, leichtfüßige Liebeskomödie über Großstadtneurotiker, die vor allem bei den witzigen Dialogen den kauzigen Charme des Vorbilds Woody Allen erreicht. Gleichzeitig scheut der Film sich nicht davor, den Zuschauer die Schwermut des Liebeskummers spüren zu lassen. So mündet er in einem bittersüßen Happy-End, das überrascht - und ihn noch einmal abhebt vom verlogenen Liebesgezwitscher anderer romantic comedys.

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1.
Fantail 13.02.2013
Zitat von sysopLiebeskomödien? Nur schale Gags und Geschlechterklischees! Doch "Celeste & Jesse" ist anders. Mit Witz und Wärme erzählt die Indie-Produktion von einem Paar, das die perfekte Trennung schaffen will. Und dabei kifft, säuft und deutschen Gewichthebern beim Grunzen zuguckt.
Kann denn in Deutschland eigentlich nichts mehr gedreht werden ausser "Laberfilmen", die sich vorzugsweise um eine geschlechtsbezogene Geschichte drehen?
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Celeste & Jesse Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

USA 2012

Originaltitel: Celeste and Jesse Forever

Regie: Lee Toland Krieger

Buch: Rashida Jones, Will McCormack

Darsteller: Rashida Jones, Andy Samberg, Elijah Wood, Ari Graynor, Eric Christian Olsen, Will McCormack

Produktion: Team Todd, Envision Media Arts, PalmStar Entertainment

Verleih: DCM Film

Länge: 92 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 14. Februar 2013