"Cemetery of Splendour" Besser als jede Droge

Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul hat einen Film von bezaubernder Erotik geschaffen. "Cemetery of Splendour" lehrt, gleichzeitig zu sehen und zu träumen.

Von Frédéric Jaeger


Mit futuristischen Lampen, die über den Raum verteilt sind und peu à peu Farben wechseln, sollen die Träume der Patienten aufgehellt werden. Der Schlafsaal leuchtet mal in Grün, mal in Blau, mal in Rot. Das ist dringend nötig, denn hier stimmt etwas nicht: Kranke Soldaten wurden in ein improvisiertes Krankenhaus abgeschoben, das eigentlich eine Grundschule war und noch früher ein Palast. Das kriegen die Soldaten zu spüren, denn sie müssen kämpfen im Schlaf, kämpfen für ihre Ahnen, kämpfen für ihr Vaterland. Die Schlachten der früheren Hausherren nachvollziehen oder neu ausfechten, das ist immerhin ein nützlicher Schlaf.

Das glaubt zumindest die ehrenamtliche Helferin Jen (Jenjira Pongpas Widner), die selbst kaum Schlaf findet. Vielleicht rührt auch daher ihre Faszination für die schönen jungen Männer, die lange Zeit nichts anderes tun als zu schlafen. Am Ende des Films reißt Jen einmal ganz weit ihre Augen auf, und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob sie gerade schläft, aufwacht oder einen dritten Bewusstseinszustand erreicht hat.

"Cemetery of Splendour" ist eine filmgewordene Bewusstseinserweiterung, besser als jede Droge. Von bezaubernder Erotik und ergreifender Sensibilität ist der Reigen durchzogen, ständig pendelt er hin und her zwischen Traum und Wachsein, Sehen und Verstehen, Einfühlen und Erkunden. Das gilt für die Figuren wie für den Film selbst. Schnell überträgt sich die elegische Offenheit der in Bilder gegossenen Erfahrungen auf das Zuschauererlebnis. Hier ist gleichzeitig alles ausgebreitet, jede Intention, jede Bewegung, jedes Wort, und doch ist auf nichts davon Verlass, weil das inszenierte Leben sich ständig verwandelt.

Die Essenz der Wahrnehmung ist genau die: Das Authentische ist die Verwandlung, das Statische ist künstlich.

Folgerichtig ist es das Natürlichste der Welt, wenn das Übernatürliche Einzug hält. Gemeinsam mit ihrem amerikanischen Ehemann opfert Jen Miniaturtiere am Altar zweier Prinzessinnen. Wenig später setzen sich zwei junge Frauen zu ihr an einen Tisch im Freien, wo sie gerade Früchte isst. Als sie sich bei Jen für die Opfergabe bedanken, braucht die ältere Frau ein paar Augenblicke, um sich zu sammeln. Dann ist sie ganz Ohr für die Botschaft, die sie ihr übermitteln: Die Soldaten werden nie genesen.

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"Cemetery of Splendour": Eine filmgewordene Bewusstseinserweiterung
Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul, der spätestens seit seiner Goldenen Palme für "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" auch jenseits cinephiler Kreise zu den großen Namen des Weltkinos gehört, ist unverhofft zum politischen Filmemacher geworden. Für Uniformen hat er sich visuell schon immer interessiert, doch noch keiner seiner Filme hat das Militärregime, das seit einem neuerlichen Putsch 2014 wieder über Thailand herrscht, so plastisch werden lassen wie dieser. Zärtlich und humorvoll sind die Anspielungen auf die Geschichte des Landes, die ständige Überwachung, der man in Thailand ausgesetzt ist, und die hoffnungslose Stabilität, die das Militär produziert.

Noch bevor die ersten Einstellungen ihr Licht auf die Leinwand werfen, ertönen aus dem Dunkeln Bagger. Sie begleiten den gesamten Film als Hintergrundmotiv des staatlichen Eingriffs in die Ordnung für die Ordnung - mit unbekanntem Ziel. Jen scherzt, es handele sich um ein geheimes Projekt der Regierung: Vor den Fenstern des Krankenhauses wird aus dem Garten mehr und mehr Brachland.

Witze und ihr düsteres Fundament liegen in "Cemetery of Splendour" sehr dicht beieinander. Running Joke ist die Rolle von Keng (Jarinpattra Rueangram): Wie Jen hilft sie im Krankenhaus aus, doch sie hat eine Gabe als Medium und kann mit den Schlafenden Kontakt aufnehmen. Es heißt, sie sei FBI-Agentin, Jen fragt sie geradeheraus, die Antwort lässt auf sich warten. Für einige der lustigsten Szenen sorgt Keng, wenn sie bemüht lapidar die mal sehr intimen dann wieder völlig belanglosen Fragen der Angehörigen am Krankenbett beantwortet.

Das pochende Herz des Films bildet die aufkeimende Liebe zwischen Jen und dem Soldaten Itt (Banlop Lomnoi). Ihre unendlich vorsichtigen Begegnungen sind noch weniger greifbar als der restliche Film, nicht nur weil er fast immer schläft und sie ihn keusch als ihren neuen Sohn bezeichnet, sondern wegen der beglückend menschlichen Scham beider.

Eine der erotischsten und zugleich zurückhaltendsten Annäherungen der jüngeren Filmgeschichte hat Weerasethakul geschaffen, wenn Jen den Schlafenden wäscht. Verstohlen blickt sie sich um, denn sie weiß um die Intimität. Zaghaft legt sie die Decke zur Seite, zieht das Hemd hoch, rollt die Hose von unten auf, um sich langsam vorzutasten hinein ins Hosenbein und unter den Hosenbund.

Itt wird sich für die wunderbar choreografierten Bewegungen revanchieren, wenn die beiden durch den titelgebenden Friedhof schlendern, im entrücktesten Erzählstrang von "Cemetery of Splendour": Itt wird sich in Keng verwandeln und den verwunschenen Garten mit Jen im romantischen Paarschritt erkunden. Das Glück, das diese Szenen vermitteln, ist kaum zu fassen. Aber es hilft ganz bestimmt, die Augen weit aufzureißen und sich darauf vorzubereiten, gleichzeitig zu sehen und zu träumen.

Cemetery of Splendour

Thailand 2016

Originaltitel: Rak ti Khon Kaen

Regie und Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul

Darsteller: Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram

Produktion: Kick the Machine Films

Verleih: Rapid Eye Movies

Länge: 122 Minuten

Start: 14. Januar 2016

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muunoy 14.01.2016
1. Filmtitel aus Asien
Hoert sich interessant an. Aber kann mal einer erklaeren, warum die Titel Asiatischer Filme in der Uebersetzung immer so komplett anders sind als das Original? Rak ti Khon Kaen wuerde ich als "Eine Liebe in Khon Kaen" uebersetzen. Gerade aus Thailand gab es in der Vergangenheit einige phantastische Filme, an die man in Deutschland kaum ran kommt. Und dann ist haeufig der Titel auch noch daneben. Zu dem absoluten Klasse-Film "Bangkok Dangerous" faellt mir noch nicht einmal der Originaltitel mehr ein. Ich weiss nur noch, dass das Holywood Remake mit N. Cage eine Katastrophe war. Leider zeigen ARD und ZDF die bezaubernden Filme aus Asien normalerweise gar nicht oder zu extrem spaeter Stunde. Daher hier mein Kommentar in der Hoffnung, dass dies mal ein Verantwortlicher beim Staatsfernsehen liest. Gerne wuerde ich "Stadt der Engel" (TH) oder auch "Tampopo" (JP) mal wieder sehen. Oder die "Bonny & Clayd" Variante aus Bangkok, deren Titel mir leider auch entfallen ist. Und man kann ja nicht staendig nach Asien fliegen, um dort ins Kino zu gehen, obwohl es immer wieder ein Genuss ist.
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