Roboterfilm "Chappie" Mein knuddeliges Techno-Känguru

In "Chappie" verwandelt sich ein Cop-Roboter in eine smarte Blechbestie mit Herz. Science-Fiction-Newcomer Neill Blomkamp gelingt ein actionreicher Film mit philosophischem Touch und trashigem Pop-Appeal.

Von


Wenn J.J. Abrams ("Star Trek", "Super 8") der Strebersohn Steven Spielbergs ist, dann ist Neill Blomkamp sein rebellischer Enkel. Der 35-jährige Regisseur verschmilzt die Technikvernarrtheit aktueller Action-Blockbuster mit der Sozialkritik der Siebziger und ein wenig Seifenoper-Pathos zu einer Ästhetik mit verblüffendem Wiedererkennungswert. "Chappie" ist der dritte und bisher beste Film des Südafrikaners, der inzwischen zu den gefragtesten Hollywood-Newcomern gehört.

Nach dem kurzen Ausflug in die Favelas des zukünftigen Großraums Los Angeles in "Elysium" geht es zurück in die Elendsviertel von Johannesburg, Blomkamps von Post-Apartheid und sozialen Gegensätzen gezeichneter Heimatstadt, wo sich bereits sein Debüt "District 9" abspielte, das 2009 zum Überraschungserfolg wurde.

In "Chappie" blickt Blomkamp erneut in die nahe Zukunft. Die lokale Polizei hat Mühe, die Kriminalität in den Gettos von Johannesburg unter Kontrolle zu halten. Zur Unterstützung dienen (ähnlich wie in "Elysium") waffenstarrende Droiden. Entworfen hat sie der junge Robotikforscher Deon Wilson (Dev Patel aus "Slumdog Millionär") für seinen Arbeitgeber, einen Waffenkonzern. Die Cop-Bots folgen gewöhnlich stumpf ihrer Programmierung und sehen mit ihren Antennenohren aus wie eine krude Synthese aus Techno-Känguru und "Star Wars"-Klonkrieger.

Fotostrecke

8  Bilder
"Chappie": Wenn A.I. zu E.T. wird
Einem der Roboter, der übel zusammengeschossen wurde, pflanzt Wilson versuchsweise eine künstliche Intelligenz ein, die er privat entwickelt hat. Leider wird er mitsamt seinem Experiment von einem Drogendealer-Pärchen (Südafrikas Elektropunk-Stars Die Antwoord) in Geldnöten gekidnappt, die den Droiden zum Gangster umprogrammieren wollen.

Dessen frisch installierte Persönlichkeit gleicht jedoch zunächst der eines Babys. Ängstlich und verschreckt entdeckt Chappie (britischer Slang für "Kerlchen" oder "Kumpelchen") die kaputte Welt, in die er geboren wurde. Ausgerechnet die zur Unterdrückung erzeugte Kampfmaschine wird zum Symbol der Unschuld und des unverdorbenen Humanismus - und muss beschützt werden. Die kühle A.I. ist ein knuddeliges E.T.

Possierlicher Prometheus

Kein besonders subtiler Kniff, den Blomkamp hier anwendet, aber er funktioniert: Als Chappie zum Abhärten von seinem Drogendealer-Daddy in der Getto-Wildnis Johannesburgs ausgesetzt und von Straßenkids verprügelt, verstümmelt und angezündet wird, betrachtet man die gesichtslose Roboterfigur (gespielt wird sie per Motion-Capture-Verfahren von Blomkamps Stammschauspieler Sharlto Copley) längst als fühlendes, lebendiges Wesen und empfindet Mitleid, als wäre sie ein Mensch.

Man kennt diesen Effekt aus dem Animationsfilm, wenn man kurzerhand mit Fantasiewesen wie Wall-e mitfiebert. Im Realfilm ist der Roboter hingegen ein höchst ambivalentes Wesen, das entweder durch Cartoonhaftigkeit größtmögliche Harmlosigkeit symbolisiert ("Nummer 5 lebt", R2-D2) oder aber die latent unheimliche Bedrohung eines übermenschlichen Prometheus verkörpert - von der "Metropolis"-Maria über zerquälte Geschöpfe aus "I, Robot", "Alien" und "Blade Runner" bis hin zu omnipotenten Techno-Kreaturen wie den "Transformers".

Dank dem nie seifigen Anarcho-Komödianten Copley und klug eingesetzter Tricktechnik gelingt es Blomkamp, diese gegensätzlichen Images übereinanderzulegen, wie es zuvor im Kino noch nicht zu sehen war: Ohne je wirklich menschliche Züge anzunehmen, wird Chappie zum menschlichsten Charakter des Films, ein ungelenkes, surrendes Geschöpf aus Kabeln, Stangen und Kästen, das in teils absurd komischen Szenen mit Bling-Bling behängt wird wie ein HipHop-Gangsta und beginnt, sich den Getto-Slang seiner "Familie" anzueignen - aber auch an der Staffelei mit Pinsel eine akzeptable Figur macht.

Bewusstsein auf einem USB-Stick?

Hinter Slapstick, rasanter Action und einer sehr sympathischen Punkrock-Attitüde verbirgt sich das ewige Drama der Frankenstein-Kreatur, die in atemberaubender Geschwindigkeit zum bewussten Wesen erwächst, manipuliert wird, Angst und Schmerz kennenlernt - und schließlich an den Motiven seines Erschaffers und den Gründen für seine Existenz zweifelt.

Für Chappie kommt erschwerend hinzu: Seine Batterie kann wegen der starken Beschädigung seines Korpus nicht ausgewechselt werden, seine Lebensenergie schwindet rapide. Und dann ist da noch Hugh Jackman als Ex-Soldat, der die selbstbewusst gewordene Roboterdrohne mit einem neural ferngesteuerten Super-Robocop zurück in Reih und Glied zwingen will.

Prekariat versus Staatsgewalt, Xenophobie und Rassismus, Body-Horror und Körpermodifikation: Blomkamp, der demnächst die "Alien"-Reihe renovieren soll, variiert in "Chappie" einmal mehr seine Lieblingsmotive. Sein mutwillig trashiges, überdreht-unterhaltsames Science-Fiction-Spektakel stellt aber auch spannende, sehr aktuelle Fragen nach der Essenz von Menschlichkeit: Was ist Bewusstsein? Kann man es erfassen, in Zahlenreihen und Algorithmen übersetzen, es gar auf USB-Sticks speichern? Und dann in Maschinen verpflanzen? Ist künstliche Intelligenz weniger wert als menschlicher Geist - oder dem gar moralisch überlegen? "Chappie" gibt eine zwiespältige Antwort: Vor dem beherzten Blechmann braucht niemand Angst zu haben. Das Monster ist der Mensch.

Chappie

USA 2015

Regie: Neill Blomkamp

Buch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell

Schauspieler: Sharlto Copley, Dev Patel, Hugh Jackman, Yolandi Visser, Watkin Tudor Jones, Sigourney Weaver

Produktion: Alpha Core, Media Rights Capital, Simon Kinberg Productions

Verleih: Sony Pictures

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12

Start: 5. März 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bürgergeld2 05.03.2015
1. Nix Neues
Der Film ist ganz offensichtlich einfach eine Mischung aus "Robocop" und "Nummer 5 lebt". Warum fällt das bei SPON keinem auf?
jeff_hunter 05.03.2015
2. Nummer 5 lebt!
Nummer 5 lebt anscheinend nicht nur, sondern ist auch zurück im Kino.
soron 05.03.2015
3. Wenn ich die Ohren so sehe ...
... dann drängt sich mir die Frage auf ob "Chappie" nicht eine Anspielung an das Kaninchen "Chappie" aus dem Anime "Bleach" ist.
Max Super-Powers 05.03.2015
4.
Vor gefühlt jedem zweiten Youtube Video läuft der Trailer mittlerweile als Werbung. Und ganz ehrlich: ich kann die Blechdose jetzt schon nicht mehr sehen. "Ich bin Chappie" ja, Wahnsinn, ganz toll...
Olaf 05.03.2015
5. Nummer 5 lebt!
Der Plot erinnert sehr an "Nummer 5 lebt!" von 1986. Dort wird aus einem Kampfroboter ebenfalls ein guter Mensch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.