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"Charlie und die Schokoladenfabrik": Leckerlis vom Anarchisten

Von Gernot Gricksch

Tim Burton gilt als Hollywoods Regie-Exzentriker, mit surrealen Kino-Fabeln eroberte er Kritiker und Publikum. Seine Adaption des Kinderbuchs "Charlie und die Schokoladenfabrik" beweist erneut den Ideenreichtum des Filmemachers - und ist ein rundherum schmackhaftes Plädoyer für die kindliche Phantasie.

"Charlie und die Schokoladenfabrik"-Star Depp (2.v.l.): Exzentrischer Soziopath
Warner Bros.

"Charlie und die Schokoladenfabrik"-Star Depp (2.v.l.): Exzentrischer Soziopath

Für Blockbuster-Fans könnte ein Besuch in Willy Wonkas Naschkram-Manufaktur mit Bauchschmerz enden. Denn was sie auf dieser surrealen Besichtigungstour zu sehen bekommen ist alles andere als das marktgängige Recyclingkino. Bei "Charlie und die Schokoladenfabrik" gibt es keine aufgewärmten Mythen, keine Klischee-Variationen, keine Déjà-vus, sondern ein Panoptikum genuiner Ideen.

Der neue Film des Regie-Exzentrikers Tim Burton ("Mars Attacks!", "Big Fish") zeigt eindrucksvoll, was anderen Hollywood-Produktionen so oft fehlt: eine echte Vision. Als Grundlage diente eine Geschichte, die nicht vom Reißbrett der Marktforschungsjünger und Zielgruppenjäger stammt. Sie entsprang vielmehr dem übersprudelnden und kompromisslosen Geist eines kindischen Anarchisten.

Dieser Anarchist hieß Roald Dahl (1916 - 1990). Die Werke des gebürtigen Norwegers zählen in seiner englischen Wahlheimat seit Jahrzehnten zur Kinderbuch-Basisaustattung wie hierzulande die Schmöker von Ottfried Preußler und Michael Ende. Allein die britische Gesamtauflage des Dahl-Werks beläuft sich auf stolze 30 Millionen Exemplare - nicht zuletzt, weil auch Hundertausende von Erwachsenen die alterslosen Fantasy-Bücher verschlingen.

"Charlie"-Darsteller Christopher Lee: Phantasie mit Biss
Warner Bros.

"Charlie"-Darsteller Christopher Lee: Phantasie mit Biss

Dahl verweigerte sich zeitlebens dem pädagogischen Holzhammer. Er verstand sich vielmehr als Anwalt aller Knirpse und anderer, seiner Ansicht nach geknechteter und in ihrem natürlichen Lebensraum bedrohter Kreaturen. Bedingungslose Liebe und so viel Phantasie wie nur irgend möglich sind die von Dahl propagierten Allheilmittel gegen das minderjährige Unglück. Dazu Spaß satt und, hoppla, eine gehörige Portion Rache. Wer seinen Kindern ein Dahl-Buch vorliest, muss durchaus damit rechnen, dass die bösen Tanten unter bizarren Umständen ihr Leben verlieren und die grantige Oma vom entnervten Enkel einen Schuhcreme-Abflussreiniger-Mix eingeflößt bekommt.

"Charlie und die Schokoladenfabrik" erschien in England im Jahre 1964 und zählt zu Dahls wichtigsten und amüsantesten Romanen. Es ist die Geschichte des liebenswürdigen, bescheidenen Jungen Charlie Bucket (im Film: Freddie Highmore), der mit seinen Eltern (Helena Bonham-Carter, Noah Taylor) und seinen vier Großeltern (unter anderem David Kelly) in einer winzigen Bretterbude am Rande des Existenzminimums haust. Nur wenige Straßen weiter erhebt sich die riesige Süßwarenfabrik des Willy Wonka. Die Schokoladen, Drops, Lakritze und Lollis aus diesem Werk sind das Leckerste, was es für Geld zu kaufen gibt. Ihre Entstehung allerdings ist ein Geheimnis: Die Tore der Fabrik sind fest verschlossen, seit Jahren schon hat kein Arbeiter mehr das Gebäude betreten oder verlassen. Und Willy Wonka? Den hat seit Ewigkeiten niemand mehr gesehen.

Szene aus "Charlie und die Schokoladenfabrik": Hedonisten und aggressive Mattscheiben-Zombies
Warner Bros.

Szene aus "Charlie und die Schokoladenfabrik": Hedonisten und aggressive Mattscheiben-Zombies

Kein Wunder, dass die ganze Welt Kopf steht, als der mysteriöse Wonka eines Tages ankündigt, fünf Kinder nebst je einer erwachsenen Begleitperson in seine Fabrik einzuladen. Die fünf glücklichen Gewinner einer Gutscheinjagd erwarte eine ganztägige persönliche Führung durch das Werk sowie eine gigantische Süßigkeiten-Schenkung. Eines der Kinder, nur eines, wird obendrein ein Präsent bekommen, das jedes andere Geschenk der Welt in den Schatten stellt.

Neben dem bettelarmen Charlie zählen nur verwöhnte Gören, fette Hedonisten und aggressive Mattscheiben-Zombies zu den Gutschein-Gewinnern. Kinder, die zu asozialen Bestien wurden, weil ihnen niemand Liebe, Spaß und Phantasie schenkte.

Der große Tag kommt - und mit ihm der Auftritt von Willy Wonka. Den spielt Tim Burtons langjähriger Lieblingsschauspieler Johnny Depp kongenial als androgynen, exzentrischen Soziopathen. Äußerlich eine Mischung aus Marilyn Manson, Michael Jackson und wandelnder Leiche, im Verhalten schlicht ein Alien. Völlig ahnungslos, wie das soziale Miteinander funktioniert, schleust Wonka seine Gäste durch sein mehr als bizarres Refugium, in dem Kakaoflüsse durch Zuckerwattelandschaften fließen und Eichhörnchen als Qualitätstester arbeiten. Ehrensache, dass die Tour einen ungewöhnlichen, mitunter schmerzhaften, letztlich aber kathartischen Verlauf nimmt.

Depp als Willy Wonka: Mischung aus Marilyn Manson, Michael Jackson und Leiche
Warner Bros.

Depp als Willy Wonka: Mischung aus Marilyn Manson, Michael Jackson und Leiche

Bereits 1971 wurde der kuriose Bestseller verfilmt. Doch während die damalige Version (mit Gene Wilder als Willy Wonka) streckenweise so klebrig süß daher kam wie die Wonka-Produkte, bleibt Burton dem giftigen Tenor der Vorlage treu. Abgesehen davon, dass er seinen Drehbuchautor John August ("Big Fish") eine Parallelhandlung einfügen ließ, in der wir erfahren, warum Wonka der Freak wurde, der er ist, wurde nichts gestrichen, verharmlost oder simplifiziert. Selbst die eingefügten Songs, geschrieben von Burtons Hauskomponisten Danny Elfman, basieren auf Original-Lyrik von Dahl.

Die ausufernde, grellbunte Optik, die wilden Computertricks und allerlei cineastische Anspielungen (in einer Szene etwa persifliert Burton den Anfang von Kubricks "2001") sind ein exzentrisches Vergnügen und dabei nie Selbstzweck. Ausgerechnet dieser Film über nährwertarmen Süßkram ist kein schlichtes Popcorn-Kino geworden. "Charlie und die Schokoladenfabrik" ist, bei allem Witz und Wahnsinn, letztlich ein erstaunlich radikales Plädoyer, den Kindern das Recht zu geben, in Würde kindisch zu sein.

Und wenn alles gut geht, reifen solche Kinder später zu Geschichtenerzählern, Schöpfern von Fabeln über das süße Wunder des Glücklichseins.


"Charlie und die Schokoladenfabrik" ("Charlie and the Chocolate Factory")

USA 2005. Regie: Tim Burton. Buch: John August nach der Vorlage von Roald Dahl. Darsteller: Johnny Depp, Freddie Highmore, David Kelly, Helena Bonham Carter, Noah Taylor, James Fox, Missi Pyle, Christopher Lee. Produktion: Warner Brothers, The Zanuck Company, Plan B. Verleih: Warner. Länge: 115 Minuten. Start: 11. August 2005.

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