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US-Horrorfilm "Chernobyl Diaries": Voll verstrahlter Touristentrip

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Ein Horrorfilm über einen Super-GAU? Der US-Schocker "Chernobyl Diaries" kennt keine Hemmungen und jagt seine Figuren durch Tschernobyl - mit mäßigem Erfolg. Von den Machern der "Paranormal Activity"-Reihe erwartet man ohnehin keinen Anstand. Aber besseres Handwerk.

Courtesy of Warner Bros. Pictures

Strahlentod kann so einfach sein: "Erste Phase: Übelkeit, Desorientierung. Zweite Phase: sich schälende Haut, Blutungen. Dritte Phase: starke Schmerzen, Paranoia." So stellen die Macher des Horrorfilms "Chernobyl Diaries" jedenfalls den Krankheitsverlauf bei akuter Verstrahlung dar. Und ähnlich formelhaft erzählen sie ihre Geschichte: Sechs Mittzwanziger aus den USA und Australien beschließen, ihren Urlaub in der Ukraine mit einem Abstecher nach Tschernobyl aufzupeppen. In der nahegelegenen Geisterstadt Pripyat angekommen, geht erst ihr Wagen kaputt, dann ihr Guide verschütt und schließlich - nun ja.

Was trotz des Baukasten-Plots an "Chernobyl Diaries" interessieren könnte, sind zwei Dinge: Macher und Setting. Produzent und Drehbuchautor ist Oren Peli, der Mann hinter der "Paranormal Activity"-Reihe. Seit ihm mit dem ersten Teil ein unglaublicher Kassenerfolg gelang und er ihn mit bislang zwei Sequels wiederholen konnte, gilt er als neuer Meister des Lowbudget-Horrors.

Doch anders als die "Paranormal Activity"-Filme sind die "Chernobyl Diaries" trotz ihres Titels und einiger Andeutungen in der Werbekampagne nicht im found-footage-Stil gehalten, also nicht aus subjektiver Perspektive gefilmt. Nur zu Anfang wackelt es in ein paar Handy-Aufnahmen, danach hält Morten Søborgs Kamera halbherzig drauf, wenn es einer der Figuren an den Kragen geht.

Zaghaft dosierter Splatter

So vorhersehbar die Wendungen sind, so verblüffend ist, wie zaghaft Regiedebütant Bradley Parker den Splatter dosiert. Hier ein mutierter Fisch mit spitzem Gebiss, dort ein menschlicher Schatten in einem verlassenen Plattenbau - von allem ist ein bisschen zu sehen. Aber stets mehr, als für die Paranoia im eigenen Kopf nötig ist - und weniger, als es für wahren Ekel braucht.

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Horrorfilm "Chernobyl Diaries": Der wilde, wilde Osten
Letztlich vertraut "Chernobyl Diaries" wie jeder schlechte Film seinem Ausgangsmaterial nicht. Die sechs politisch unsensiblen Katastrophen-Touristen wirken anfangs durchaus unsympathisch. Doch statt sie für ihre Ignoranz zu strafen, schwenkt der Film auf die Mitgefühlschiene um und verlässt sich darauf, dass man irgendwie doch möchte, dass die "That's so awesome"-brabbelnden Traveller ihre Reise überleben. Für ein echtes Mitfiebern liefert er aber keine Gründe.

Opfer bleiben Opfer

Ähnlich inkonsequent geht der Film mit seinem Setting um, dem explodierten Kernkraftwerk Tschernobyl und der Geisterstadt Pripyat. Menschenleere Wohnblöcke, weitläufige Tunnel und der betonummantelte Reaktor am Horizont schaffen zwar eine düstere Grundstimmung - hier macht sich Bradley Parkers bisherige Arbeit als Visual-Effects-Designer von Filmen wie "Fight Club" oder "Let Me In" bemerkbar. Da er sich aber nur für das Klischee vom wilden Osten und weder für die Eigenheiten des Ortes noch den abstrakten Horror der Atomenergie interessiert, vergisst man schnell, an was für einem historisch bedeutsamen Ort der Film eigentlich spielen soll.

Bleibt die Frage, ob die Wahl des Handlungsortes nicht einfach geschmacklos ist. Darf man eine Katastrophe, in deren Folge bis zu 4000 Menschen gestorben sein sollen, so zur Kulisse degradieren? Fast könnte man meinen, diese Fragen erledigten sich, so konsequent erzählt "Chernobyl Diaries" an seinem Thema vorbei. Doch der zynische Dreh am Ende, der aus den Opfern der Nuklearkatastrophe erneut Opfer macht, verbietet diese versöhnliche Schlussfolgerung.

Und angesichts von Werken wie dem 9/11-Melodram "Extrem laut und unglaublich nah", in dem US-Filmemacher die eigene jüngste Zeitgeschichte hemmungslos ausnutzen, kann diese Rücksichtslosigkeit gegenüber der Katastrophe eines anderen Landes dann auch nicht mehr überraschen.

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
bennyutzer 21.06.2012
nur zur Info: die Stadt heißt Prypjat (auch Pripjat, aber ausgesprochen "pripjat") und nicht "pripit" wie es der Redakteur im Video nennt. Etwas mehr Sorgfalt würde gut ankommen...
2. Über diese kleinen Ungenauigkeiten..
juergw. 21.06.2012
Zitat von bennyutzernur zur Info: die Stadt heißt Prypjat (auch Pripjat, aber ausgesprochen "pripjat") und nicht "pripit" wie es der Redakteur im Video nennt. Etwas mehr Sorgfalt würde gut ankommen...
sollten Sie sich nicht aufregen.Sie gehören bei SPON zur goldenen Regel.Immer eingebaut ,um die Leser zu testen.
3. Hollywood
Promethium 21.06.2012
Wieder ein schlechter Film der mit den irrationalen Ängsten der Menschen vor der Kernenergie spielt. Angefangen hat das ganze wohl mit Das China-Syndrom (http://de.wikipedia.org/wiki/Das_China-Syndrom) oder schon mit Formicula (http://de.wikipedia.org/wiki/Formicula) und Godzilla (1954) (http://de.wikipedia.org/wiki/Godzilla_(1954)) ??? Ein Selbstläufer! Solange solche Filme gemacht werden wird es die irrationale Angst der Menschen vor der Kernenergie geben und solange es diese Angst gibt werden solche Filme gemacht. Vielleicht liegen die Ursachen im kalten Krieg? Beide Seiten haben die Gefährlichkeit von Atomwaffen so ins extreme überhöht weil sie dem Gegner drohen wollten. Diese irrationale Angst ist also vielleicht der Preis den wir dafür bezahlen, das der kalte Krieg kalt blieb.
4. Stalker
Coiote 21.06.2012
Zitat von bennyutzernur zur Info: die Stadt heißt Prypjat (auch Pripjat, aber ausgesprochen "pripjat") und nicht "pripit" wie es der Redakteur im Video nennt. Etwas mehr Sorgfalt würde gut ankommen...
Die Bilder, die Landschaft, die Gebäude erinnern mich sehr an das PC-Spiel STALKER.
5.
moev 21.06.2012
Zitat von CoioteDie Bilder, die Landschaft, die Gebäude erinnern mich sehr an das PC-Spiel STALKER.
Weil man sich für Stalker größte Mühe gegeben hat die Nachzubauen
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