Filmsatire "Chevalier" Wer ist der Geilste?

Auf einer Jacht in der Ägäis lässt die griechische Regisseurin Athina Tsangari sechs Männer zum ultimativen Wettbewerb antreten. Eine grandiose Satire auf männliches Konkurrenzdenken.

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Das Personenraten geht schon mal schief. Weil sich die Runde aus sechs Männern nicht darauf einigen kann, ob der Panda wirklich das beste Tier ist, um Josef Nikolaou zu beschreiben, wird das Spiel abgebrochen. Was die Männer genau an den Esstisch einer Luxusjacht in der Ägäis gebracht hat, und wie sie zueinander stehen, ist nicht ganz klar. Sicher ist nur: Alle wollen weiterspielen (und gewinnen).

Als einer vorschlägt, den Wettbewerb auszuweiten und sich doch einfach in allem zu messen, willigt die Runde dann auch sofort ein. Die Stewards verteilen noch kleine Notizblöcke zum Festhalten des jeweiligen Punktestands - und das Spiel "Der Beste in allem" kann beginnen.

Wie die Männer selbst, so staunt man auch als Zuschauerin, worin man sich alles messen kann. Cholesterinwerte, Handyklingelton, Grad der Betroffenheit der Familie, wenn man ihr mitteilt, dass der Jachtausflug länger dauert als geplant - sogar der Plausch beim Mittagessen darüber, wie man am besten frittierte Calamari zubereitet, kann dazu führen, dass einer der Männer seinen Block zückt und eine Punktzahl notiert. Natürlich mit der Hand abgeschirmt von den Blicken der anderen.

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"Chevalier": Die Vermessung der Männerwelt

Das Staunen über den Erfindungsreichtum der Männer ist nicht die einzige Ebene, auf der Regisseurin und Co-Autorin Athina Rachel Tsangari mit der Komplizenschaft ihres Publikums spielt. "Chevalier" reicht deshalb auch weit über eine grelle Komödie über männliches Konkurrenzdenken hinaus, und bereitet einen subtilen Spaß, den man bei diesem boulevardesken Thema kaum vermuten würde.

Das fängt schon damit an, dass man die Männer zunächst nur schwer auseinander halten kann, da es keine einführenden Szenen zu ihnen gibt. Das Spiel fängt quasi mit dem Film an, und erst im Verlauf der tausend kleinen Wettbewerbe fügen sich die Informationen zu einem halbwegs vollständigen Bild zusammen.

Wer ist hier der Gewinnertyp?

Eingeladen wurde die Runde offensichtlich vom gebieterischen Doktor (Yorgos Kentros). Sein aalglatter Schwiegersohn Yannis (Yorgos Pirpassopoulos) ist mit dabei, ebenso dessen verschüchterter Bruder Dimitris (Makis Papadimitriou). Der smarte Christos (Sakis Rouvas) war zuvor mit der Tochter vom Doktor zusammen, der gestandene Yorgos (Panos Koronis) und der zögerliche Josef Nikolaou (Vangelis Mourikis) scheinen hingegen Arbeitskollegen zu sein.

Wer von ihnen ist nun ein Gewinnertyp, der "Beste in allem"? Wer sich diese Frage stellt, ist natürlich selbst in einem ähnlichen Konkurrenzdenken wie die Männer an Bord verfangen. In genialer Konsequenz setzt der Film deshalb dem auf Eskalation ausgelegten Wettbewerb eine völlig zuwiderlaufende Dynamik entgegen samt herrlich antiklimaktischem Finale.

Dennoch verblüfft und unterhält "Chevalier" bestens. So merkt man es zum Beispiel zunächst gar nicht, dass der buchstäbliche Schwanzvergleich dann doch irgendwann durchgeführt wird, denn Tsangari baut die Szene völlig unerwartet auf. Und tatsächlich kann man sich dem Urteil von Yorgos anschließen, der kurz vor Ende des Spiels sagt: "Toll, was ich in dieser Zeit alles erfahren habe."

Weniger hätte man von Tsangari ("Attenberg") als einer der maßgeblichen Figuren des neuen griechischen Kinos wohl auch nicht erwarten sollen. Gemeinsam mit Kollegen wie Giorgos Lanthimos hat sie eine filmische Sprache entwickelt, in der sich das Absurde und das Alltägliche auf wunderbare Weise verschränken und so eine Welt entstehen lassen, die bei aller Verzerrtheit erschreckend viel Ähnlichkeit mit der unsrigen aufweist.

Während Lanthimos' letzter Film, der herausragende Liebesfilm "The Lobster", jüngst nur auf DVD erschienen ist, kommt "Chevalier" in dieser Woche in die deutschen Kinos. Das muss man wohl als Willkür verbuchen - denn wer wollte diese beiden tollen Filme schon vergleichen?

Im Video: Der Trailer zu "Chevalier"

"Chevalier"

    Griechenland 2016

    Regie: Athina Rachel Tsangari

    Drehbuch: Efthymis Filippou, Athina Rachel Tsangari

    Darsteller: Yorgos Kentros, Yorgos Pirpassopoulos, Makis Papadimitrou, Sakis Rouvas, Panos Koronis,Vangelis Mourikis

    Produktion: Faliro House Productions, Greek Film Center, Haos Film

    Verleih: Rapid Eye Movies

    Länge: 105 Minuten

    FSK: ab 6 Jahre

    Start: 21. April 2016

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Sokrates1939 20.04.2016
1. Werte
Im Zeichen der europäischen Werte Geld und Sex warte ich darauf, daß Geschlechtsverkehr als olympische Disziplin eingeführt wird.
QuixX 21.04.2016
2.
Zitat von Sokrates1939Im Zeichen der europäischen Werte Geld und Sex warte ich darauf, daß Geschlechtsverkehr als olympische Disziplin eingeführt wird.
Die Leute, die das entscheiden, würden zu schlecht dabei abschneiden. Daher werden Stahlkugeln gestoßen. Aber Sie haben recht, ausgerechnet der am meisten verbreitete Freizeitsport ist nicht dabei.
Velociped 25.04.2016
3. kindisch
Wir Männer geraten viel zu schnell in kindisches Konkurrenzgehabe. Das ist aber nicht immer und zwangsläufig so und von daher auch nur ein Klischee (wie so manches Klischee, statistisch begründet aber häufig auch nicht zutreffend). Frauen ist das ebenso nicht völlig fremd. Konkurrenzgehabe unter Frauen ist meist nicht so offensichtlich und oberflächlich, dafür können Männer besser anerkennen, wenn sie selbst nicht die besten sind. Frauen dagegen, die im Konkurrenzstreit mitmachen, dann aber nicht die besten sind, sind meistens kaum auszuhalten.
giftzwerg 26.04.2016
4. Sexismus
Sexistische Komödie à la "Männer sind so, Frauen so" Nummer 3922839. Danke und tschüß.
spon-facebook-10000021206 02.05.2016
5. Ungehobelt
Der Film scheint eine Verspottung der "Welt der Männer" sein zu wollen. Der wirkt aber wie eine richtige Diffamierung. Gab es eigentlich schon einen Film, der das Entsprechende auch versucht hat (auf so ungehobelter Weise) über die Frauen? So was nennt man Sexismus, oder?
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