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Animations-Musical "Chico & Rita": Havanna, unsere Liebe

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Liebe, Jazz, Prostitution: In seinem Oscar-nominierten Animationsfilm "Chico & Rita" erzählt Fernando Trueba ein Künstlermelodram aus dem Havanna der vierziger Jahre. Ein grandioses Vibrato aus Licht und Schatten.

Havanna, das war in den Jahren vor Fidel Castro sowas wie der größte Puff der USA. Amis kamen in die Stadt, um für ein paar Dollar einheimische Schönheiten abzuschleppen, weiße Musikmanager folgten, um die dortigen Jazz-Talente mit nicht immer ganz astreinen Verträgen an sich zu binden und in den Vereinigten Staaten auf Tour zu schicken. Man gab sich afro- und latinophil - die in den USA geltenden Rassenschranken hatte man trotzdem auf die Insel exportiert: Wo die Kubanerinnen mit Amerikanern tanzten, da hatten deren Männer keinen Zutritt. Und selbst hofierte schwarze Musiker hatten zu den Hotelbühnen am Strand den Hintereingang zu nehmen.

Es ist die große Leistung des spanischen Regisseurs Fernando Trueba, dass diese bitteren Wahrheiten in jedem Bild seines Films mitschwingen - und dass sein Animationswerk doch von einer frappierenden Sinnlichkeit und Rhythmusfertigkeit ist. "Chico & Rita" ist zugleich sozialhistorischer Kommentar und Jazz-Geschichtslektion, aufwühlendes Künstlermelodram und schwüle Romanze.

Diese Romanze beginnt im Havanna des Jahres 1948. Der Kubaner Chico treibt sich mit vergnügungswilligen Amerikanerinnen durch die Open-air-Bars der Stadt und träumt von einer Karriere als Pianist, Rita lässt sich von einem weißen Großkotz ausführen und will Sängerin werden. Im Taumel der Nacht rempeln Chico und Rita einander immer wieder an; irgendwann landen sie zusammen in der Konzerthalle eines großen Hotels, wo der US-Klarinettist und -Bandleader Woody Herman auftritt. Weil dessen Pianist erkrankt ist, soll Chico einspringen, gleich zur Eröffnung muss er die Strawinski-Komposition "Ebony Concerto" (1945 vom Meister der Neuen Musik extra für Hermans Band komponiert) spielen. Ein hochkomplexes Stück, dessen Notenblätter Chico beim ersten Anblick den Schweiß auf die Stirn treiben.

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"Chico & Rita": Zwei Herzen im Bebop-Rhythmus
Sieht man diese ersten 15 Minuten von "Chico & Rita", dann weiß man, weshalb der Film dieses Jahr neben Werken wie dem Reptilien-Western "Rango" für den besten animierten Film nominiert war: Wie eine grandios inszenierte Actionsequenz kommt diese Viertelstunde aus Rumba-Einlagen und gierigen Blicken, aus Rum-Gelagen und Motorradfahrten daher, auf den Punkt choreografiert bis zum Schlussakkord der von Chico gespielten Strawinski-Nummer. Liebe auf die brutale Tour.

Dabei ist der Zeichenstil des Films alles andere als gefällig. Regisseur Trueba, der bereits 1994 mit "Belle Époque" einen Oscar für die beste nicht-englischsprachige Produktion gewann, hat "Chico & Rita" im Rotoskopieverfahren hergestellt. Das heißt, er hat Realaufnahmen angefertigt, die dann in Trickbilder umgewandelt wurden, also ähnlich wie es Richard Linklater für seinen Philo-Comic "Waking Life" getan hat. Der Illustrator Javier Mariscal sowie der Videoclip-Regisseur Tono Errando entwickelten ein Bilddesign, das mit üppigen Schattierungen arbeitet, sich aber subtil in die Geschichte einfügt: ein Vibrato aus Licht und Schatten.

Bebop-Begräbnis inklusive

Denn immer wieder kippt die sich über Jahrzehnte streckende Jazz-Liebesgeschichte ins Künstler-Melodram. Chico kann sich aus seinen alten Verhältnissen nicht lösen, Rita erliegt bald den Avancen eines US-Agenten. Schnell steigt sie zum ersten afrohispanischen Megastar Amerikas auf, während der bald aus seiner Apathie erwachte Chico ihr mittellos nach New York folgt. Es beginnt die Geschichte eines ewigen Findens und Verlierens.

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Atemlos und doch im Detail genau geht es zu den mythischen Orten und zu den mythischen Größen des Jazz, afrokubanische Rhythmen knallen auf die Bop-Spielart jener Jahre. Von Jazz-Kellern New Yorks geht es zum Bebopper-Paradies Paris und von da zum Unterhaltungsmekka Las Vegas. Dizzy Gillespie, Charlie Parker oder der große Percussionist und Versöhner von Latin und Jazz, Chano Pozo, tauchen in einzelnen Episoden auf. Letzterer wird von einem Drogendealer in einer tragikomischen Szene ins Jenseits geschickt und in einem amtlichen, höchst lebensbejahenden Bebop-Begräbnis verabschiedet.

Im Zentrum von Truebas Jazz-Hommage aber steht Otto Premingers Musikmelodram "Carmen Jones", das Harry Belafonte 1954 endgültig zum schwarzen Superstar machte - seiner ebenfalls afroamerikanischen Filmpartnerin Dorothy Dandridge aber nur eine kurze hochbeschleunigte Karriere schenkte. Truebas Rita trägt (obwohl Kubanerin) viele Züge der in Hollywood gefeierten, aber schon früh depressiv und drogensüchtig verstorbenen Dandridge.

Die Figur des Chicos aber ist dem inzwischen 93-jährigen Jazz-Pianisten Bebo Valdéz nachempfunden, der in den fünfziger Jahren einer der lokalen Größen Havannas war, dann über Schweden nach Spanien gelangte. Regisseur Trueba hat ihm und seinem Schaffen schon die Dokumentation "Calle 54" gewidmet und ihn auf internationale Bühnen zurückgeholt. Zu "Chico & Rita" hat Valdéz einige Kompositionen beigesteuert.

Seine Mitwirkung dürfte nicht ganz unschuldig daran sein, dass den Machern des Films eine erstaunliche Gratwanderung gelingt - zwischen historischer Präzision und entwaffnender Sinnenfreude, zwischen Trauer und Sexappeal.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Animations-Musical?
datics 30.08.2012
Das ist ein Zeichentrickfilm!
2. Lieber spät als gar nicht
MarioDeMonti 30.08.2012
Wie lange hat es jetzt gedauert, bis sich ein deutscher Verleih gefunden hat? Der Film ist von 2010. Auf den Film wurde ich das erste mal aufmerksam, als er Anfang des Jahres bei den Oscars als bester Animationsfilm nominiert war, habe mir sofort die Blu Ray und CD bestellt und war nicht entäuscht. Hoffentlich bekommen solche tollen Animationsfilme jetzt häufiger in Deutschland eine Chance, mit Miyazaki haben sich die deutschen Verleiher auch lange sehr schwer getan, bis Chihiro dann den Goldenen Bären und den Oscar gewann. P.S. Bei Kuba, Animationsfilm und Musik muss man natürlich auch Vampires in Havana - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Vampires_in_Havana) erwähnen. Ein völlig anderer Film, eher eine absurde Komödie, aber sehr unterhaltsam.
3.
civicus 30.08.2012
Der Film selbst ist ein Dementi über die unqualifizierten Behauptungen des ersten Absatzes. Herr Buß, wie so viele europäische Snobs, (ver-)kauft gerne die Castro-Propaganda über die Insel bevor "Fidel kam". Der Mangel an Recherche in dem Artikel setzt sich mit dem Thema Bebo Valdés (nicht Valdéz) fort: "... dann über Schweden nach Spanien gelangte. Regisseur Trueba hat ... ihn auf internationale Bühnen zurückgeholt". Erstens weilte Bebo Valdés etwa 30 Jahre in Schweden, zweitens war es mitnichten der Regisseur Fernando Trueba wer ihn aus dem Schwedischen Exil holte, sondern er hat vorher schon mit dem Großen Paquito D'Rivera die Platte "Bebo Rides Again" aufgenommen. In Deutschland.
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Chico & Rita

Animationsfilm

Spanien und Großbritannien 2010

Regie: Tono Errando, Javier Mariscal, Fernando Trueba

Drehbuch: Fernando Trueba, Ignacio Martínez de Pisón

Sprecher: Limara Meneses als Rita, Eman Xor Oña als Chico, Mario Guerra, Jon Adams, Renny Arozarena, Blanca Rosa Blanco

Verleih: Kool Filmdistribution

Länge: 94 Minuten

FSK: Keine Beschränkung

Start: 30. August 2012




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