"Children of Men" Der Schmerz der ganzen Welt

Vielleicht sehen wir alle bald so resigniert aus wie Clive Owen in "Children of Men". Alfonso Cuaróns düsterer Zukunftsthriller ist ein Fest für Pessimisten und Untergangs-Theoretiker: Mit grandioser Lakonie projiziert er die Krisen der Gegenwart in eine erschütternde Zukunft.

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Den englischen Ausdruck world weary würde man wohl am besten mit "lebensmüde" übersetzen. Weniger Todessehnsucht ist damit gemeint als vielmehr ein generelles Leiden an der Welt, Überdruss am Alltag, der einen hohläugig aussehen lässt und tiefe Furchen durchs Gesicht zieht.

Szene aus "Children of Men" (mit Claire-Hope Ashitey, M. und Clive Owen): Ganz England ein Kriegsgebiet
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Szene aus "Children of Men" (mit Claire-Hope Ashitey, M. und Clive Owen): Ganz England ein Kriegsgebiet

Insofern ist Clive Owen die perfekte Besetzung für Theo, die Hauptfigur in Alfonso Cuaróns Film "Children of Men". Der britische Schauspieler, unrasiert, verzagt schauend, in einen abgetragenen Mantel gekleidet, ist die Personifizierung von world weary. Als in der Londoner Fleet Street ein Grill-Imbiss in die Luft fliegt, den Theo gerade eben verlassen hat, verzieht er keine Miene. Terror erzeugt im London des Jahres 2027 keinen Schrecken mehr. Er gehört zum Alltag.

Der mexikanische Regisseur ("Y tu Mamá también") war eigentlich nach England gekommen, um einen Harry-Potter-Film zu drehen. Nachdem die Arbeit an "Der Gefangene von Askaban" abgeschlossen war, blieb er in London und machte sich an die Adaption einer Geschichte, die die Schriftstellerin P.D. James Anfang der Neunziger geschrieben hatte. Befreit von jeglichem Upperclass-Dünkel und konservativer Weltsicht, kommt "Children of Men" jetzt als düstere und melancholische Reflexion über die Auswirkungen unserer gegenwärtigen Krisen und Gesellschaftsprobleme in die Kinos. Cuarón selbst nennt seinen Film bescheiden "nichts als einen rasanten Verfolgungsjagd-Thriller". Dabei hat ist er viel mehr als das.

Resignation und Desillusionierung sind nicht nur in Clive Owens Zügen zu lesen, sie bestimmen den Alltag in der Zukunft: "The World has collapsed; only Britain soldiers on", propagiert das staatliche Fernsehen in einer Hommage an George Orwell: Nach dem Kollaps der Welt marschiert nur Großbritannien unverdrossen weiter. Tatsächlich scheint London in der Zukunft von "Children of Men" die einzige Zuflucht für eine von Krieg und Terror vertriebene Menschheit zu sein. Überschwemmt von illegalen Immigranten, verlotterten Gestalten, die an jeder Straßenecke zusammengepfercht und in militärisch bewachte Hochsicherheits-Auffanglager abgeschoben werden, hat sich das Vereinigte Königreich in einen Polizeistaat verwandelt.

Vielleicht soll man es als Strafe Gottes verstehen, vielleicht will aber auch nur die Natur noch größeres Elend verhindern: Die Menschheit in "Children of Men" ist seit Jahren unfruchtbar, der jüngste Erdenbürger, ein 18-Jähriger namens Baby Diego, wurde gerade von einem Fanatiker erschossen. Held Theo wollte früher einmal als Polit-Aktivist die Welt verändern. Heute fristet er als kleiner Beamter einen tristen Büroalltag.

Aus seiner Apathie reißt ihn schließlich seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore), die sich in der Rebellengruppe "Human Project" engagiert und ihn um Hilfe bittet. Die Beziehung zwischen den beiden erkaltete, nachdem ihr gemeinsames Kind ums Leben kam. Nun soll Theo ein Mädchen, angeblich eine illegale Immigrantin, an die Küste bringen, wo sie von "Human Project" übernommen werden soll.

Man erfährt nicht, was genau eigentlich die Ziele dieses "Human Project" sind, und die verschlagenen Gestalten in Julians Gefolge erwecken auch nicht gerade viel Vertrauen. Aber sei's drum, es kommt wie es kommen muss: Nach einigen turbulenten, virtuos inszenierten Action- und Verfolgungsszenen, bei denen Julianne Moore ihren kurzen Auftritt in diesem Film beendet, sind Theo, das Mädchen Kee und eine Amme auf sich allein gestellt. Bezeichnenderweise enthüllt Kee in einem Stall, dass sie - als einzige Frau auf Erden - schwanger ist. Ein Wunder. Und die neue, vielleicht letzte Hoffnung der Menschheit.

Das alles hätte allzu leicht in alt- und neutestamentarisches Gewaber abdriften können, wenn nicht Cuarón mit eiserner Hand über den lakonischen, zuweilen fast dokumentarischen Stil seines Film gewacht hätte: Über weite Strecken wird das Geschehen von einer wackeligen Handkamera gefilmt, als wäre der Kinozuschauer ein Reporter, den es in ein Kriegsgebiet verschlagen hat. Tatsächlich bilden die grünen Landschaften Albions einen krassen Gegensatz zum urbanen Raum, der, so wollte es Cuaròn, an zernarbte urbane Krisenareale im Kosovo oder Libanon erinnert. In dieser pragmatischen, streng aufs Überleben ausgerichteten Welt, gibt es den Luxus eines Gottes nicht mehr.

Einen einzigen sakralen Moment gönnt sich der Film, als Kee mit ihrem Kind im Treppenhaus eines unter Beschuss liegenden Hochhauses die Stufen herunter schreitet. Für einen Moment scheint angesichts des zerbrechlichen neuen Lebens alles still zu stehen: Flüchtlinge strecken staunend und mit feuchten Augen ihre Hände aus; Soldaten lassen ergriffen ihre Gewehre sinken. Die menschliche Rasse stirbt aus ohne Nachwuchs, Punkt. So nüchtern und ganz unpathetisch fundamental entwirft "Children of Men" eine beängstigende Zukunft, in der die Hoffnung stets am seidenen Faden hängt. Das Schicksal der jungen Mutter und ihres neugeborenen Kindes - es bleibt auch am Ende offen.

Nahezu jeder gesellschaftliche Konflikt unserer Zeit wird in "Children of Men" gestreift, zum Teil nur en passant: Da sind die den Folterungen von Abu Ghureib nachgestellten Szenen am Bahnsteig eines Immigrantenlagers, an denen Theo und Kee in einem Zug voller Flüchtlinge vorbeifahren. Da gibt es einen Aufstand bewaffneter muslimischer Terrorgruppen mitsamt "Allah ist mächtig"-Gebrüll, während der Staat der Überalterung mit der Sterbehilfe-Pille "Quietus" Einhalt gebieten will.

Auch die massiven Einschränkungen der Pressefreiheit aus Gründen der "Homeland Security" sind ein Thema: Die unfreiwillig zusammengewürfelten Flüchtenden, eine schwangere schwarze Einwandererfrau und ein bleicher, resignierter Brite, finden kurzzeitig Unterschlupf bei Theos altem Freund Jasper (Michael Caine), einem Ex-Aktivisten und Alt-Hippie, der heimlich Marihuana raucht und "Ruby Tuesday" hört. Jaspers Lebensinhalt besteht darin, seine im Rollstuhl sitzende Frau zu pflegen, eine ehemalige Reporterin, die in die Mühlen der Staatsmacht geriet und seitdem im Wachkoma vegetiert.

Es sind die Szenen in Jaspers Landhaus, einer fast weichgezeichneten Oase der Nostalgie, die "Children of Men" seine Schwere und Glaubwürdigkeit verleihen. Hier läuft Clive Owen mit Flip-Flops und einem alten verschlissenen Sweatshirt der Olympischen Spiele von 2012 herum, hier ist ein letzter Rest Humanität und Wärme zu spüren.

In der liebevollen Inszenierung Jaspers, halb Verschwörungstheoretiker, halb gutmütiger Friedensapostel, outet sich Cuarón auch ein bisschen als Träumer: Die Sixties und Seventies als Hort der bis jetzt letzten menschlichen Utopie - Make Love, not war, danach kam nicht mehr viel. Wie passend, dass "Children of Men" an ein Film-Genre anknüpft, das seine Blütephase in eben jener Zeit erlebte. Von "Planet der Affen" bis zu "Soylent Green" und "Omega Man" ist hier alles drin, was Kino zum Thema Dystopie zu sagen hatte - mit Clive Owens lebensmüden Theo als Wiedergänger des Replikantenjägers Deckard in "Blade Runner".

Der erste echte Zukunftsthriller des 21. Jahrhunderts verströmt also eine gehörige Portion Retro-Charme. Vielleicht sind es ja wirklich nur noch die Visionen von gestern, die im Morgen Trost spenden. An dieser Aussicht könnte man nun wirklich verzweifeln, wenn "Children of Men" nicht gerade wegen Alfonso Cuaróns Mut zur Anti-Ironie einer der besten und wichtigsten Filme dieses Jahres geworden wäre.



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