China auf der Berlinale Die besten Western kommen aus dem Osten

Ob Leichenteile in Kohlefabriken oder Liebesdramen unter Blinden: Auf der Berlinale haben die chinesischen Filme eindrucksvoll gezeigt, wie man Genrekino mit gesellschaftspolitischem Kommentar verbinden kann. Auf diese Generation von Regisseuren darf man gespannt sein.

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Am Ende von "Mo Jing" ("That Demon Within") von Dante Lam fliegt ein Auto in eine Tankstelle, reißt die Säule mit den Benzinpreisen um, fällt krachend in die Zapfsäulen, ein Inferno aus Knallen, Krachen, Bersten, alles explodiert in einem gewaltigen Feuerball. Solchen Genrefurien aus Hongkong steht die taiwanische Produktion "Xi You" ("Journey to the West") von Tsai Ming-liang ästhetisch diametral gegenüber. Eine Stunde lang sieht man Hauptdarsteller Lee Kang-sheng bei einer Performance zu: Als buddhistischer Mönch geht er maximal langsam durch Marseille, während um ihn herum die Großstadt tost.

Dem Klischee nach definieren diese beiden Extreme das chinesische Filmschaffen. Stilistisch prägnantes, manchmal bis zur Hysterie beschleunigtes Actionkino hat aus Hongkong zu kommen, während man aus Festlandchina in Europa am ehesten sozialkritisch engagierte Festivalkost der sogenannten Fünften und Sechsten Generationen chinesischer Filmemacher um Chen Kaige, Zhang Yimou oder Lou Ye goutiert. Patriotische Blockbuster wie John Woos "Red Cliff" oder Yimous "Hero" markierten in dieser Sichtweise bestenfalls einen Import des soliden Handwerks aus Hongkong, schlimmstenfalls den Verrat am eigenen künstlerischen wie politischen Ideal.

Dreiecksgeschichte im Dogma-Stil

Die Auswahl der Berlinale tat in diesem Jahr einiges dafür, solche Stereotype zu zertrümmern. Zhou Hao etwa orientiert sich unverkennbar an westlichen Vorbildern in "Ye" ("The Night"), einer Dreiecksgeschichte um Sexarbeit und Liebe, die in der Panorama-Sektion zu sehen war. Im Licht einer einzigen Laterne, die eine steile Treppengasse in ein schmutziges Rostbraun taucht, verbringen eine Prostituierte, ein junger Stricher und dessen One-Night-Stand ihre geschäftigen Nächte. Die unverstellte Direktheit, mit der Zhou Hao Bild und Ton aufnimmt, mit all der Dunkelheit, dem Hall und dem Rauschen, die auf die Technik verweisen und nicht etwa auf die Umwelt der Filmhandlung, erinnert die ästhetische Umsetzung seines Szenarios deutlich an den Regelkatalog des "Dogma 95", den Lars von Trier und Thomas Vinterberg mit erdachten.

Am faszinierendsten allerdings war in Berlin zu beobachten, wie chinesische Filmemacher erzählerische Elemente des Genrekinos in neue Inszenierungsstrategien überführten - oder, wie Ning Hao in seinem Wettbewerbsfilm"Wu Ren Qu" ("No Man's Land"), den soziokulturellen Subtext dieser Erzählungen auf die Situation im eigenen Land projizierten. Die Abenteuer eines Großstadtanwalts in der Wüste Xinjiang sind nicht ohne Witz und Spannung, aber sie zeichnen auch das Sinnbild eines zutiefst gespaltenen Landes: Der rasende Fortschritt produziert eben nicht nur Verlierer in den urbanen Zentren, sondern er lässt ganze Landstriche links liegen, die sich in den Augen der arroganten technikfixierten Städter in eine feindselige Freakshow verwandeln.

Diao Yinan erzählte in "Bai Ri Yan Huo" ("Black Coal, Thin Ice") den Stoff eines Film noir als Film blanc: Die titelgebenden Kohlemassen, die über Schienen rollen und bisweilen Leichenteile verbergen, sind Kontraste in einem Meer aus Schnee und Eis um eine Kleinstadt im Nordwesten, genau wie die grelle Leuchtreklame eines Amüsierhauses oder die Lampen der nächtlichen Stadt. Anders als Ning Hao, der in "Wu Ren Qu" alle Register dynamischen Erzählens zieht, zeigt Diao Yinan allerdings erstaunlich wenig Interesse am manipulativen Effekt. Er fügt vielmehr die Struktur einer Genrehandlung in die tendenziell längeren, halbnahen Einstellungen des analytischen, wenn man so will: des Arthouse-Kinos, ein.

Augen, die nicht in die Kamera blicken können

Und Lou Ye zeigte in "Tui Na" ("Blind Massage") Körperkino in einem außergewöhnlichen Sinne: Hände, die zueinander kommen oder sich voneinander losreißen, Gesichter, deren Augen nicht in die Kamera zurückblicken können, eine Frau, deren Berufsweg durch eine sich schließende Tür endet, in der sie sich den Daumen einklemmt. Womöglich spiegelt dieses Mosaik an Eindrücken die Wahrnehmung der Hauptfiguren, der blinden Belegschaft eines Massagesalons in Nanjing. Diese Fragmentierung der Erzählweise bedeutet bei Lou Ye aber auch, dass man ihnen als Zuschauer niemals richtig nahe kommen kann.

Im Wettbewerb waren also beileibe keine unpolitischen Filme zu sehen, jegliches Deklamatorische, Parolenhafte ging diesen Arbeiten aber zum Glück vollkommen ab. Anders sah dies etwa im Forum bei "Gui zi ri" ("Shadow Days") aus. Regisseur Zhao Dayong schickt in seinem Film den Mitarbeitern eines Trupps, die in einem abgelegenen Bergdorf mit Hausbesuchen und Zwangsabtreibungen die staatliche Ein-Kind-Politik durchsetzen, die Geister auf den Hals, die ihr schäbiges Tun produziert.

Die politischen Entwicklungen in China lassen Zhao Dayongs Film zwar schon kurz nach dem Entstehen veraltet aussehen - aber auch hier schlichen sich in den sozialen Realismus handfeste Bilder des Grauens ein, die von einer sehr genauen Kenntnis der Mechanismen des Horrors zeugten. Es scheint also, als entstehe in China gerade eine Generation von Filmemachern, die sich auskennt mit den Archetypen der Genregeschichte und diese nun einer vielfältigen Umdeutung unterzieht.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Europa! 15.02.2014
1. Wu Ren Qu
Zitat von sysopBerlinale/ China Film CompanyOb Leichenteile in Kohlefabriken oder Liebesdramen unter Blinden: Auf der Berlinale haben die chinesischen Filme eindrucksvoll gezeigt, wie man Genre-Kino mit gesellschaftspolitischem Kommentar verbinden kann. Auf diese Generation von Regisseuren darf man gespannt sein. http://www.spiegel.de/kultur/kino/chinesische-filme-auf-der-berlinale-mit-dante-lam-und-ning-hao-a-953676.html
Ein rasanter Actionfilm(ohne irgendwelchen Kung-fu-Quatsch), der einen zwei Stunde lang in eine fremde Welt versetzt. Großartige Landschaftsaufnahmen, harte Typen, Faustrecht und eine völlig andere Perspektive als jeder westliche Western. Guter, lässiger Film und die typisch chinesische Einsicht: Gut und Böse sind in jedem Menschen vorhanden. Moral? Frauen und Falken brauchen viel Freiheit.
90-grad 15.02.2014
2. Und was wollte
Uns der Autor damit sagen?
Shoxus 15.02.2014
3.
Zitat von Europa!Ein rasanter Actionfilm(ohne irgendwelchen Kung-fu-Quatsch), der einen zwei Stunde lang in eine fremde Welt versetzt. Großartige Landschaftsaufnahmen, harte Typen, Faustrecht und eine völlig andere Perspektive als jeder westliche Western. Guter, lässiger Film und die typisch chinesische Einsicht: Gut und Böse sind in jedem Menschen vorhanden. Moral? Frauen und Falken brauchen viel Freiheit.
Wieso ist Kung-Fu-Quatsch? Sehr überheblich
kaitou1412 16.02.2014
4.
Zitat von Europa!Ein rasanter Actionfilm(ohne irgendwelchen Kung-fu-Quatsch), der einen zwei Stunde lang in eine fremde Welt versetzt. Großartige Landschaftsaufnahmen, harte Typen, Faustrecht und eine völlig andere Perspektive als jeder westliche Western. Guter, lässiger Film und die typisch chinesische Einsicht: Gut und Böse sind in jedem Menschen vorhanden. Moral? Frauen und Falken brauchen viel Freiheit.
Wieso sollte Kunng Fu Quatsch sein? erstens hat das nichts mit Kampfsport zu tun und zweitens ist solche Art zu kämpfen nunmal in China tief verwurzelt. Wenn es da einer halt kann, dann kann er es. Ich mache selbst Shaolin und wenn ich im realen Leben auch enen thriller durchleben würde, dann würde ich meine Fähigkeiten auch so einsetzen, wenn es mir helfen würde in einem Kampf. Nur weil du es nicht kannst und bei einem eaffenloses Kampf heulend nach Mami schreien würdest, ist das noch lange kein Quatsch, wenn es andere können. Und das FIime gerne mal etwas überzeichnet sind, sollte auch klar sein. Und nein, es ist nicht eine typisch chinesische Ansicht, dass Gut und Böse in jedem vorhanden sind. Aber dort zeigt man es gerne in Filmen, nicht so wie bei den Amis, wo gerne ein Heldenimage aufgebaut wird. Und fremde Welt? Für einen echt großen Teil der Weltbevölkerung ist China keine fremde Welt. Aber soviel Empathie hast du anscheinend gar nicht, um zu erkennen, dass die Welt größer ist als dein Wohnort (und Hollywood-Amerika wahrscheinlich), wenn du Kung Fu als Quatsch bezeichnest.
kabuki 16.02.2014
5.
Obwohl sie "shaolin machen" nehmen Sie es mit der Gelassenheit aber nicht so ernst, oder?
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