"Chloe"-Star Amanda Seyfried Freak aus Porzellan

Kindfrau mit strahlenden Augen? Amanda Seyfried sollte man besser nicht unterschätzen. Ob als Femme fatale in "Chloe", Nerd in "Jennifer's Body" oder ganz sanft in "Das Leuchten der Stille" - ihre Rollen sind so widersprüchlich und vielschichtig wie die Schauspielerin selbst.

Kinowelt

Von Roland Huschke


Der rätselhafte Frauenthriller "Chloe" des kanadischen Regisseurs Atom Egoyan lässt viele Deutungsmöglichkeiten über Motive und Hintergründe seiner drei Hauptfiguren zu. Unzweifelhaft lässt sich jedoch festhalten, dass die Schauspielerin Amanda Seyfried, 24, hier den denkbar elegantesten Weg findet, um künstlerisches Kapital aus der Lolita-Imagefalle zu schlagen.

Denn seit sie sich 2006 in der US-Prestigeserie "Big Love" (deutsche Free-TV-Ausstrahlung - Fehlanzeige") die Rolle der Tochter eines mormonischen Polygamisten zu eigen machte, indem sie subtil zwischen Naivität und Gerissenheit changierte, kommt in Medien und Branche keine Seyfried-Meldung ohne Verweis auf ihre offensichtlichen Kindfrau-Qualitäten aus.

Was schon mal etwas seltsam klingen kann, wenn sich bevorzugt Männer am Reiz ihrer porzellanhaften Gesichtszüge ergötzen und an blaugrauen Augen, die so groß und hell strahlen wie Scheinwerfer. Doch keine fünf Minuten, nachdem man sie getroffen und die erste Welle der Wucht dieser zierlichen Person überstanden hat, ist ganz klar, dass Seyfried im Gegensatz zu den üblichen Starlets ihren Kopf nicht nur zum Frisieren blonder Locken nutzt.

"Es wäre absurd", setzt sie zur Selbstanalyse an, "die Tatsache zu ignorieren, dass das Kino ein visuelles Medium ist und weibliche Außenwirkung ein zentrales Element meiner Arbeit ist. Ich persönlich finde ja, dass ich ein bisschen freakig aussehe und damit am besten in Filme von Tim Burton passen würde. Aber weil ich mir noch nicht den Status erarbeitet habe, mir Jobs aussuchen zu können, versuche ich das Beste aus den naturgegebenen Mitteln zu machen. Dazu gehört eben, dass ich Teenager einstweilen noch ebenso gut verkörpern kann wie eine Femme fatale. Mir gefällt das Spiel mit gesellschaftlichen Frauenbildern sogar, und ich finde es reizvoll, mit Garderobe und Make-up Fassaden zu schaffen, unter denen total widersprüchliche Charaktere zu entdecken sind."

Hornbrille abgelegt

Das mag noch nicht allzu auffällig gewesen sein in "Mamma Mia!", als sie, eingebettet in Abba-Nostalgie, das singende Sonnenscheinchen Sophie gab, das auf der Suche nach ihrem Vater die eigene Identität entdeckt. Doch schon im leider misslungenen Film "Jennifer's Body", bei dem sich die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf Männerfresserin Megan Fox konzentrierte, ragte Seyfrieds Porträt einer nerdigen Schülerin heraus, die im Laufe der kruden Story Scheu und Hornbrille ablegt, um sinnbildlich den Kampf gegen Geschlechterklischees aufzunehmen.

"Chloe" bietet nun ihre bislang vielschichtigste Performance, wenn sie als Callgirl ohne Vergangenheit ihren Sex-Appeal als Waffe einsetzt - und als Schutzwall, hinter dem sie ihre Neurosen versteckt. Nicht von ungefähr bezeichnet Seyfried "Chloe" als "meine bisher schwierigste wie auch erfüllendste Kinorolle". Sie nimmt gern in Kauf, dass sie so nur einen Bruchteil des "Mamma Mia!"-Millionenpublikums erreichen dürfte.

"Hollywood ist momentan eindeutig im Teenager-Wahn, mich erreicht jede Woche ein Drehbuch aus diesem Milieu", erklärt sie, "und weil ich so jung aussehe, könnte ich wahrscheinlich für Jahre eine solide Karriere als nette Studentin haben, die hübsche Burschen anhimmelt oder mit ihnen Duette singt. Doch mein persönlicher Geschmack könnte gar nicht weniger amerikanisch sein. Ich fühle mich zum europäischen Kino hingezogen und bedauere es zutiefst, nicht auch Spanisch oder Französisch zu sprechen, um auf beiden Kontinenten zu arbeiten, wie Penélope Cruz oder Kristin Scott-Thomas. Um nicht depressiv zu werden, versuche ich so oft wie möglich mit Regisseuren mit einer europäischen Sensibilität zu arbeiten."

"Chloe"-Regisseur Egoyan entspricht diesem Anforderungsprofil unbedingt, und Seyfried schwärmt davon, sich mit so jemandem stundenlang über die Psychologie ihrer Rolle unterhalten zu können, "wobei wir uns beide gern auch Tage hätten festquatschen können". Dieses Urvertrauen in Kreativität und Intellektualität erleichterte ihr auch die außerordentlich freizügige Darstellung einer angeknacksten Seele, denn "ich hatte zum Beispiel panische Angst davor, völlig nackt Liebesszenen mit Julianne Moore zu drehen, weil ich es privat nun mal gewohnt bin, mit Männern zu schlafen."

Doch Egoyan nahm sie beim Dreh sprichwörtlich an die Hand, "als sei ich ein Kind", und die latente Verletzlichkeit einer Frau, die auf keine andere Weise als auf der sexuellen Ebene Verbindungen zu Menschen herzustellen weiß, hebt das Drama über die arg gewöhnliche Struktur des Plots hinaus.

Sanft und seicht und Megaseller

Besser als ihr Stoff ist Seyfried in der Liebesschnulze "Das Leuchten der Stille", die ab 6. Mai auf deutschen Leinwänden folgt und in den USA bereits "Avatar" als Box-Office-Spitzenreiter ablöste. Hier ist Seyfried meist so sanft und seicht wie die Vorlage von Nicholas Sparks, doch wer sich "Das Leuchten der Stille" und "Chloe" als Double Feature gönnen mag, bekommt einen wunderbaren Eindruck von ihrer Reichweite und etwas ätherischen Zeitlosigkeit. Viele Kolleginnen gibt es nicht, die ebenso selbstverständlich in einen Film Noir der Fifties wie in eine Campus-Romanze gepasst hätten.

Der Erfolg von "Das Leuchten der Stille" hat sie in den kleinen Kreis weiblicher Jungstars geführt, die laut Branchensprech Filme an der Kasse "öffnen" können, und es wird spannend zu sehen sein, welchen Regisseuren sie sich in naher Zukunft dank explodierender Popularität anvertraut.

Vielleicht wird Seyfried nun endlich auch von ihren geliebten Singer/Songwritern erhört, denn auch privat gilt die Leidenschaft der Hobby-Klavierspielerin den feinen Tönen. "Hätte ich es vor der Kamera nicht geschafft, wäre ich garantiert Musikerin. Ich bin völlig besessen von Leuten wie Willie Mason, Damien Rice oder Bon Iver - und ab und zu müssten diese Jungs doch mal eine weibliche Stimme für ein Duett gebrauchen können, da biete ich mich gern an!"



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