Hollywood-Star Christian Bale "Ihr Leben zerfällt, weil es der Kapitalismus so will"

Christian Bale ist gerade mit der Trickster-Komödie "American Hustle" und dem Rache-Thriller "Auge um Auge" gleich in zwei Filmen zu sehen. Jetzt pausiert er aber erst einmal ein Jahr. Was er vorhat? Vielleicht nur fernsehen.

DPA

Ein Interview von


Zur Person
Christian Bale, 40, gehört zu Hollywoods gefragtesten Schauspielern. Für seine Rolle in dem Familiendrama "The Fighter" wurde er 2011 mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. 2014 war er für die Gangsterfarce "American Hustle" nominiert. Drei Mal spielte der gebürtige Brite Batman in Christopher Nolans höchst erfolgreicher Superheldentrilogie. Damit er die Rolle auch im kommenden Superman-Batman-Film spielt, soll er 50 Millionen US-Dollar angeboten bekommen haben. Bale sagte trotzdem ab. In dieser Woche kommt sein neuer Film "Auge um Auge" in die deutschen Kinos.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Bale, in Scott Coopers Film "Auge um Auge" spielen Sie einen ehrbaren Stahlarbeiter in einer kaputten Industriestadt im Osten der USA, der selbst eine Menge Unglück im Leben und in der Liebe hat, seinen Bruder an eine Gangsterbande verliert und eines Tages einen Ein-Mann-Rachefeldzug antritt. Was hat Sie an diesem Stoff interessiert?

Bale: Der Kerl, den ich spiele, er heißt Russell Baze, verkörpert so etwas wie das altmodische Ideal des amerikanischen Mannes. Er gehört zu den kleinen Leuten, die nie in Hochglanzmagazinen abgebildet werden. Ein aufrechter und zivilisierter Mann, der zu wissen glaubt, was gut und was böse ist. Ein Mann, der verwurzelt ist in der Stadt, in der er aufwuchs, und der sein Geld mit harter Arbeit verdient. Er ist stoisch und loyal. Und als er eines Tages vor der Frage steht, ob er als ein Feigling weiterleben will, entscheidet er sich dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten seit Kindertagen als Schauspieler und fühlen sich fast besessen in Ihre Rollen ein, gerade haben Sie sich für Ihre Ganovenrolle in "American Hustle" eine eindrucksvolle Wampe zugelegt. Wie sah für Sie die Vorbereitung auf den proletarischen Helden Russell Baze in "Auge um Auge" aus?

Bale: Ich gebe zu, dass er in gewisser Weise ein Exot ist für mich. Nicht bloß weil ich in Großbritannien geboren bin, dort gibt es vermutlich ähnlich aufrechte Kerle wie Russell. Aber es hat mir geholfen, dass wir "Auge um Auge" dort gedreht haben, wo der Film spielt, in Braddock, Pennsylvania, einer Stahlindustriestadt. Ich drehe lieber an realen Orten als im Studio. Man muss an realen Orten weniger schauspielern. Ich habe mit den Bewohnern von Braddock geredet, sie haben mich im Stahlwerk mitarbeiten lassen, und hinterher hingen wir ein bisschen zusammen herum, bis ich mich nicht mehr wie ein Fremder fühlte. Ich war ein Besucher, klar, aber kein Fremder mehr.

SPIEGEL ONLINE: Coopers Film spielt in einem Amerika, das sich im Krieg befindet. Der Bruder des von Ihnen gespielten Helden, Rodney (Casey Affleck), hat im Irak gekämpft, in einer Szene im Wald sieht man die Jagd auf einen Hirschen, was an den Vietnamkriegs-Klassiker "Die durch die Hölle gehen" erinnert. Inwiefern ist "Auge um Auge" ein Kriegsfilm?

Bale: Es ist ein Film, der von zwei Kriegen handelt. Rodney ist in ein Amerika zurückgekehrt, in dem man den Soldaten, die in weit entfernten Ländern für die USA gekämpft haben, zwar offiziell dankbar ist. Trotzdem bleibt der Respekt, von dem da stets die Rede ist, meist ein Lippenbekenntnis. Man tut zu wenig, um Leute wie Rodney wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Das ist der eine Krieg. Der andere Krieg wird in den USA selbst geführt. In diesem Kampf um die essentiellen amerikanischen Werte haben Leute wie Russell das Nachsehen. Dabei haben Männer wie er einst Amerika aufgebaut. Doch ihr Leben zerfällt, weil es der moderne Kapitalismus so will, und niemand scheint sich drum zu scheren.

SPIEGEL ONLINE: Und weil es aus diesem Niedergang keinen Ausweg gibt, ist dieser Film so brutal finster?

Bale: Finde ich überhaupt nicht. Gut, der Film hat eine dunkle Atmosphäre, aber für mich vermittelt er eine Menge Hoffnung. Die Geschichte, die wir erzählen, handelt vom Triumph einer Geisteshaltung und nicht von einer Niederlage.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht eher so, dass "Auge um Auge" es den Kinozuschauern überlässt, ob er Russell als Sieger oder als Verlierer sieht?

Bale: Ich liebe diesen Film dafür, dass er darüber die Zuschauer entscheiden lässt! Russell ist ein Mann, der nicht auf irgendeinen Gewinn aus ist. Er tut das, was er für notwendig und gerecht hält in einer Situation, in der großes Unrecht geschieht. Und die spannende Frage ist nicht, ob er vor dem Gesetz davonkommt, sondern ob er mit sich selber klarkommt. Empfindet er irgendeine Form von Genugtuung? Fühlt er sich befreit? Oder ist er nun völlig am Ende? Das darf sich jeder Zuschauer selbst ausmalen.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen vom Zutrauen in die Zuschauerphantasie - was macht für Sie einen guten Regisseur aus?

Bale: Ein guter Regisseur diktiert den Stil, den er haben will, ob es jetzt ein extremer Minimalismus ist oder eine entschiedene Überhöhung der Wirklichkeit. Die Arbeit des Schauspielers besteht darin herauszukriegen, was ein Regisseur wirklich will. Scott Cooper setzte auf eine große Beiläufigkeit. Wenn die Kameras liefen, dann sollte keiner "Action!" rufen am Set, sondern es wurde gesagt "Wir sind bereit" oder "Die Kameras laufen" oder "Redet mal los". Wir wollten dem nahekommen, was man das reale Leben nennt. Sehr einfach, sehr lässig. Scott Cooper hat alles dafür getan, dass wir Schauspieler von den Kameras am besten keine Notiz nahmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 40 Jahre alt und haben als Schauspieler eine Menge geschafft. Welche Regisseure und welche Rollen reizen Sie noch?

Bale: Im Augenblick überhaupt keine. Ich habe das Gefühl, einen Punkt erreicht zu haben, an dem eine Pause gut ist. Deshalb habe ich für dieses Jahr keine einzige Rolle angenommen. Es gibt ein Limit, an dem man denkt: Es ist genug. Einerseits, weil das Publikum zu Recht finden könnte: Wir haben jetzt erstmal genug von dir gesehen, geh mal ein bisschen weg! Andererseits, weil zu viel Arbeit nicht gut ist. Ein Schauspieler, der nichts anderes tut, als einen Film nach dem anderen zu drehen, kann über nichts anderes mehr reden und nachdenken als über Filme und die Dreharbeiten. Er hat keine Geschichten mehr zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie ohne Ihre Schauspielerarbeit machen?

Bale: Keine Ahnung, das ist das Tolle. Ich will mir keine Gedanken darüber machen, was ich den Rest des Jahres 2014 tue. Damit ich hinterher auch nichts zu bereuen habe. Man kennt das ja, dass Leute sagen: "Wenn ich doch nur die Zeit hätte, dann würde ich dies und das tun." Und wenn sie dann wirklich Zeit haben, dann machen sie nichts dergleichen. Vielleicht habe ich am Ende dieses Jahres nicht anderes getan als auf meinem Hintern gesessen und Fernsehen geschaut. Na und, dann ist es halt so.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je drüber nachgedacht, mal den Beruf zu wechseln? Vielleicht steckt in Ihnen ein Regisseur?

Bale: Nein, das ist nichts für mich. Ich habe nicht die Mentalität eines Regisseurs. Ich kann mir gerade noch vorstellen, dass ich einen Film bis zur Hälfte hinkriegen würde, aber spätestens dann würde ich das Interesse verlieren. Als Regisseur muss man sich wirklich für Filme begeistern. Als Schauspieler muss man sich nur für Menschen interessieren. Ich fühle diese Liebe zum Kino nicht. Ich bin gerade mal imstande, mir hin und wieder Filme anzusehen, aber ich langeweile mich schnell. Und wenn Leute um einen Tisch sitzen und ununterbrochen über Filme sprechen, dann ergreife ich die Flucht. Nein, ich als Regisseur, das wäre keine gute Idee. Das einzige Talent, mit dem ich meine Familie ernähren kann, ist die Schauspielerei.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
mustafa20 01.04.2014
1.
Zitat von sysopDPAChristian Bale ist gerade mit der Trickster-Komödie "American Hustle" und dem Rache-Thriller "Auge um Auge" gleich in zwei Filmen zu sehen. Jetzt pausiert er aber erst einmal ein Jahr. Was er vorhat? Vielleicht nur fernsehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/christian-bale-ueber-auge-um-auge-auszeit-regie-fuehren-a-961640.html
Wenn Schauspieler keinen Text haben, reden Sie leider nur Murks - sie sind eben nicht wegen ihres kühlen Verstandes sondern wegen des Zugangs zu ihren Emotionen berühmt ...
Retent 01.04.2014
2.
Zitat von mustafa20Wenn Schauspieler keinen Text haben, reden Sie leider nur Murks - sie sind eben nicht wegen ihres kühlen Verstandes sondern wegen des Zugangs zu ihren Emotionen berühmt ...
DAS halten Sie wirklich für Murks? Ich finde diese Worte sehr klug gewählt, zeigen sie den Zustand dieses Landes sehr deutlich und emotionslos!
firehorse67 01.04.2014
3. toller mann
toller schauspieler. einfach genial.
dirkozoid 01.04.2014
4. gebürtiger Engländer?
Ist der nicht aus Wales?
totalmayhem 01.04.2014
5.
Zitat von dirkozoidIst der nicht aus Wales?
Er ist gebuertiger Waliser, betrachtet sich aber als Englaender. Fand den Film im uebrigen nicht sonderlich berauschend. Harsh Times ist um Laengen besser.
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