Christian Petzold über seinen Film "Transit" "In Deutschland scheint man festen Boden unter den Füßen zu brauchen"

In seinem herausragenden Drama "Transit" erzählt Christian Petzold über Flucht im Europa der Gegenwart und der Vergangenheit. Ein Gespräch über harsche Kritiken, Museumsfilme und was Avantgarde eigentlich ist.

Piffl Medien

Ein Interview von


In seinem neuen Film "Transit" wagt Christian Petzold ein so einfaches wie verblüffendes Experiment: Er inszeniert Anna Seghers gleichnamigen Roman über eine Gruppe Deutscher, die 1941 von Marseille aus vor den Nazis nach Amerika fliehen wollen, im Marseille der Gegenwart - ohne historische Staffage, aber mit vielen Querbezügen zu Totalitarismus, Flucht und Verfolgung gestern und heute. Nachdem der Film bei seiner Premiere auf der Berlinale gefeiert wurde (Lesen Sie hier unsere Rezension), kommt er am 5. April in die deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Petzold, Sie legen verschiedene Zugänge zu Ihrem Film: Man kann sich ihm über die Gegenwart, die Vergangenheit, die Toten, die Lebendigen, die Buchvorlage oder die Noir-Filme, auf die Sie sich beziehen, nähern. Welches war Ihr eigener, erster Zugang zu dem Stoff?

Petzold: Anna Seghers Buch - oder besser gesagt: die Vorstellung, die ich davon hatte. Als Junge hatte ich von meinem Onkel eine Platte des Kabarettisten Wolfgang Neuss bekommen, auf der sich Neuss sehr lustig machte über verschiedene naturalistische Lyriker - darunter Anna Seghers. Die Nummer hieß "Ist unser Volk der Reimerchen seit Gottfried Benn im Eimerchen?" Daher hatte ich meine Vorstellung, dass Seghers grauenhaften Gerhard-Hauptmann-Naturalismus schreiben würde.

SPIEGEL ONLINE: Woher kam dann der Sinneswandel?

Petzold: Als ich mit Harun Farocki (seinem langjährigen Co-Drehbuchautor, Anm.d.Red.) 1987 wie üblich samstags mit dem Auto zum Fußball fuhr, sprachen wir über Literatur und ich sagte - ohne Anna Seghers je gelesen zu haben! -, dass das ja wohl das Allerletzte sei. Daraufhin fuhr Harun rechts ran und fragte mich, ob ich einen an der Waffel hätte. Ob ich "Transit" gelesen hätte? Ich habe es dann sofort nachgeholt und ihn am Mittwoch angerufen, um ihm zu sagen, wie großartig ich den Roman fand.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei "Transit" angesprochen?

Petzold: Seghers schreibt ein unglaublich schönes Deutsch, wie ich es schon lang nicht mehr gelesen hatte. Gleichzeit war ihre Literatur schon auf der Reise nach Amerika. Ich hatte damals viel angloamerikanische Literatur wie William Faulkner und Charles Willeford, aber auch Kriminalromane gelesen. Daran mochte ich, dass der Erzähler oft wie ein Komplize zwischen Protagonisten und Lesern fungierte, wie ein Barkeeper, der einem Gast zuhört, der ihm erzählt, warum er seine Frau jeden Tag schlägt. Diese Erzählfigur des Barkeepers fand ich dann in "Transit" wieder - insofern war der Roman für mich selber im Transit: zwischen Europa und den USA und ihren verschiedenen Literaturen.

SPIEGEL ONLINE: War es schon damals Thema zwischen Ihnen und Farocki, das Buch zu verfilmen?

Petzold: Niemals. Aber es hat uns durch alle unsere Projekte begleitet.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Petzold: Wir waren überzeugt: Was Seghers beschreibt, ist das Kino. Der Kinoraum selbst ist ein Transitraum, in dem wir anwesend und abwesend zugleich sind. Und das Kino erzählt von Menschen im Transit, von Menschen, die etwas verlassen und noch nicht woanders angekommen sind. All die Kriminellen, die in Hotelzimmern ihre Beute aufteilen, all die Menschen, die eine Liebe verloren haben, all die Menschen, die aus einem Bürgerkrieg zurückkehren - sie sind Transitreisende. So gesehen sind alle meine Filme auch Filme über den Transit.

SPIEGEL ONLINE: "Transit" markiert auch in Ihrem Werk einen Übergang. Nach den zwei historischen Filmen "Barbara" und "Phoenix" tasten Sie sich damit wieder in die Gegenwart vor. Hatte Sie zuvor etwas vor der Gegenwart zurückschrecken lassen?

Petzold: Nach "Phoenix" hatte ich tatsächlich keine Lust mehr, eine historische Situation komplett nachzubauen. Es ist unheimlich anstrengend, aus der Welt ein Studio zu machen - Straßen abzusperren, sich vor moderne Autos zu werfen, damit sie nicht durchs Bild fahren. Das führt zu einer Musealität der Vergangenheit: Als wäre sie abgeschlossen und wir könnten sie aus einer Position der Überlegenheit heraus begutachten. Ich habe mir dann überlegt, welche historischen Filme ich mag und habe festgestellt, dass sie alle in die Gegenwart durchschlagen. Sei es "Portrait d'une jeune fille" von Chantal Akerman oder "Barry Lindon" von Stanley Kubrick: Alle diese Filme sind so selbstbewusst in ihrem Vergangen-sein, dass sie zu uns zurückschauen. Das wollte ich mit "Transit" auch erreichen. Einen Schwebezustand zu schaffen, in dem sich die Zeiten überlagern, erschien mir plötzlich vollkommen logisch. Es war dann nur sehr schwer, es anderen zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Das kann ich mir vorstellen. Das deutsche Kino mag es ja eigentlich, wenn Geschichte wie in einem Museum ausgestellt wird, in das man kurz reinschaut und dann weitergeht.

Petzold: Einmal habe ich bei einer Vorstellung des Projekts gesagt, die Flüchtlingsströme aus Afrika, die zurzeit über Marseille nach Europa wollen, würden in meinem Film auf die Flüchtlingsströme treffen, die 1941 über Marseille Europa verlassen wollten. Das haben dann alle verstanden. Dabei kann ich nichts über die Flüchtlingsströme aus Afrika erzählen - ich weiß nichts davon. Es erscheint mir auch anmaßend, mich in jemanden hineinzuversetzen, der versucht, aus dem Kongo nach Frankreich zu kommen. Ich kann solche Menschen nur zur Kenntnis nehmen und sie respektieren. Erzählen kann ich aber nur unsere Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichten aus "Transit" werden vom Vormarsch der Nazis in Frankreich vorangetrieben. Warum ist das mehr "unsere" Geschichte als die gegenwärtige von Geflüchteten?

Petzold: Ich wollte damit nur klarmachen, dass ich keine Flüchtlingsschlauchboote auf dem Mittelmeer zeigen werde. Die Geschichten im Film richten sich klar an uns: Unser aktueller Asylparagraf basiert auf den Erfahrungen, die in "Transit" beschrieben sind. Als der Nationalsozialismus besiegt war und die Überlebenden zurück nach Deutschland kamen, waren es ihre Berichte, aufgrund derer der Asylparagraf geschaffen wurde. Dass er nun umgeschrieben und letztlich so gut wie abgeschafft wird, hat wiederum etwas mit den aktuellen Flüchtlingsströmen zu tun. Insofern fließen "unsere" und "deren" Geschichte wieder zusammen.

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"Transit": In der Balance zwischen heute und gestern

SPIEGEL ONLINE: Wie war es bei den Dreharbeiten, ohne historische Kulissen zu drehen? Hat das die Arbeit sehr vereinfacht?

Petzold: Nein, ich musste sehr viel vorsichtiger sein. Wenn ich sage, dass alles wie früher sein soll, kann ich mir ein altes Foto nehmen und alles nachbauen. Wenn ich aber überlegen muss, wie viel ich jeweils von der Gegenwart und der Vergangenheit einfangen will, wird es ungleich schwieriger. Soll ich zum Beispiel Smartphones zeigen? Davon hat mir zum Glück mein Sohn abgeraten, denn kaum etwas lässt einen Film so schnell altern wie überkommene Smartphone-Modelle. Eine mechanische Schreibmaschine akzeptiert man dagegen als einen Gegenstand, der auf beiden Zeitebenen existieren kann. Solche Abwägungen musste ich die ganze Zeit treffen.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Vorbereitungen dadurch anstrengender?

Petzold: Anstrengend sind die Vorbereitungen immer. Hier waren sie aber schön anstrengend. Im Anschluss, während der Dreharbeiten, bin ich jeden Tag mit der Neugier aufgewacht, was die Schauspieler heute aus den Szenen machen. Ich hatte nie die Angst, dass der Film nichts werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie die bei anderen Filmen?

Petzold: Bislang eigentlich immer. Bei "Phoenix" war die Gratwanderung etwa wesentlich heikler, das war eine Kolportagegeschichte, die jederzeit abstürzen konnte, nein, die eigentlich schon jenseits des Abgrunds war.

SPIEGEL ONLINE: So wurde der Film von der Kritik auch teilweise aufgenommen...

Petzold: Ja, da gab es in Deutschland zum Teil heftige Kritik, nicht zuletzt im SPIEGEL. Interessant war, dass das Publikum in Frankreich, Kanada oder Großbritannien unserem Balanceakt weit mehr folgen wollte - in den USA war "Phoenix" sogar der erfolgreichste deutsche Film der letzten zehn Jahre. In Deutschland scheint man dagegen festen Boden unter den Füßen zu brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Bei "Transit" scheint sich das Problem, dass sich das Publikum nicht auf das Experiment einlassen will, nicht zu stellen. Auf der Berlinale kam der Film sehr gut an. Hat Sie das nach den teils harschen Kritiken zu "Phoenix" erleichtert?

Petzold: Durchaus. Aber ich bin manchmal schockiert, wenn Leute urteilen, was Mainstream und was Avantgarde für sie sei. Was manche für Avantgarde halten, ist für mich oft nicht gewagt, sondern eine ganz klare Geschichte. Wenn ich ins Kino gehe, dann weiß ich nach zehn Minuten, ob ich dem Schwebezustand, in den mich ein Film bringen will, vertrauen kann - oder ob ich hintergangen werde oder wie ein Kind an der Hand genommen werde. Das Tolle am Kino ist - weshalb es auch die größte Kunst überhaupt ist! -, dass man als Publikum sofort die Lüge spürt. Da funktioniert das Publikum ähnlich wie ein Kind: Das merkt sofort, wenn Erwachsene lügen, damit es endlich diesen Brei isst.

Im Video: Der Trailer zu "Transit"

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
scream queen 06.04.2018
1.
Der genannte Autor heißt bzw. hieß Charles Willeford, nicht Wilford. - - - - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
fatherted98 06.04.2018
2. Sehr guter Artikel...
....jetzt brauche ich mir den Film nicht mehr anschauen...Danke.
gekreuzigt 06.04.2018
3. Künstlerisch wertvoll.
Sicher werden alle Kritiker sich den Film ansehen.
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