Christian Petzolds "Toter Mann" Ein film noir im deutschen Fernsehen

Für sein Kinodebüt "Die innere Sicherheit" gewann Christian Petzold im vergangenen Jahr den Deutschen Filmpreis. "Toter Mann", der neue, fürs Fernsehen gedrehte Spielfilm des Nachwuchsregisseurs, zitiert den schwarzen Humor Hitchcocks ebenso wie die Filme der nouvelle vague.

Von Patricia Batlle


"Ich werde dir eine Kassette aufnehmen" - Annäherungsversuche im Stuttgarter Penthouse
ZDF teamworx Arlett Mattescheck

"Ich werde dir eine Kassette aufnehmen" - Annäherungsversuche im Stuttgarter Penthouse

Das Wasser ist Leylas (Nina Hoss) Element. Jeden Morgen zieht sie vor der Arbeit im menschenleeren Hallenbad ihre Bahnen. Spült die staubige Stuttgarter Sommerluft ab, atmet durch. Jemand beobachtet sie. Hebt ihr heruntergefallenes Buch auf, das der Badenden beim Auswringen der langen Haare entgleitet. Für den Rechtsanwalt Thomas Ritter (André Hennicke) ist es eine elektrisierende Begegnung, etwas Vergangenes erweckt diese blonden Schwimmerin in ihm. Aus der Zeit, wo Mädchen immer andere beachtet haben, nie ihn.

Thomas kehrt am nächsten Tag zum Bad zurück. Tut so, als handele es sich um ein zufälliges Wiedersehen und bietet Leyla eine Mitfahrgelegenheit an. Sie wartet lieber auf den Bus, schlendert dann aber durch den anliegenden Park - Thomas verfolgt sie verstohlen. In den nächsten Tagen kreuzen sich die Wege der beiden immer wieder zufällig, schließlich kommt es zu einem Rendezvous in Thomas' Penthouse über den Dächern von Stuttgart.

Es wird eine lange Nacht, in der sich die beiden durch alte Platten von Kurt Bacharach hören. Erschöpft schläft Leyla unvermittelt auf dem Sofa ein und ist am nächsten Morgen verschwunden. Das einzige, was Thomas von diesem Treffen bleibt, ist ein Foto, das er in seiner Sehnsucht von der Schlafenden gemacht hat. Auf dem Bild hat sie merkwürdigerweise die Augen offen.

Regisseur Christian Petzold, Hauptdarsteller Nina Hoss, André Hennike
DPA

Regisseur Christian Petzold, Hauptdarsteller Nina Hoss, André Hennike

Thomas kennt weder Leylas Telefonnummer, Nachnamen oder Adresse, verzweifelt macht er sich auf die Suche nach ihr. Über Umwege findet er zu ihrer verlassenen Wohnung und findet ein Buch, in dem Kapitel für Kapitel beschrieben wird, wie Leyla ihn becirct hat: "Zielobjekt Mann". Plötzlich steht in Frage, welche Motive die junge Frau zu ihm geführt haben, ob ihr Kennenlernen überhaupt ein Zufall war - und nicht vielleicht sie sein Laptop mit allen vertraulichen Daten seiner Klienten hat, das seit jener langen Nacht verschwunden ist.

Inzwischen arbeitet Leyla in einer anderen Stadt. Sie hilft in einer Kantine aus, wo sie abwäscht und Strafgefangenen Essen austeilt. Dort lernt sie Blum (Sven Pippig) kennen, einen Mörder, der nach 14 Haft und Psychiatrie eine Chance bekommen hat, ein Resozialisierungsprogramm zu machen. Mit Leylas Freundschaftsangebot kann Blum wenig anfangen, zuviel riskiert er dabei. Doch durch ihre Präsenz, ihre Gespräche am Fluss, wo sie sich immer heimlich treffen, erahnt er, was das Leben hätte sein können. Als er merkt, dass Leylas Vergangenheit mit seiner verbunden ist, und die vermeintliche Freundschaft ein Köder für uralte Rachemotive ist, ergibt er sich seinem Schicksal.

Weniger ist Mehr bei diesem kleinen Fernsehfilm: kühle Farben, ruhige Einstellungen, die - sinnbildlich für die Einsamkeit und Sehnsucht der Figuren - leere Räume in den Blickpunkt rücken. Regisseur Christian Petzold vertraut allein der Ausdruckskraft seiner Hauptdarsteller und verzichtet auf jedes überflüssige Wort.

Christian Petzold mit Produzent Florian Kärner bei der Siegerehrung des Deutschen Filmpreises 2001
REUTERS

Christian Petzold mit Produzent Florian Kärner bei der Siegerehrung des Deutschen Filmpreises 2001

Ebenso wie auf überflüssige Musik. Ähnlich den Dogma-Filmen kommt der Ton ausschließlich aus der Situation - eine Platte wird aufgelegt, beim Abwaschen wird gesungen. Bei der Vorstellung seines TV-Thrillers in Hamburg schilderte Petzold seine Qualen mit Musikdramaturgen während früherer Produktionen: "Einige sollte man nach Sibirien schicken", scherzt Petzold. Das Abstimmen von Filmmusik sei anstrengender als ein 16-stündiger Drehtag.

Inzwischen bedauert der 41-Jährige, keinen längeren Atem für die Finanzierung und Produktion für "Toter Mann" gehabt zu haben. Die "Fördertragödie" für sein prämiertes Kinodebüt "Innere Sicherheit" habe ihn zu sehr ausgelaugt, erklärt der Regisseur, dessen neuer Film fast zu schade für den engen Fernsehschirm erscheint. Monatelang hatte der Absolvent der Filmhochschule Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) erfolglos einen Verleih für seine im letzten Jahr preisgekrönte Geschichte um RAF-Aussteiger auf der Flucht gesucht. Zwischenzeitlich kam dann der Auftrag des ZDF für eine TV-Produktion, und Petzold schlug zu. Innerhalb von drei Wochen drehte der gebürtige Hildener mit dem eingespielten Team von "Die innere Sicherheit" den 90 Minuten langen Film, das Drehbuch entwickelte er in kürzester Zeit zusammen mit seinem langjährigen Filmpartner Haroun Farocki. Etwa 1,2 Millionen Euro hat "Toter Mann" gekostet.

Entstanden ist, wie der Regisseur einschätzt, ein Film in Tradition der französischen Nouvelle Vague. "Im deutschen Kino wäre der Film so einsam, weil es keine anderen dieser Art gibt", meint Petzold mit einem Seitenhieb auf den heimischen Kinomarkt. Bezüge zu Alfred Hitchcock sind nicht zufällig, gesteht der 41-Jährige, der angibt, den Klassiker "Vertigo" ein Dutzend Mal gesehen zu haben. Ab August dreht Petzold seine nächste Fernsehproduktion mit dem Titel "Wolfsburg", ebenfalls ein film noir. Sein nächster Kinofilm "Gespenster" mit Julia Hummer ("Die innere Sicherheit") ist für 2003 geplant.

"Toter Mann". Deutschland 2001. Regie und Buch: Christian Petzold; Darsteller: Nina Hoss, André Hennicke, Sven Pippig, Heinrich Schmieder, Kathrin Angerer. Produktion: ZDF, ARTE; Länge: 90 Min. Sendetermin: Arte, 31. 5., 20.45 Uhr und ZDF, 3. 6., 20.15 Uhr



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