Christian Ulmen als "Jonas" Mein neuer Mitschüler

Fremdbestimmung und Versagensängste im Kino: In der Fake-Doku "Jonas" geht Anarcho-Komiker Christian Ulmen zurück an die Schule und stellt sich den Traumata von einst - mit Seitenscheitel und jeder Menge Schminke zum 18-Jährigen zurechtgemacht. Das ist gar nicht so lustig, wie es klingt.

Delphi Filmverleih

Von Lisa Goldmann


Die Blicke der Mitschüler bohren sich in den Rücken, die weiße Kreide zerbröselt langsam in der Hand, die leere Tafel wird zum Mahnmal der eigenen Unwissenheit. Der Lehrer seufzt entnervt und schüttelt den Kopf. Diesen Moment vorne an der Tafel vergisst man nie - egal, wie lange die Schulzeit schon zurück liegt. Viele träumen noch 20 Jahre nach dem Abschluss davon, wieder zurück an die Schule zu müssen und alles noch einmal zu erleben.

Was, wenn das nicht nur ein Traum, sondern Wirklichkeit wäre? Wie würden wir uns verhalten, wenn wir wirklich noch einmal in die Schule müssten, wie mit den Regeln dort klarkommen, wie mit unseren Klassenkameraden umgehen und vor allem: Wären wir diesmal in der Lage, diese verdammte Aufgabe an der Tafel zu meistern?

An diesem Experiment versucht sich Christian Ulmen in der Fake-Doku "Jonas". Dafür hat Ulmen die Figur des 18-jährigen Jonas geschaffen, in die er sich mit sehr viel Make-up verwandelt. Jonas ist zweimal sitzen geblieben, als er in die zehnte Klasse der Paul Dessau Gesamtschule kommt. Dort versucht er, die Probezeit zu überstehen und doch noch einen Schulabschluss zu bekommen.

Eine Tonne Schminke hilft nichts

In den sechs Wochen, die er an der Schule verbrachte, sei er immer in seiner Rolle des Jonas geblieben, sagt Ulmen. Jonas saß im Unterricht, schrieb Prüfungen, aß mit den anderen in der Pause Wurstbrote und gründete eine Schülerband. Lehrer und Schüler waren eingeweiht, nahmen Jonas aber als Schüler an und versuchten, sich trotz der Kameras so normal wie möglich zu verhalten.

Christian Ulmen liebt die Verkleidung. In der genialen TV-Show "Mein neuer Freund" maskierte er sich als neuer Freund einer Kandidatin, schlüpfte dabei jedes Mal in eine andere irre Rolle und brach alle ästhetischen, politischen und zwischenmenschlichen Tabus. Das Rollenspiel allerdings, das in "Mein neuer Freund" perfekt funktioniert hat, um Teilnehmern und Zuschauern die eigenen Vorurteile und Scheinheiligkeiten vor Augen zu führen, geht in "Jonas" leider nicht auf, obwohl mit Robert Wilde derselbe Regisseur verpflichtet wurde.

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Fake-Doku "Jonas": Auf der Schulbank mit Christian Ulmen

Ein Problem: Der inzwischen 36 Jahre alte Ulmen wirkt selbst mit tonnenweise Schminke im Gesicht nie jünger als Ende 20. Jonas wird zudem nie zu einer wirklich eigenständigen Figur, sondern ist einfach ein besonders glattrasierter und ungewöhnlich begriffsstutziger Christian Ulmen, der dem Direktor in zähen Sitzungen immer neue Motivationssprüche abverlangt und seine ergraute Musiklehrerin anbaggert. Das führt zu einigen wenigen lustigen und peinlichen Ulmen-Momenten, etwa, wenn Jonas unbeholfen im Klassenzimmer ein Candle-Light-Dinner für besagte Musiklehrerin inszeniert. Oder wenn er in einer Diskussion mit der Ethik-Lehrerin Facebook als Gottes Versuch deutet, die Sprachenverwirrung von Babel rückgängig zu machen.

Ulmen legt Jonas jedoch nicht radikal genug an, um Lehrer, Schüler oder das System zu entlarven. Gleichzeitig drückt er sich durch das Rollenspiel vor der eigentlich interessantesten Frage: Wie ist es denn nun für einen Erwachsenen, noch mal zur Schule zu gehen?

Scheitern und schwitzen beim Logarithmus

Als Ulmens "ganz persönlicher Albtraum" wird der Film beworben. Einmal, in der Mathestunde, wird der tatsächlich wahr: Er muss an die Tafel und einen Logarithmus berechnen. Er scheitert grandios. Vielleicht ging Ulmen dieser Moment wirklich nahe, vielleicht hat er geschwitzt und gelitten wie damals. Der Zuschauer erfährt es nicht. Denn Ulmen versteckt sich hinter Jonas, und der hat nun mal keinen Bock auf Mathe und checkt den Logarithmus halt voll nicht.

Am besten ist "Jonas" in den Momenten, in denen er sich von seiner Hauptfigur entfernt und Einblicke gibt in den Schulalltag von heute. Eine Diskussion mit dem Chemielehrer zeigt, unter was für einem Druck die Jugendlichen stehen. Die Angst, keinen Job zu finden, schwebt ständig über ihnen. Schule gut zu Ende bringen, sofort Arbeit finden, sonst Hartz IV - das ist das Mantra.

An den vielen kleinen Regeln, die einem noch aus der eigenen Schulzeit bekannt sind, scheint sich hingegen nicht viel geändert zu haben. Das Gefühl der Fremdbestimmung lebt sofort wieder auf: kein Kaugummi kauen, Jacke nicht über den Stuhl hängen, sondern an die Garderobe, nicht einfach aufs Klo dürfen, wenn man muss. Und auch an den schrecklichen Momenten an der Tafel scheint sich nichts geändert zu haben.

Vielleicht ist das die größte Aussage über die Schule, die "Jonas" macht: Dass ein Erwachsener sich nur verkleidet dorthin zurück traut.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
doublebass 05.01.2012
1. schade
"mein neuer freund! zählt zu den innovativsten, lustigsten produktionen im tv überhaupt. schade, dass es diesmal nicht geklappt hat.
artusdanielhoerfeld 05.01.2012
2.
Zitat von sysopFremdbestimmung und Versagensängste: In der Fake-Doku "Jonas" geht Anarcho-Komiker Christian Ulmen zurück an die Schule und stellt sich den Traumata von einst - mit Seitenscheitel und jeder Menge Schminke zum 18-Jährigen zurechtgemacht. Das ist gar nicht so lustig, wie es klingt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,807339,00.html
"Traumata von einst"??? Da lache ich aber mal! Wenn jemand mit Schrecken an meine Schulzeit zurückdenkt, dann sind das meine Lehrer! Nun, jetzt nicht mehr, denn die Erfahrung meiner Schülerschaft hat sie Jahrzehnte ihres Lebens gekostet... Was ist denn das für eine Jugend heutzutage? Auf der Schulbank mit Schiß in der Buxe vor der beruflichen Zukunft? Da greife ich in Gedanken erneut zum steinharten Apfel und schmettere ihn mit aller Gewalt gegen die Schultafel, wo er knapp neben dem Kopf des abgewandten Refenrendars explodiert und diesen ohne Wiederkehr hinausfliehen lässt!
hartholz365 05.01.2012
3. Ganz grosses Fernsehen
Fakedoku, soso. Und wer schaut sich sowas freiwillig an?
MrGold 06.01.2012
4. oho
Zitat von artusdanielhoerfeld"Traumata von einst"??? Da lache ich aber mal! Wenn jemand mit Schrecken an meine Schulzeit zurückdenkt, dann sind das meine Lehrer! Nun, jetzt nicht mehr, denn die Erfahrung meiner Schülerschaft hat sie Jahrzehnte ihres Lebens gekostet... Was ist denn das für eine Jugend heutzutage? Auf der Schulbank mit Schiß in der Buxe vor der beruflichen Zukunft? Da greife ich in Gedanken erneut zum steinharten Apfel und schmettere ihn mit aller Gewalt gegen die Schultafel, wo er knapp neben dem Kopf des abgewandten Refenrendars explodiert und diesen ohne Wiederkehr hinausfliehen lässt!
wir sind ja ein ganz ein harter
EinJemand 02.11.2012
5. optional
"Ulmen legt Jonas jedoch nicht radikal genug an, um Lehrer, Schüler oder das System zu entlarven ... Wie ist es denn nun für einen Erwachsenen, noch mal zur Schule zu gehen?" Genau das ist das schöne am Film. Hier wird niemand entlarvt und bloßgestellt; es werden keine einfachen Antworten gegeben; es gibt kein gut und kein böse; und es zeigt natürlich auch nicht direkt die Reflektion eines Erwachsenen (auch wenn diese Meta-Ebene beim betrachten entstehen darf). Nee, es zeigt nur das Leben, und belässt es uns, unsere eigenen Gedanken und Erinnerungen freizulegen. Absolut toller Film, und ich bin froh, dass der Kritiker in diesem Fall nicht der Künstler war... er hätte dieses Werk mit scheinbar naheliegenden Effekten und Kniffen zerstört.
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