Der Horror-Chef im Kino Wir sind Stromberg

Von wegen Fremdschämen! In Bernd Stromberg steckt mehr von uns allen, als uns recht sein kann. Der erste Kinofilm zeigt den Klobrillenbart jetzt bei seiner schwersten Prüfung. Ein Blick in den Abgrund moderner Arbeitswelten.

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Stromberg, das sind wir alle. Im Zuge der fünf Fernsehstaffeln auf ProSieben etablierte sich zwar der Begriff des Fremdschämens, der sich auf das grob asoziale Gebaren von Bernd Stromberg bezog. Der ließ Lob wie Beleidigungen klingen, schickte Subalterne mit Schulterklopfen zur Hinrichtung und rutschte beim angestrebten Aufstieg in die Führungsriege seines Versicherungskonzerns immer wieder auf der eigenen Schleimspur aus.

Aber schämten wir uns wirklich für den Klobrillenbartträger? Oder war es nicht vielmehr so, dass wir uns freuten, wie da einer seine Großmannallüren derart ungeniert auslebte? Wie all unsere kleinen Kumpaneien, Karriererempeleien und Kollegenmorde plötzlich als lässliche Sünden erschienen? Bernd Stromberg, so wie er vom großen Charakterdarsteller Christoph Maria Herbst mit eichhörnchenhafter Abgreiferhaltung verkörpert wurde, brachte die Arschgeige in uns zum Klingen, ohne dass wir uns als schlechte Menschen fühlen mussten.

Aber nicht nur das. Die Serie führte zugleich in die prekäre Arbeitswelt von heute, die jeglicher Sinnhaftigkeit beraubt zu sein scheint, für die jede Woche neue Heilslehren aufgestellt werden, kurz: in der blanke Orientierungslosigkeit herrscht. Ein idealer Humus für den schamlosen Schaumschläger Stromberg.

Der glaubte zwar stets, alle Regeln des Geschäfts zu kennen - wusste aber keine einzige korrekt anzuwenden. Stromberg scheiterte, wenn er sich einzuschleimen versuchte, wurde aber hoch gelobt, sobald er kündigungsrelevanten Bockmist gebaut hatte. Wenn so einer gegen alle Regeln im Darwinismus des Dienstleistungsgewerbes überlebt, sollten wir doch alle mit den Zumutungen unserer Arbeitswelt zurechtkommen.

Also noch einmal: Wir sind Stromberg. Das wurde auch deutlich, als die Schöpfer der Serie per Fundraising Geld für die erste Kinoproduktion sammelten und binnen einer einzigen Woche die nötige Million zusammenhatten. Wie viele Menschen doch ihr Herz an diesen Tyrannen verloren haben! Aber wie bringt man einen wie Stromberg in seinem Habitat zwischen tropfender Kaffeemaschine und trostlosem Laminat auf der großen Leinwand zum Strahlen? Autor Ralf Husmann und Regisseur Arne Feldhusen wählen für "Stromberg - Der Film" den Ausbruch aus dem Filterkaffeererservat.

Am Anfang steht jedoch Bürotristresse pur. In einer der schönsten Szenen, die Filmemacher Feldhusen für SPIEGEL ONLINE hier im exklusiven Video erläutert, erfährt Stromberg, dass seine Dependance der Capitol abgewickelt wird. Der Hausmeister werkelt in der maroden Kantine, erzählt, dass hier eine Lounge für die Nachmieter reinkäme. Und während sich Stromberg jovial über die Aussprache des anderen lustig macht, dämmert ihm, dass er selbst schon bald auf der Straße stehen wird.

So ist das in der abstrus beschleunigten und abstrus hierarchisierten neuen Arbeitswelt: Jeder häuft über unterschiedlichste Kanäle Geheimwissen an, die wirklich relevanten Dinge erfährt nur der Hausmeister.

Also die Flucht nach vorn: Mit einem gecharterten Bus, zwei Kästen Freibier und dem Patriarchen-Anheizer-Song "Lass das mal den Papa machen" karrt Stromberg seine Abteilung zum großen Sommerfest beim Stammsitz. Im Hinterkopf hat er den Sprung in die Konzernspitze. Natürlich macht er alles falsch. Also alles richtig. Beleidigt die einzige Frau in der Führung, kumpelt sich hemdsärmelig an den distinguierten Vorstand heran, versprüht so viel Sexismus auf der Tanzfläche wie Schweiß von der Halbglatze. Ein Kerl, so sehr seiner Zeit hinterher, dass er ihr schon wieder voraus ist. Die männliche Führungsriege entdeckt bald Strombergs Pragmatismus und lädt ihn zur exklusiven Aftershow-Party mit angeschlossenem Escortservice ein. Die Capitol trifft die Hamburg-Mannheimer.

Die für das Kinoereignis betriebene Zuspitzung, die süffig auf die Ergo-Betriebsreise samt Bordellbesuch in Budapest anspielt, hätte leicht die tradiert feine Taktung der Stromberg-Show durcheinanderbringen können. Hier aber - Achtung, Spoiler! - markiert sie einen echten Wendepunkt: In Anbetracht der Verruchtheit, die ihm bei der Vögelei der Bosse entgegenschlägt und die ja eigentlich seinem eigenen Traum entsprungen scheint, verschwindet Stromberg flugs. Er kapituliert vor sich selbst.

Ein echter Billy-Wilder-Moment. So wie der legendäre, freisinnige Komödienregisseur ("Das Apartment") in seinen schönsten Filmen inmitten schmierigster Obszönität ganz unverhofft Haltung aufblitzen lässt, so gelingt es auch den "Stromberg"-Schöpfern, ihren Egoisten glaubhaft in einen Moralisten zu verwandeln, zumindest einen Moment lang.

Sollte Stromberg irgendwann noch mal auf die Leinwand oder ins Fernsehen zurückkehren - was Darsteller und Filmemacher sich angeblich nicht vorstellen können -, müsste er allerdings wieder zu alter Arschgeigenqualität zurückfinden. Er wäre sonst ja keiner von uns.

Stromberg - Der Film

D 2013

Regie: Arne Feldhusen

Drehbuch: Ralf Husmann

Mit: Christoph Maria Herbst, Bjarne I. Mädel, Oliver K. Wnuk, Diana Staehly, Milena Dreißig

Produktion: Brainpool TV GmbH

Verleih: NFP/Warner

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 20. Februar 2014



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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
fastfufzig 17.02.2014
1. neulich im Kino
vor dem Film "und Äktschn" hat der Stromberg auf selten geschmacklose Art und Weise darauf hingewiesen das Handys auszuschalten sind im Kino
fastfufzig 17.02.2014
2. neulich im Kino
habe ich vor "und Äktschn" den Stromberg im Vorprogram gesehen das hat mir fast den Abend versaut. Der Typ ist die Bankrotterklärung in Sachen Humor.
aueronline.eu 17.02.2014
3. Omg endlich bist du da
Ich habe mir alle staffeln gekauft, jede Folge Dutzende male gesehen und liebe sie immernoch. Es dich Nachschub, obwohl mir eine sechste Staffel lieber gewesen wäre. Hello again... I love it.
freddykruger, 17.02.2014
4. Nö
Stromberg find ich auch nicht so toll. Aber wieso Klobrillenbart? Ich dachte immer seine Mutter hätte eine Schwere Geburt gehabt und der Rahmen hängt noch um sein Kinn.
verinet 17.02.2014
5. Humor
Zitat von fastfufzighabe ich vor "und Äktschn" den Stromberg im Vorprogram gesehen das hat mir fast den Abend versaut. Der Typ ist die Bankrotterklärung in Sachen Humor.
wer "und Äktschn" irgendwie lustig findet für den ist "Stromberg" sicher nichts
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