Claudia Roth im "Tal der Wölfe" Showdown in Schmollywood

Die Grünen-Chefin Claudia Roth wollte es genau wissen: In einem Berliner Kino sah sie sich den umstrittenen Film "Tal der Wölfe" an und diskutierte anschließend mit dem mehrheitlich türkischstämmigen Publikum. Das wollte sich den Film aber nicht schlechtreden lassen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Ey, nicht Buh rufen!", ruft Claudia Roth, als einige im Publikum "Buh" rufen. Die Grünen-Chefin lässt sich in Reihe 4, Platz 13 in ihren Sessel gleiten. Der Film hat noch nicht angefangen, da ist die Stimmung schon getrübt. Sie wird sich an diesem Abend nicht mehr bessern.

Fim-Szene aus "Tal der Wölfe": Zelluloid gewordene Hasspredigt?
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Fim-Szene aus "Tal der Wölfe": Zelluloid gewordene Hasspredigt?

Claudia Roth ist ins "Karli"-Kino in Berlin-Neukölln gekommen, um ein Phänomen zu besichtigen. "Wir sind wirklich überrannt worden hier", sagt der Pressesprecher des Lichtspielhauses, das seit fünf Jahren türkische Produktionen zeigt, weil es in Neukölln dafür einen Markt gibt. Keiner dieser Filme war in Deutschland erfolgreicher als "Tal der Wölfe", der auch heute Abend auf dem Programm steht. Und keiner umstrittener: Antisemitisch sei er, antiamerikanisch und rassistisch, eine Zelluloid gewordene Hasspredigt, so unisono die Kritik.

Diesen Film, Kino-Offspin einer erfolgreichen türkischen TV-Serie um einen Revolver schwingenden Agenten namens Polat Alemdar, den es diesmal in den Nordirak zieht, will Claudia Roth sich anschauen. "Ich will mal sehen, welchen Film der Stoiber so unbedingt verbieten lassen will", sagt sie. Sie sagt das natürlich, weil sie weiß, dass Stoiber ihn sich garantiert nicht angesehen hat. Weil sie davon ausgehen kann, dass der bayerische CSU-Ministerpräsident sich sicher nicht anschließend einer Diskussion mit dem begeisterten Publikum stellen würde. Nach grünen Selbstverständnis sind es die Grünen, die ganz nah am Herz der Migranten-Community sind.

Roth: "Der Film ist nicht volksverhetzend"

Während der Film läuft, kann man in Frau Roths Gesicht nicht viel lesen. Einmal, ein Turkmenen-Führer wird gerade von dem Ober-Fiesling, dem US-Amerikaner "Sam", so grund- wie ansatzlos erschossen, zuckt sie richtig zusammen. Stockt ihr der Atem, als in pseudorealistischen Szenen die Folterungen von Abu Ghureib nachgestellt werden? Oder als sich ein Vater, dessen kleinen Sohn die Amerikaner erschossen haben, sich auf einem Marktplatz aus Rache in die Luft sprengt? Schwer zu sagen. "Ich fand den Film richtig schlecht", sagt sie, als er vorbei ist. "Aber volksverhetzend finde ich ihn nicht." Das wäre, erklärt die Obergrüne, die einzige rechtliche Möglichkeit, seine Absetzung zu erzwingen. Und das will Frau Roth nicht.

"Tal der Wölfe" ist ein filmisches Machwerk, dessen Wirkung sich daraus speist, dass es wahre Begebenheiten (Abu Ghureib, die Demütigung türkischer Soldaten durch die US-Armee im Nordirak) mit unwahren (jüdischer Arzt entnimmt irakischen Gefangenen Organe, um sie nach Tel Aviv zu verschicken) zu einem scheinbar alles erklärenden, jeden Zweifel zerstreuenden Panorama vermengt. Der Film bedient großtürkische Visionen, anti-kurdische Klischees und Gewaltphantasien gegen die als durch und durch verrottet und böse dargestellten Amerikaner.

Indische Kostümfilme nennt man Bollywood. "Tal der Wölfe" ist Schmollywood: Ein ausgedachter türkischer Geheimagent stellt die Ehre der Muslime wieder her, die das Hauptopfer der wie Vandalen über den Planeten ziehenden USA sind.

Realität oder nicht?

Der Abspann läuft, vier Stühle und ein Tisch werden jetzt herbei getragen. Frau Roth, ihre Partei-Kollegen Özcan Mutlu und Omid Nouripour sowie der Kino-Sprecher sitzen wie vier kleine Punkte vor einer riesigen weißen Leinwand. Die drei Grünen sagen als erstes: "Der Film ist richtig schlecht."

Das ist kein guter Einstieg für die Diskussion mit dem mehrheitlich türkischstämmigen Publikum, das den Film mehrheitlich gut findet.

"Ich finde den Film richtig gut, es ist die Realität. Die Brutalität der Besatzer ist noch viel schlimmer, das kann man im Kino gar nicht zeigen", sagt einer der ersten Zuschauer, die zu Wort kommen. "Er zeigt, dass Kurden, Araber und Türken sich gemeinsam gegen die Besatzung wehren müssen." Claudia Roth entgegnet: "Der Film schafft Assoziationen zu schlimmen Ereignissen, die im Irak passiert sind. Aber Sie können nicht sagen, dass das die Realität abbildet."

"Aber das ist doch die Wahrheit, was da gezeigt wird!", wiederholt ein zweiter Zuschauer. "Ohne jeden Zweifel ist der Irakkrieg eine Katastrophe, da brauchen sie mich gar nicht belehren", antwortet Claudia Roth tapfer. "Deswegen ist es auch wichtig, dass alles aufgeklärt wird, was zu diesem Krieg geführt hat", schlägt sie den Bogen zum BND-Untersuchungsausschuss.

Es hilft nicht viel. Nach einer halben Stunde verlassen die ersten entrüsteten türkischstämmigen Zuschauer das Kino. Sie können nicht akzeptieren, dass Claudia Roth dem Film abspricht, die Realität eins zu eins abzubilden. Man kommt auch deshalb nicht so recht zueinander, weil mehr an dem Film als an den USA gekrittelt wird. Die Vorstellungen darüber, wie man sinnvoll über und vom "Tal der Wölfe" ausgehend diskutieren sollte, klaffen auseinander.

"Bei dir hakt es wohl, Frau Roth!"

Als die Grünen-Vorsitzende die anti-kurdischen Tendenzen des Films aufgreift, mehren sich die wütenden Zwischenrufe noch. "Meine Oma ist Kurdin, ist das dein Problem?", wird sie wütend angepflaumt. "Was erzählen Sie da: Kurden, Kurden, Kurden!", echauffiert sich ein Zweiter. "Da gibt es kein Problem. Die Amerikaner stacheln uns doch gegeneinander auf!". Ein Dritter ruft: "Bei Dir hakt es wohl, Frau Roth!"

Der eine oder andere diskutiert jetzt schon mit sich überschlagender Stimme. Frau Roth kassiert dabei viel verbale Prügel, die eigentlich anderen gelten müssten. Sie wird nicht als grüne Politikerin, sondern als Repräsentantin einer nicht verstehen wollenden Mehrheit aufgefasst. Man solle sich doch freuen, dass man hier immerhin die Gelegenheit habe, mit Politikern zu diskutieren, die den Film wenigstens auch gesehen hätten, wirft eine junge Frau ein. Aber so richtig erklecklich wird die Diskussion nicht mehr.

Um halb zwölf, die Diskussion läuft seit über einer Stunde und mindestens zwei Dutzend Zuschauer haben den Saal bereits aus Wut verlassen, ist es stickig und heiß im "Karli" und das Gefühl macht sich breit, dass man sich nicht näher gekommen ist. Vor allem, weil man der Frage nicht auf die Schliche kommt, warum viele Menschen den Film gut finden.

Als letzte darf Claudia Roth noch einmal etwas sagen. Sie nutzt diese Gelegenheit, um auf die antisemitischen Passagen in dem Film einzugehen - etwas, dass sie von ihren Besuchen in der Türkei gar nicht kenne. "Das ärgert mich maßlos, da kann man schon sagen: Scheiße, das brauch' ich echt nicht!"

Was ist klar geworden an diesem Abend?

Dass Claudia Roth sich nicht zu schade für eine Diskussionsveranstaltung ist, bei der vollkommen unklar ist, ob sie ihr etwas nützt.

Und dass es viel mehr, aber andere Diskussionsveranstaltungen zu diesem Film geben müsste.



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