Skandal-Regisseur Gaspar Noé "Die ganze Welt ist auf einem schlechten Trip"

In "Climax" lässt Gaspar Noé eine Tanzgruppe auf LSD durchdrehen. So viel Spaß wie bei diesem Dreh hatte er noch nie, und bei Frankreich möchte er sich auch noch bedanken. Begegnung mit einem erstaunlich sanften Provokateur.

Gaspar Noé
Alamode

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Zur Person
    Gaspar Noé, geboren 1963 in Buenos Aires, mischt seit seinem Debütfilm "Menschfeind" von 1998 das internationale Kino auf. "Irriversible" mit Monica Belucci und Vincent Cassel empörte 2002 mit einer brutalen Vergewaltigungsszene. "Enter the Void" (2009) desorientierte mit seiner psychedelischen Ästhetik. Sein neuester Film "Climax" hatte seine im Mai Premiere in Cannes und wird seitdem als sein bester gefeiert. "Climax" läuft seit dem 6. Dezember in den Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Noé, "Climax" behauptet in seinen Zwischentiteln, ein "französischer Film" zu sein. Auch die französische Flagge ist immer wieder im Bild. Nun ist "Climax" ein echter Albtraum aus Drogen, Angst und Aggression. Ist Frankreich auf einem schlechten Trip?

Noé: Wenn schon, dann ist die ganze Welt auf einem schlechten Trip. Frankreich wahrscheinlich noch weniger als andere Länder. Ich dachte, es wäre lustig, einen Film zu machen, der stolz auf sein Land ist oder dies zumindest behauptet. "Climax" wurde in Paris mit französischem Geld, Team und Tänzern gedreht. Heute, wo fast alle Länder immer nationalistischer werden, gibt es nur noch wenige Staaten in Europa, in denen es wirkliche Meinungs- und Kunstfreiheit gibt. Frankreich gehört dazu. Diese Freiheit fehlt anderswo. "Climax" hätte man zum Beispiel niemals in den USA drehen können, kein Mensch hätte ihn dort finanziert. Ich persönlich bin nicht stolz auf meinen französischen Pass, aber es war einfach eine gute Idee zu sagen: Dieser Film ist stolz darauf, französisch zu sein. Ich hätte ihn genauso gut in Deutschland machen können, mit der deutschen Flagge im Hintergrund.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin ist eine Tänzerin im Film namens Psyche aus Deutschland.

Noé: Sie ist eigentlich Dänin. Aber sie lebt in Berlin und kennt sich dort gut aus. Ich wollte sie als Tänzerin haben, und es passte dann einfach, sie zur Deutschen zu machen. Berlin ist schließlich die Welthauptstadt der extremen Partykultur.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, den zunehmenden LSD-Rausch der Figuren filmisch darzustellen?

Noé: Tänzer sind sehr "cleane" Menschen, ihr Körper muss gut in Form sein. Am Set gab es weder Alkohol noch Drogen. Also entschloss ich mich, eine Art zweistündiges Trainingsvideo zusammenzuschneiden. Ich durchsuchte das Internet nach den besten Clips von Menschen auf LSD, Ecstasy und Crack. Dazu Videos aus psychiatrischen Anstalten, von Hysterie-Anfällen und Home-Videos von völlig besoffenen Menschen. Das waren zwei Stunden blanker Horror-Spaß. Das habe ich den Tänzern dann zur Inspiration gezeigt, und sie durften sich aussuchen, was für eine Art von Figur sie in der zweiten Hälfte des Films sein wollten. Ob Schreiattacken, nackt herumlaufen oder epileptische Anfälle zu bekommen, alles war möglich. Sie waren sehr gespannt darauf, so zu tun, als würden sie hemmungslos die Kontrolle verlieren. Am Anfang des Films sind sie so süß, dann werden sie zu psychotischen Tieren (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Gruppengefühl entwickelt?

Noé: Am Anfang waren alle sehr konkurrenzbetont. Drei Tage vor Drehstart haben wir eine Party gefeiert. Sie wollten sich alle gegenseitig toppen und haben sich mit ihren Skills gegenseitig beeindruckt. Im Film gibt es sechs verschiedene Tanzstile, jeder konnte etwas, was der andere nicht kann.

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"Climax": Kollektiver Kontrollverlust

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang von "Climax" sehen wir das Casting für die Tanzgruppe, rund herum sind DVDs und Bücher drapiert, darunter auch Dario Argentos "Suspiria". Noch ein Film, der Horror und Tanz zusammenbringt...

Noé: Diese Casting-Szenen waren eigentlich nicht geplant. Die Idee kam mir erst im letzten Moment und wir haben die Szenen ganz zum Schluss gedreht (Anm. d. Red.: "Climax" wurde bis auf diese Ausnahme chronologisch gedreht). In den Neunzigern gab es bei Videokameras dieses quadratische Format 1:33. Nun hat "Climax" aber das Format 2:35:1. Mit anderen Worten: An den Rändern fehlte das Bild. Dann habe ich einfach die Filme und Bücher rund herum gestapelt, die mich - auf die ein oder andere Weise - inspiriert haben. Ein schönes Sinnbild: "Climax" erfindet nichts neu, der Film spielt nur mit vielen Genres, Büchern und Filmen und arrangiert sie neu.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie "Climax" ins Jahr 1996 verlegt?

Noé: 2018 wäre die ganze Story anders gelaufen. Jeder hätte ein Smartphone und dementsprechend sofort Hilfe geholt, Freunde angetextet. Das wollte ich nicht, dann wäre der Film weniger zeitlos. Außerdem hatten wir nicht so viel Geld, da war ein Zeitsprung von 20 Jahren am günstigsten machbar. Wir haben eigentlich nur Adidas-Trainingsanzüge gekauft, das war's (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Filme wie "Enter The Void", "Love" und nun "Climax" zeigen das Leben aus der Perspektive von jungen Menschen. Sind Sie von der Jugend fasziniert?

Noé: Die Ideen zu meinen bisherigen Filmen stammen alle aus der Zeit, in der ich selbst jung war. Die Chronologie der Projekte war dann meist zufällig, praktischen Dingen geschuldet. "Love" wollte ich eigentlich viel früher mit Monica Bellucci und Vincent Cassel drehen, doch daraus wurde nichts. Nach "Climax" weiß ich nicht mal mehr, ob ich überhaupt noch mit Schauspielern drehen möchte. Die Erfahrung, mit den Tänzerinnen und Tänzern zu arbeiten, war so befreiend und faszinierend für mich, ganz ohne Script, ohne eingeübte Sätze. Doch mein nächster Film sollte sich nicht mit jungen Menschen beschäftigen. Bisher ging es mir darum, wie junge Menschen im Hier und Jetzt leben: Sie haben Sex, sie nehmen Drogen und so weiter. Entweder werde ich nun einen Film mit alten Menschen machen oder mit ganz jungen Kindern, vier oder fünf Jahre alt. Das ist so ein faszinierendes Alter, sie beginnen, die Sprache zu entdecken und sie für ihre Zwecke zu benutzen.

Im Video: Die Rezension zu "Climax"

Alamode

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme zeigen sehr oft das Leid schwangerer Frauen, auch Abtreibung ist ein wiederkehrendes Motiv ihres Kinos...

Noé: Manche Leute haben Angst vor dem Tod, also auch vor Abtreibung.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen Ihrem Publikum also Angst einjagen?

Noé: Ein bisschen. Manchmal bin ich darin einfallsreich, manchmal wiederhole ich mich einfach nur. Aber wenn jemand ein Kind schlägt, ist die Reaktion des Publikums eben viel stärker, als wenn ein Erwachsener einen Erwachsenen schlägt. Gleiches gilt für alte Menschen und eben auch für schwangere Frauen.

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Alexis_Saint-Craque 09.12.2018
1. Ein Film für Sportler
Albern. Die Wirkungen diverser, aber vor allem dieser Substanz auf den Tanz, war in den 70ern zu sehen. Gemessen an dem, sind diese Darbietungen Eurotrash der übelsten Sorte. Eine Art Sport. Die Menschen verstehen nichts mehr von den Drogen und von der durch sie induzierten Expression. Alles ist billig. Chemsex. Verfügbarkeit ist das Gegenteil zum seinerzeit zelebrierten out of reach und out of touch. Wurde der Körper berührt, war es Nekrophilie. Was dieser ältliche Mann zeigt, ist keine Erweiterung. Es ist ein Pferch. Für schwache Tänzer und für ein schwaches Publikum. Es ist Fake. Und stinkt nach Turnhalle.
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