Clint Eastwoods "Hereafter" Leben und sterben lassen

Clint Eastwood dreht einen Film über Nahtod-Erfahrungen und Geister aus dem Jenseits - klingt unglaublich? Heraus kam aber das grandiose, meisterhaft meditative Alterswerk "Hereafter". Dem 80-jährigen Regisseur gelingt noch einmal ein radikaler Stilwechsel.

Von

Warner Bros.

Wovor sollte man mehr Angst haben? Vor der Vorstellung, dass Clint Eastwood, wie unlängst gemeldet, die Regie bei einem Remake des Hollywood-Dramoletts "A Star Is Born" übernimmt, dessen Hauptrolle Soul-Hupfdohle Beyoncé Knowles spielen soll? Oder vor einem Film des als härtester aller harten Knochen geltenden Regisseurs, der von Nahtod-Erfahrungen, Geisterbeschwörung und Jenseits handelt? Wird Eastwood, bald 81 Jahre alt, etwa langsam sentimental? Verliert er auf seine alten Tage doch noch die über Jahrzehnte mit viel knurrigem Sarkasmus verteidigte Bodenhaftung?

Ganz schön viele Fragen und Ängste. Eine Antwort fällt jedoch leicht: "Hereafter", Eastwoods jüngste Regie-Arbeit, die diese Woche in deutschen Kinos anlief, ist ein mildes, aber keineswegs windelweiches Alterswerk geworden, mit dem sich der Schauspieler und Filmemacher auf seine ganz eigene Art dem Übersinnlichen nähert und ein Arbeitsfeld erobert, das ihm bisher gänzlich fremd war: das Fantasy-Genre.

Wie es bei Kinodramen, die von wie auch immer gelenkten Verkettungen des Schicksals handeln, heutzutage üblich ist, wird "Hereafter" in drei separaten Handlungssträngen erzählt, die am Ende verknüpft werden. Der Film beginnt mit der erfolgreichen französischen TV-Journalistin Marie LeLay (Cécile de France), die 2004 im Thailand-Urlaub in den Tsunami gerät, beinahe ertrinkt - und fortan glaubt, beim Herübergleiten in den Tod ein von Geisterwesen bevölkertes Jenseits entdeckt zu haben. Zurück in Paris, versucht sie in ihr gewohntes Leben zurückzufinden, doch zu stark lastet der Eindruck, etwas fundamental Neues über die Existenz des Menschen gelernt zu haben. So nutzt sie ihr journalistisches Talent alsbald dazu, ein Buch über Nahtod-Erfahrungen zu schreiben.

Ein jähes Ende. Und dann?

In San Francisco fristet unterdessen George Lonegan (Matt Damon) ein einfaches Leben als Fabrikarbeiter. Abends sitzt er einsam in seiner kleinen Wohnung und isst selbstgekochte Pasta. Dabei war Lonegan einst ein Star der Spirituellen-Szene, schrieb Bücher über sein Talent, tatsächlich mit den Toten kommunizieren zu können und warb für seine "Readings" genannten Séancen auf einer eigenen Website. Doch ein normales Leben war ihm nicht mehr möglich, zu störend drängelte sich das Unbegreifliche in die Gegenwart. Er entschied sich für den Rückzug ins Haptische, Handwerkliche.

In London verliert das kleine Unterschichtenkind Marcus (George McLaren) seinen geliebten Zwillingsbruder Jason, als dieser bei einem Autounfall ums Leben kommt. Schuld daran ist die Mutter der beiden Jungs, die sich lieber mit Drogen und Alkohol über ihr verpfuschtes Leben hinwegtröstet, statt sich um die Betreuung ihrer Söhne zu kümmern. Marcus wird zu einer Pflegefamilie gebracht, doch die Sehnsucht danach, die Leerstelle im Kinderbett neben ihm wieder zu füllen, seinen geradezu symbiotisch gebrauchten Bruder zurückzubekommen, lässt ihn nicht los.

Am Ende von "Hereafter" werden sich diese drei zerrütteten Lebenswege auf mehr oder minder glaubwürdige Weise kreuzen, wie man es von ähnlichen Episodendramen wie "L.A. Crash" oder "Babel" kennt. Dass sich Eastwood und sein Drehbuchautor Peter Morgan ("Frost/Nixon", "The Queen") dieser Erzählform bemächtigen, ist bemerkenswert genug - dass diese beiden Männer, die für ihre kleinen Gesten und prägnanten Dialoge bekannt sind, ihren Film mit einer beängstigend realen und äußerst rasanten Tsunami-Tricksequenz beginnen, kommt einer kleinen Sensation nahe. Der Sinn des Spektakels liegt auf der Hand. Es soll den Zuschauer gleich zu Beginn auf eine banale, aber furchterregende Wahrheit aufmerksam machen: Der Mensch wähnt sich sicher und geborgen in seinen Gewohnheiten und Alltäglichkeiten, doch jäh kann etwas so Unberechenbares wie eine Naturkatastrophe alles beenden. Und dann?

Glaubensfrage gelöst

Mag sein, dass sich Eastwood angesichts des eigenen Lebensabends mit dieser ewig quälenden Frage der Menschheit beschäftigt, mag aber auch sein, dass er einfach einmal Lust auf eine ganz andere Art von Story hatte. Vielleicht hat es ihn gereizt, eine Geschichte über Spiritualität und das Leben nach dem Tod zu erzählen, ohne in die in diesem Genre üblichen Schmonz- und Nonsens-Fallen zu tappen.

Wie sehr ihm dieser schmale Grat bewusst ist, zeigt eine überraschend amüsante Sequenz gegen Ende des Films, als Marcus auf der Suche nach einem Kontakt zu Jason mit naiver Entschlossenheit eine Reihe vermeintlicher Hellseher und Medien aufsucht, die ihm mit absurdesten Methoden weismachen wollen, dass sie mit den Verstorbenen reden können. Eben, alles Humbug, möchte man da als Zuschauer erleichtert ausrufen. Aber so leicht macht es Eastwood sich und uns natürlich nicht.

Gibt es eine Kontinuität nach dem Tod? Ist da noch mehr? Letztlich ist das eine Glaubensfrage. Und was Eastwood mit seinem hochkonzentriert und bedächtig inszenierten Film schafft, ist die glaubhafte Möglichkeit einer Jenseitigkeit, ganz unverbrämt von Religion und wahnhafter Esoterik.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die handelnden Charaktere ebenso glaubhaft wirken. Eastwood und Morgan lassen sich glücklicherweise viel Zeit für die Entwicklung ihrer Figuren und erwecken sie in grandiosen Detailbetrachtungen zum Leben: Als George, seiner selbstgewählten Isolation überdrüssig, einen Kochkurs mitmacht und mit der nervös-koketten Melanie (Bryce Dallas Howard) ein Team bilden soll, entfaltet sich beim profanen Tomatenschneiden und beim Testessen mit verbundenen Augen so viel Verlangen, wird so viel verzweifelte Sehnsucht nach Wärme, Nähe und Aufgehobenheit deutlich, dass einem fast der Atem stockt.

Eastwoods langjähriger Kameramann Tom Stern filmt solche Bilder mit Close-Ups, die nicht aufdringlich entlarven, sondern Intimität erzeugen. Straßen-Szenen und Interieurs dreht er mit kräftigen Farben und vielen Schattenflächen, um zu symbolisieren, wie filigran die Membran zwischen Leben und Tod ist.

So folgt man diesen disparaten Figuren, die durch das Schicksal aus ihren Gewissheiten gerissen wurden, fühlt ihre Einsamkeit und ihre Hoffnung. Manchmal kleistert Eastwoods wie üblich selbst komponierter Soundtrack die Szenen arg schnulzig mit sehnenden Streichern zu, doch am Ende überwiegen Trost und Erleichterung: Ähnlich wie in seinen großen Dramen "Million Dollar Baby" oder "A Perfect World" gelingt dem Meister der Lakonie auch hier erneut der Spagat zwischen Kunst und Kitsch. Wer weiß, vielleicht muss man ja selbst vor Eastwoods "A Star Is Born" keine Angst haben.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 28.01.2011
1. ...
Ein bisschen uebertrieben, diese SPON-Rezension. Ok, ein angenehmer einfacher Autoren-Film im Zeitalter von nervigem HD und 3D, kein Zweifel. Und das Thema wird auch gut umgesetzt. Ich fand allerdings den Tsunami-Prolog ziemlich ueberfluessig. Anschliessend zog sich der Film dann doch arg hin, bis sich endlich die drei Leben kreuzten. Die Geschichte mit der Frau aus dem Kochkurs erschien mir begonnen und dann nicht zu Ende erzaehlt, einfach verworfen, das wirkte ein bisschen zusammenhanglos. Witzig dann das Ende: total banal und doch ueberraschen. Fazit: Geschichte wird Hereafter ausserhalb der Vita von Clint Eastwood nicht machen.
Der Markt, 28.01.2011
2.
Ich bin schon sehr gespannt, zumal Eastwoods Filme der letzten Jahre allesamt großartig waren. Mystic River, Million Dollar Babe, Flags Of Our Fathers, Iwoshima, Gran Torino - wunderbar.
phffm 28.01.2011
3. Danke...
Danke für die Rezension, die wirklich Lust auf den Film macht. Ein sprachlicher Schnitzer ist mir allerdings aufgefallen: es müsste schon eindeutig "Spiritisten-Szene" heißen statt "Spirituellen-Szene", spirituell sind nämlich auch Papst Benedikt, Rainer Langhans und der Dalai Lama!
jenom, 28.01.2011
4. Naja
Völlig unkritische Pressetextübernahme. Man kann den Film ja mögen, aber das ist aufgeblasene hohle Lobhudelei. Im Film werden verschiedene Handlungsstränge etabliert, die zum Schluss enttäuschend langweilig zusammengeführt werden. Und der kindische Wunsch nach einem Leben nach dem Tod ist religiöser Blödsinn, mit dem Priester ihre Pfründe sichern und der Menschen daran hindert für ihre Rechte in diesem Leben einzutreten. Immerhin verschließt sich Clint nicht vor Religionsvielfalt und macht nicht ganz so plump Werbung für die christliche Kirche wie man das von den meisten Filmen aus den USA gewohnt ist. Sitzfleisch mitbringen und kein tolles unvorhersehbares Ende erwarten.
unterländer 28.01.2011
5.
Zitat von jenomVöllig unkritische Pressetextübernahme. Man kann den Film ja mögen, aber das ist aufgeblasene hohle Lobhudelei. Im Film werden verschiedene Handlungsstränge etabliert, die zum Schluss enttäuschend langweilig zusammengeführt werden. Und der kindische Wunsch nach einem Leben nach dem Tod ist religiöser Blödsinn, mit dem Priester ihre Pfründe sichern und der Menschen daran hindert für ihre Rechte in diesem Leben einzutreten. Immerhin verschließt sich Clint nicht vor Religionsvielfalt und macht nicht ganz so plump Werbung für die christliche Kirche wie man das von den meisten Filmen aus den USA gewohnt ist. Sitzfleisch mitbringen und kein tolles unvorhersehbares Ende erwarten.
Wen hindert der Film denn an der Beschäftigung mit dem Diesseits? Im Übrigen setzen sich gläubige Menschen durchaus für die Lebenden und deren diesseitige Bedürfnisse ein. Mir sind aus der Geschichte eigentlich nur religiöse Menschen bekannt, die sich der konkreten Nöte ihrer Mitmenschen in besonderer Weise annahmen.
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