Clooney in Berlin Treibstoff und Triebstoff

Damit alles wie geschmiert läuft im Ölgeschäft, wird betrogen, manipuliert und gemordet. So zeigt es der aufwändige Politthriller "Syriana" mit George Clooney, der den Berlinale-Motor am zweiten Festspieltag kräftig schnurren ließ.

Von Daniel Haas


Welcher Treibstoff hält die Berlinale in Gang? Bislang ist es ein Gemisch aus Erwartungen und Versprechen: Der deutsche Film, mit vier Beitragen im Wettbewerb, soll über sich hinauswachsen. Internationale Stars sollen dem Festival Glamour verleihen. Und wie immer hofft man, dass in den Kinos am Potsdamer Platz die Leinwände zu Brennpunkten der politischen und sozialen Debatte werden.

George Clooney präsentierte seinen Politthriller Syriana auf der Berlinale.

George Clooney präsentierte seinen Politthriller Syriana auf der Berlinale.

"Syriana" erfüllt zwei dieser Hoffnungen: George Clooney, der eine der Hauptrollen spielt, ist einer der gefragtesten Hollywood-Stars zurzeit; das Thema - Korruption im internationalen Ölgeschäft - gehört zu den Standards der politischen Diskussion. Bei der Pressekonferenz meisterte Clooney entsprechend souverän den Spagat zwischen Charmeur und homo politicus, kokettierte mit weiblichen Journalisten ebenso gekonnt wie mit den Basics der Systemkritik.

Der Film ist lang, kompliziert und mit vier nicht immer stimmig choreographierten Handlungssträngen oft unübersichtlich. Erzählt werden die Geschichten eines abgehalfterten CIA-Agenten (Clooney), der seinen Vorgesetzen lästig wird; eines Öl-Analysten (Matt Damon), der als Berater eines Scheichs Reformen vorantreibt; eines aufstrebenden Anwalts (Jeffrey Wright), der die Fusion mächtiger Ölkonzerne untersuchen soll und zweier pakistanischer Ölarbeiter, die zu Selbstmordattentätern werden.


Engagement ist der Brennstoff, der die Geschichte vorantreibt. Man wolle etwas gegen das Schwarzweiß-Denken tun, das in Amerika nach dem 11. September um sich griff, erklärte Richard Baer, der Autor der Buchvorlage, bei der Pressekonferenz. Deshalb war Komplexität oberstes Gebot für Regisseur Stephen Gaghan, der 2000  für das Drehbuch zum Drogenthriller "Traffic" einen Oscar erhielt. Damals führte Steven Soderbergh Regie, mit Clooney die große Hoffnung eines neuen engagierten Kinos made in Hollywood steht.

Für das Profil der Berlinale also ein idealer Film, auch wenn hier die politische Agenda auf Kosten der dramaturgischen ging. "Syriana" will Strukturen abbilden, nicht imposante Einzelschicksale bebildern, was in Anbetracht des Sujets redlich und stimmig ist. Doch im atemlosen Hin und Her zwischen Bohrinseln, CIA-Büros und Terrorcamps verliert der Film sein Thema umso mehr aus den Augen, als er die Kontingenzen politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge darzustellen versucht. Am Ende dampft alles auf die simple Message ein: Die Bosse sind korrupt, die Geheimdienste gefährlich.

Das Projekt der beiden anderen Wettbewerbsfilme ist auf den ersten Blick bescheidener: Nicht globale Schuldzusammenhänge, sondern intime Angst- und Gewaltverhältnisse stehen im Zentrum des dänischen Films "En Soap" und des deutschen "Slumming".

Doch das Verfahren könnte unterschiedlicher nicht sein: "En Soap" (Regie: Pernille Fischer Christensen)  erzählt mit dokumentarischer Präzision von der Romanze zwischen einem Transsexuellen und seiner Nachbarin. Es ist ein Kammerstück, das sich zwischen zwei Wohnungen abspielt, und doch spiegelt sich in diesem Binnenraum viel von der Rigidität gesellschaftlicher Normen; wie sie den Einzelnen mit bestimmten Identitätsgeboten gängeln und selbst intimste Regungen zurichten.

"Slumming" von Michael Glawogger hingegen trägt sein kritisches Anliegen offen zur Schau -  ist, bei aller inszenatorischen Härte, jedoch ein kosmetisches Projekt. Schön geschminkt wird hier noch einmal die Leiche des Kulturpessimismus: Das bürgerliche Subjekt, vorgestellt in Sebastian (August Diehl), einem reichen Schnösel,  ist unrettbar verloren. Triebhaft und latent gewalttätig hinter seiner kultivierten Fassade, betreibt es seinen moralischen Untergang.


Das klingt nach Houellebecq für Arme und sieht auch genauso aus: Alex streift als Elendstourist durch Wien, demütigt einen Penner, verführt Singlefrauen per Internet zum Blind Date und fotografiert mit dem Foto-Handy unterm Tisch heimlich ihren Schritt. Zur Läuterung ist schließlich nur der alkoholkranke Streuner fähig, der Besitzbürger sucht sein Heil irgendwo in Asien.

Der Film kommt mindestens 15 Jahre zu spät; dem nihilistischen Bourgeois hat Christian Kracht ("Faserland") bereits Anfang der Neunziger hierzulande literarisch den Prozess gemacht. Abgesänge auf den Dandy als Reaktionär haben mittlerweile selber den Hautgout des Spießigen. Der Bürger tritt heute, wenn überhaupt, wieder als Macher auf den Plan, nicht als Zweifler oder Zyniker. Umso spannender, wenn heute Oskar Roehlers mit viel Vorschusslorbeeren bedachter "Elementarteilchen" über die Bühne geht. Dann wird sich zeigen, wie viel ästhetischer Treibstoff im Triebstoff liegt.



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