Filmepos "Cloud Atlas": Puzzeln mit Prothesen

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Halle Berry, Tom Hanks, Hugh Grant, Susan Sarandon, Hugo Weaving und noch ein paar Superstars mehr, dazu eine als unverfilmbar geltende Buchvorlage - ist den Machern von "Cloud Atlas" ihr Mammutwerk missglückt, wie viele erwartet haben? Nein! Dennoch ist der Film stellenweise hochnotpeinlich.

Man kann nicht behaupten, dass "Cloud Atlas" rundum gelungen wäre. Aber vielleicht reicht es ja schon, dass der Film halbwegs funktioniert, dass seine Figuren zumindest streckenweise überzeugen und seine Geschichten zum Schluss hin doch berühren. Denn "Cloud Atlas" ist so aufgeblasen in seiner Ambition, so verkrallt in seine Ideen und so pompös im Auftreten, dass das Werk von Tom Tykwer mit Andy und Lana Wachowski eigentlich grandios hätte scheitern müssen.

Letztlich macht seine Angreifbarkeit den Film aber so interessant. Über fünf Jahrhunderte, sechs Geschichten und ebenso viele literarische Genres hinweg erstreckt sich die Vorlage von David Mitchell, die 2004 erschien. Schauspielerin Natalie Portman soll den Roman am Set von "V wie Vendetta" gelesen und ihn Lana Wachowski empfohlen haben, die sich gemeinsam mit ihrem Bruder Andy und Tom Tykwer daran machte, das als unverfilmbar geltende Werk in ein Drehbuch zu übersetzen.

Man kann sich bildlich vorstellen, wie die drei Autoren Post-its in sechs verschiedenen Farben vor sich hatten, hier der Anfang von Robert Frobishers Geschichte im England der 1930er Jahre in leuchtend gelb, dort Sonmis Prophezeiung aus dem futuristischen Neo Seoul in pink; wie Zettel ihre Positionen wechselten, Anfänge nach hinten gesteckt und wieder nach vorn geholt wurden.

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Filmepos "Cloud Atlas": Kraftakt mit Kannibalen
Der Ansatz, den das Autoren- und Regie-Trio schließlich gewählt hat, ist ebenso schlüssig wie zunächst ermüdend: Anstatt chronologisch vorzugehen, beginnt "Cloud Atlas" mit einem Prolog in der fernsten Zukunft, in dem der Hirte Zachry (Tom Hanks) seinen Enkeln vom letzten Überlebenskampf der Menschheit erzählt, um dann zu sechs Expositionen anzuheben.

Alles ist verbunden

Wir schauen uns kurz um 1850 auf dem Schiff um, das den Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) von Australien zurück nach San Francisco bringen soll. Wir begegnen im England der dreißiger Jahre dem aufstrebenden Komponisten Robert Frobisher (Ben Wishaw), der eine Anstellung bei seinem Idol, dem alternden Kollegen Vyvyan Ayrs (Jim Broadbent) findet. 1973 treffen wir auf die kalifornische Journalistin Luisa Rey (Halle Berry), die durch Zufall an brisantes Material über die Atomindustrie gelangt. Im Großbritannien der Gegenwart erlebt der Verleger Timothy Cavendish (wieder Jim Broadbent) den größten Triumph seiner Karriere, als einer seiner Autoren einen Kritiker vom Dach wirft und so zu - zweifelhaftem, aber großem - Ruhm und Erfolg kommt. 2144 machen wir die Bekanntschaft mit der Replikantin Sonmi-451 (Bae Doona), die in Neo Seoul als Bedienung in einem Fast-Food-Restaurant eingesetzt und misshandelt wird. Zum Schluss landen wir wieder auf Zachrys postapokalyptischer Insel, wo die Ankunft von Meronym (Halle Berry), der Vertreterin einer hochtechnologisierten Gruppe von Überlebenden, neue Hoffnungen auf die Rettung der letzten Menschen weckt.

Hat man sich durch diesen Wust gesehen, kommt es sogar noch dicker. Dann entspinnen sich Geschichten von Verrat und Verschwörung, von enttäuschter und neu erwachender Liebe, von unwahrscheinlichen Freundschaften und ungeahnten politischen Allianzen - und das auf allen Ebenen und in allen Geschichten, denn schließlich, so der Claim des Films, ist alles miteinander verbunden.

Tatsächlich hat es einen gewissen Reiz, den Resonanzen der einen Geschichte in der anderen nachzuspüren und vielfältige Symmetrien zu entdecken. Manche Zusammenführungen sind naheliegender, etwa wenn das Motiv des Schiffs am Anfang und am Ende aufgenommen wird und sich die wenig subtile Deutung der Geschichte der Menschheit als auch physische Reise aufdrängt. Manche Verknüpfungen dagegen fallen verblüffender aus, etwa wenn die dramatische Befreiung des Klons Sonmi parallel mit der Farce um eine Gruppe von renitenten Senioren läuft, die aus ihrem unterdrückerischen Pflegeheim flüchtet.

Warum Augenprothesen?

Produktiv sind die Verzahnungen aber selten, mehr als eine kindliche Freude darüber, dass zwei Puzzleteile zusammenpassen, stellt sich kaum ein. Das Faible für die naiv-staunende Verschwörung spiegelt sich in der Besetzung. Die Stars - neben Halle Berry, Tom Hanks (die das Epos in Deutschland mit ihrem viel diskutierten "Wetten, dass..?"-Auftritt bewarben), Jim Broadbent, Jim Sturgess, Ben Wishaw und Bae Doona sind noch Hugh Grant, Susan Sarandon und Hugo Weaving prominent zu sehen - wechseln über die Episoden verstreut nicht nur die Rollen, sondern auch die Geschlechter und Ethnizitäten.

Halle Berry ist zunächst als Afroamerikanerin, dann als weiße Jüdin zu sehen. Ben Wishaw spielt erst den schwulen Künstler Frobisher, dann die betuliche Ehefrau Georgette. Hugh Grant trägt in einer Episode breite Siebziger-Koteletten, in der übernächsten die Zeichen eines Kannibalenstamms. Wer die Darsteller nicht in allen ihren Inkarnationen entdeckt hat, dem offenbart der Abspann die ganze Reichweite des Mummenschanzes - hier listen die Macher mit spürbarem Stolz auf, wo sie dem Zuschauer welchen Schauspieler in welcher Rolle untergejubelt haben.

Die Maskenbild- und Kostüm-Exzesse sind in den meisten Momenten peinlich, wenn nicht sogar beleidigend. In den USA kritisierte zum Beispiel die Lobbygruppe Media Action Network for Asian Americans, dass lieber kaukasische Männer mit unzulänglichen Augenprothesen als Asiaten hergerichtet wurden, statt asiatisch-stämmige Darsteller einzusetzen.

Doch so ambivalent die Besetzungspolitik von "Cloud Atlas" auch ist: Überraschenderweise geht sie erzählerisch auf. Denn je mehr Raum die Masken, Perücken und Prothesen einnehmen, je stärker also die Verschleierung wird, desto offener ist gleichzeitig die Menschlichkeit der Figuren sichtbar.

Freiheitsdrang, Solidarität, Liebe, Kreativität. Von Episode zu Episode wird klarer, dass diese vier Motive die Figuren vorantreiben und sie sich einander zuwenden lassen - egal, in welchem Zeitalter sie stecken und ob sie Mann oder Frau, Asiat oder Latina, eben noch Despot oder schon Befreiungskämpfer sind. Es fällt schwer, in dieser Fluidität nicht ein Echo der Lebensgeschichte von Lana Wachowski zu erkennen, die selbst transgender ist und seit rund vier Jahren öffentlich als Frau lebt. Und es fällt noch schwerer, von dieser persönlichen Resonanz nicht berührt zu sein.

Dennoch bleibt die Frage, ob sich der kinematische Kraftaufwand gelohnt hat. Sicherlich: "Cloud Atlas" macht viel aus seinem 100-Millionen-Euro-Budget und sieht üppiger und phantasievoller aus als viele US-Produktionen mit doppelt so viel Geld. Letztlich stellt sich aber ein Gefühl ein wie bei der TV-Serie "Lost", die erzählerisch ebenso ambitioniert war und mit Vor-, Rück- und Seitwärts-Blenden experimentierte: Man ist froh, dass die Macher ihre selbstgestellte Herausforderung gemeistert haben und dass man ihnen bis zum Ende die Treue gehalten hat. Den Drang, so etwas bald wiederzusehen, verspürt man aber nicht.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Peinlich
HirataDentata 12.11.2012
Wer "hochnotpeinlich" für eine Steigerungsform von peinlich hält, sollte vielleicht noch mal nachschlagen. Ist es nämlich nicht, sondern bedeutet so viel wie "besonders streng".
2. ...
Derax 12.11.2012
Ganz ohne Sarkasmus/Ironie: Danke für die Info!
3. Von Fremdschämern und Wichtigtuern
hansreinhardt, 12.11.2012
Geht nur mir das jetzt so oder sind diese "Schauspieler" nicht die selben, die bei "Wetten Das ?" den Saal verlassen wollten, weil es ihnen zu trivial war, was sie da wetten mussten ? Dabei war doch die Einladung zu Wetten Das? als Marketing für den Film gedacht oder täusch ich mich da? Und wer flüchtet jetzt vorzeitig vor dem dargebotenen Mist ? Richtig, die Kinozuschauer!
4. Hybris
blackvoid2012 12.11.2012
An dem Film wird man sich bestimmt erfreuen können, scheint voller Ideen und vielseitigen Stilmitteln zu stecken. Bei welchem Film würde der Autor denn gerne direkt noch einen von der Sorte sehen? Wie wärs mit einem Tatort :D
5. gespannt...
mischamai 12.11.2012
Bin einmal gespannt was Markus Lanz sagt nachdem er diesen Film gesehen hat.
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Cloud Atlas

D/USA 2012

Regie: Andy Wachowski, Lana Wachowski, Tom Tykwer

Buch: Andy Wachowski, Lana Wachowski, Tom Tykwer nach dem gleichnamigen Roman von David Mitchell

Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Doona Bae, Ben Wishaw, Jim Sturgess, Keith David, Susan Sarandon

Produktion: Cloud Atlas Productions, X-Filme Creative Pool, Anarchos Pictures

Verleih: X-Verleih

Länge: 172 Minuten

FSK: ab 12

Start: 15. November 2012


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