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Actionfilm "Codename U.N.C.L.E.": Billig-Bond

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Typisch Guy Ritchie: Mit "Codename U.N.C.L.E." verfilmt der britische Regisseur eine hippe Agentenserie aus den Sechzigern. Er hat die beste Besetzung, edles Design, klasse Musik - aber keine echten Emotionen.

Man muss das einfach mal mit aller Deutlichkeit sagen: Guy Ritchie ist ein Fake. Ein Hochstapler. Der vielleicht beste und erfolgreichste Hütchenspieler der jüngeren Kinogeschichte.

Der Ruhm des Briten, der mal mit Madonna verheiratet war, basiert auf einem Film - der ziemlich lustigen und sehr britischen Gaunerstory "Bube, Dame, König, grAS" von 1998. Die wäre aber nie zum Kultfilm geworden, wenn sie nicht gerade noch ins Zeitgeist-Fahrwasser der ersten Tarantino-Begeisterung geraten wäre. Der Nachfolger "Snatch" variierte das Ganze mit Brad Pitt und mehr Budget, aber schon bei "Revolver" und "RocknRolla" war die Luft raus aus Ritchies Konzept der kruden Underdog-Komödie.

Seine Pastiche-Technik ist so clever wie durchschaubar: Wenn Ritchie etwas nicht hinkriegt, was andere vor ihm virtuos inszeniert haben, erhöht er das Tempo, lässt ein Stakkato gewitzter Sprüche auf den Zuschauer los, lullt ihn mit geschmackvoller, sehr lauter Musik ein und baut so viele visuelle Mätzchen hintereinander, dass man gar nicht anders kann, als leise "Wow" zu sagen. Nach diesem Prinzip funktionierten auch seine opulent-nichtigen "Sherlock Holmes"-Spektakel. Nun sollte nach dem Meisterdetektiv der Meisteragent folgen: James Bond.

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"Codename U.N.C.L.E.": Agententhriller im Retro-Design
Als Vorlage für "Codename U.N.C.L.E." diente Ritchie und seinem Drehbuchpartner Lionel Wigram die von 007-Erfinder Ian Fleming fürs US-Fernsehen erfundene Serie "Solo für U.N.C.L.E.", die in den Sechzigern als Inbegriff hipper TV-Unterhaltung galt: Mitten im Kalten Krieg mussten ein amerikanischer und ein sowjetischer Geheimagent Seite an Seite gegen Superschurken kämpfen! Die Hauptfigur, US-Agent Napoleon Solo, war ein charmanter Westentaschen-Bond. Neben ihm ein verstockter Russen-Krieger namens Illya Kuryakin.

50 Jahre später kennt diese Serie kaum noch jemand, am allerwenigsten das junge Kinopublikum. Es ergäbe also wenig Sinn, das "U.N.C.L.E."-Update mit lustigen Parodien aufs Original zu würzen. Ein Dilemma, über das Ritchies Film letztlich strauchelt - wenn das Original nämlich nicht auszuschlachten ist, müssen die eigenen Charaktere und die neue Story umso origineller sein. Sind sie aber nicht.

Objekt der Begierde: Eine Ost-Berliner Automechanikerin

Dabei verfügt Ritchie über eine Top-Besetzung: Armie Hammer, immerhin das einzig Gute an "Lone Ranger", gelingt es nicht, den hüftsteifen Kuryakin auch nur ansatzweise sympathisch wirken zu lassen. Daneben geht selbst der aalglatte "Superman"-Darsteller Henry Cavill als Charme-Bolzen durch. Wie schon bei seinen Interpretationen von Holmes und Watson installiert Ritchie zwischen Solo und Kuryakin eine latente Homoerotik. Die bleibt allerdings zu subtil, um zu zünden.

Die beiden charakterlich wie ideologisch gegensätzlichen Agenten werden von der Geheimorganisation "U.N.C.L.E." gepaart, um eine typische Bond-Mission zu erledigen: Ein irres Schurken-Pärchen (grandios überzeichnet: Luca Calvani und Elizabeth Debicki) hat den ehemaligen Nazi-Wissenschaftler Udo Teller (Christian Berkel) gezwungen, eine Atombombe zu bauen, die den dritten Weltkrieg auslösen soll. Dessen Tochter, die attraktive Ostberliner Automechanikerin Gaby (Alicia Vikander), soll helfen, an Teller heranzukommen - und steht natürlich bald als Objekt der Begierde zwischen den beiden Macho-Spionen.

Aus dieser Dreieckskiste und dem Umstand, dass beide Agenten den Auftrag haben, den jeweils anderen im Notfall zu eliminieren, hätte Herz und Seele von "Codename U.N.C.L.E" entspringen können. Aber, wiederum typisch für Ritchie: Das Konkurrenz-Gezicke der Männer ist ihm wichtiger als das Ausformulieren seiner ersten wirklich interessanten Frauenrolle. Da kann selbst das "Ex Machina"-Talent Vikander nicht viel retten.

Was bleibt, ist ein schmucker Agententhriller, der mit einer großartig inszenierten Verfolgungsjagd durchs nächtliche Ost-Berlin beginnt - und danach immer egaler wird, je attraktiver die Schauplätze, je retro-nostalgischer die Ausstattungselemente werden. Es gibt tolle Gastauftritte von Sylvester Groth als Mengele-Verschnitt und Hugh Grant, der den britischen U.N.C.L.E.-Boss Waverly mit hinreißender Fahrigkeit gibt. Der Soundtrack von Shooting-Star-Komponist Daniel Pemberton glänzt mit erlesenem Soul und Lounge-Jazz.

Das alles klingt perfekt und lässt sich gut ansehen, doch letztlich schiebt Ritchie mal wieder nur Pappkameraden durch eine schön designte Kulisse, von der er nicht weiß, wie er sie mit Tiefenschärfe, echten Emotionen oder auch nur einer spannenden Handlung füllen soll.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Codename U.N.C.L.E."

Codename U.N.C.L.E.

USA 2015

Originaltitel: The Man From U.N.C.L.E.

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Guy Ritchie, Lionel Wigram

Darsteller: Henry Cavill, Armie Hammer, Alicia Vikander, Sylvester Groth, Christian Berkel, Hugh Grant, Jared Harris, Elizabeth Debicki, Luca Calvani

Produktion: Warner Bros.

Verleih: Warner

Länge: 117 Minuten

FSK: Ab 12

Start: 13. August 2015

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insgesamt 33 Beiträge
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1. also...
danjena 13.08.2015
wo bei Revolver und Rock'n Rolls die Luft rausgewesen sein soll weiß ich ja nun nicht. In dem Sinne werde ich mir den neuen Film also definitiv anschauen, in dem Glauben das der Autor des Artikels einfach keinen Zugang zu Guy Ritchie Filmen findet.
2. Also lieber Herr Bocholte
kruderico 13.08.2015
"Snatch" mehr oder weniger als billigen Abklatsch vom genialem "Bube,Dame, König, Grass" abzutun, daß nenne ich schon einwenig gewagt...ich gebe Ihnen aber in sofern recht, daß danach ersteinmal ewig lange nur noch belangloses von Guy Richie kam...aber auch da gehen dann die Meinungen wieder auseinander: Holmes fand ich dann doch auch wieder erfrischend...das Duo Downey Jr. und Law machten doch wohl Spaß und der Böse im ersten Teil war einfach nur Mark Strong: klasse eben... Und das Guy Ritchie frische Musik in "Bube...." und "Snatch" einsetzte, daß fand ich damals ebenfalls mal sehr einmalig...zu einer Zeit, in der normalerweise bombastische Schmachtsoundtracks die Runde machten. Und einen Vinnie Jones zum veritablen Verbrecher zu machen...naja...das lag vielleicht doch eher Nahe...aber man muss auch erstmal machen...Ich werde mir den U.N.C.L.E. dann mal auf BluRay anschauen...ganz entspannt...
3. Ich werd' ihn mir anschauen!
snoook 13.08.2015
Naja, so wirklich viel Tiefgang hatten die 60er Filme ja auch nicht. Ich hoffe nur, es gibt wenigstens ein paar Anspielungen. Normalerweise sind solche US-Remakes ja so gemacht, als hätte jemand, der den Film einmal gesehen hat, einem anderen, der den neuen Film machen soll in zwei Minuten die Highlights erzählt, ohne zu begreifen, was das Original ausmacht :-(
4. Wer die Serie nicht kennt
hwdtrier 13.08.2015
muss bei diesem Film weinen.
5. Bravo
JimDoe 13.08.2015
da hat sich der Autor aber mächtig Mühe gegeben, den Film nicht zu mögen, wo er doch so viel unterhaltsames aneinander reiht. Und die Bondfilme haben ja auch immer mächtig darunter gelitten dass die Frauenfiguren nicht so komplex waren. Deshalb sind die wohl auch alle gefloppt und keiner redet mehr von 00irgendwas.
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