Coen-Film "A Serious Man" Himmel, wo bist Du?

Das Leben als gottlose Geisterbahnfahrt: In der tragikomischen Kinofarce "A Serious Man" rechnen die Regiebrüder Joel und Ethan Coen mit ihrer Vorstadtkindheit im jüdischen Milieu ab. Und lassen einen braven Mann gnadenlos an seinen Sinnfragen verzweifeln.

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Ein Mann steht auf dem Dach seines schnieken, aber schmucklosen Einfamilienhauses und hantiert ziellos an seiner Fernsehantenne herum. Unten im Haus wartet sein halbwüchsiger Sohn quengelnd darauf, dass der Empfang seiner Lieblingssendung endlich besser werden möge. Aber Larry Gopnik, wie er da auf dem Dach seiner Mittelstandsexistenz balanciert, sucht nach einem ganz anderen Signal. Ein Zeichen aus dem Himmel, von Gott, das würde ihm in seiner scheinbar ausweglosen Lage helfen. Aber natürlich regt sich nichts.

Oder doch? Als Larrys Blick über die angrenzenden Häuser schweift, entdeckt er seine ohnehin schon attraktive, nun aber auch noch nackte Nachbarin beim Sonnenbaden in ihrem Garten. Wenn das kein Zeichen ist...

Larry Gopnik ist die Hauptfigur in "A Serious Man", dem neuen, bisher persönlichsten Werk der amerikanischen Autorenfilmer Joel und Ethan Coen. Persönlich deshalb, weil der Film Ende der sechziger Jahre in einem extrem jüdisch geprägten Suburb im Mittelwesten der USA spielt, der große Ähnlichkeit mit dem Vorort St. Louis Park nahe Minnesota hat, aus dem die für ihren bisweilen zynischen Humor bekannten Regie-Brüder stammen. Regelrecht autobiografisch sei nichts an der Handlung, sagten die Coens zu SPIEGEL ONLINE, das Setting aber komme ihrer Herkunft schon sehr nahe.

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"A Serious Man": Gottverlassener Himmel

So kann man "A Serious Man" einerseits als Abrechnung der Coens mit ihrer von quälend langweiligen Hebräisch-Unterricht und sonntäglichen Synagogen-Sitzungen geprägten Kindheit sehen, andererseits aber bedienen sich die beiden vielleicht auch nur einer ihnen sehr vertrauten Kulisse, um eine bitterböse Geschichte über die ständige, wiewohl vergebliche Suche des Menschen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Existenz zu erzählen.

Chaos im Mittelstandsidyll

An Larry Gopniks Leben ist zunächst einmal nichts auszusetzen: Der Physikdozent steht kurz davor, eine Professur an seiner Uni zu übernehmen; zusammen mit seiner Ehefrau, seinem kurz vor der Bar-Mitzwa-Feier stehenden Sohn und seiner Tochter mit Haarwasch-Tick bewohnt er ein Haus, das aussieht wie Dutzende andere in seiner Straße - es ist jenes eintönige, nervtötend normale amerikanische Kleinbürgerleben, das schon Harry Angstrom, den Helden aus John Updikes "Rabbit"-Romanen, an den Rand des Wahnsinns trieb.

Anders als Angstrom sucht Gopnik jedoch keinen Ausweg aus der monotonen Misere, im Gegenteil: Nichts wünscht er sich sehnlicher, als dass alles so bleiben möge, wie es ist. Und natürlich, man befindet sich schließlich in einem Film der Coen-Brüder, wird ihm genau das verwehrt: Seine Frau offenbart ihm, dass sie die Scheidung will, weil sie sich mit dem unerträglich jovialen Schmierlappen Sy Ableman (Fred Melamed) eingelassen hat; seine Universität erhält anonyme Briefe, die seine Reputation in Frage stellen; ein koreanischer Student versucht, sich mit Geld eine bessere Note zu erkaufen. Und dann ruft auch noch dauernd dieser komische Kerl vom Schallplattenversand an, der horrende Rechnungen beglichen haben will, obwohl Larry gar kein Clubmitglied ist.

Kurzum: Larrys eben noch geordnete Welt versinkt im Chaos der Merkwürdigkeiten und Kuriositäten. Und ehe er sich versieht, findet er sich zusammen mit seinem von offenen Darmzysten und irren Weltformel-Träumen gepeinigten Bruder im schäbigen "Jolly Roger"-Motel wieder. Eigentlich ein eher verhalten religiöser Mann, beschließt Larry dennoch, den unerklärlichen Schicksalsschlägen spirituell auf die Spur zu kommen - und wendet sich nacheinander an die drei Rabbis der Gemeinde, um Antworten auf die Frage zu erhalten, warum ihn Gott so straft. Ausgerechnet ihn, einen aufrechten Typen, einen "serious man".

Popmusik-Lyrik als Religionsersatz

Die Coens erzählen also eine moderne Geschichte des biblischen Charakters Hiob, der zum Spielball einer Wette zwischen Gott und Satan wird. Seiner weltlichen Güter beraubt, soll Hiob beweisen, dass er trotzdem ein gottgläubiger Mensch bleiben kann. Auch Hiob zieht am Ende los und fordert Rechenschaft von Gott für diesen gemeinen Test. Und er erhält eine tröstliche Antwort. Im Gegensatz zu Larry, dem die drei Rabbis zwar allerhand haarsträubende Geschichten und Allegorien erzählen, aber keinen einzigen Hinweis darauf, was der Sinn seiner vermeintlichen Bestrafung sein könnte.

Als Larry nach quälendem Hin und Her endlich beim ältesten und weisesten der Kirchenmänner vorgelassen wird und die Pein seiner Ungewissheit ins schier Unerträgliche gesteigert ist, wird er von dessen Sekretärin kurzerhand doch wieder abgewiesen: Der Rabbi denke gerade nach. Immerhin: Larrys Sohn Danny zitiert der ehrwürdige Alte später genüsslich den Songtext des zu jener Zeit populären Rocksongs "Somebody To Love": "When the truth is found to be lies/ And all the joy within you dies/You better find somebody to love"... Angstgetriebene Popmusik-Lyrik als Religionsersatz, so perfide muss man erst einmal sein. Und dabei auch noch so komisch! Der zornige, alttestamentliche Gott erscheint da noch barmherziger als diese mit kalter Präzision agierenden Regisseure.

Einige amerikanische Kritiker empfanden "A Serious Man" als blasphemische Zumutung und unterstellten den Coens, sie projizierten all ihren lange verdrängten Kindheitsekel auf die nun wirklich unschuldige Figur des Larry. Tatsächlich waren die beiden Filmemacher selten mitleidloser. Ob der faule "Dude" in "The Big Lebowski", die geldgierigen Männer in "No Country For Old Men" oder die Eitelkeit des von George Clooney gespielten Taugenichts in "O Brother Where Art Thou" - stets hatten die Coen-Charaktere mindestens einen deutlich erkennbaren Makel, der mit allerlei Unheil und Schicksalsschlägen bestraft werden musste. Larry Gopnik jedoch, wundervoll trauerkloßig verkörpert von dem New Yorker Theaterschauspieler Michael Stuhlbarg, hat sich rein gar nichts zu Schulden kommen lassen. Büßen muss er trotzdem. Bis zum bitteren, fast schon apokalyptischen Ende des Films.

Das Leben als Geisterbahnfahrt

Nun kann man den Coens immer eine gewisse Lust an der Bosheit und einen manchmal allzu ungnädigen Umgang mit der conditio humana unterstellen. Das macht ihre Filme ja oft so unterhaltsam. Dennoch zeigt allein die Tatsache, dass das gewohnte prominente Schauspielerpersonal der Brüder diesmal zugunsten einer weitgehend unbekannten Darstellerriege weichen musste, dass es ihnen um mehr gehen könnte als die üblichen Marionettenspiele zweier zynischer Regie-Götter.

Denn Coen-Stammkameramann Roger Deakins findet nicht nur einige in ihrer exakten Komposition und klaren Schönheit hyperreal wirkende Bilder für "A Serious Man", er beobachtet das Geschehen zuweilen aus so abwegigen Perspektiven und kommt den Charakteren so unangenehm nah, als filme er keine Komödie, sondern einen Horrorfilm - das menschliche Leben wird so zur Geisterbahnfahrt. Man darf auch nicht vergessen: Es ist das Jahr 1967, in dem der Film spielt. Und auch wenn die Coens jegliche politischen Entwicklungen aussparen, so ist der gesellschaftliche Umbruch, der Amerika zu jener Zeit erfasst hat, überall zu spüren - ob bei der nymphomanen Nachbarin oder Larrys dauerbekifftem Sohn, der seine Bar-Mitzwa-Zeremonie nur zugedröhnt übersteht.

Das Gopnik-Modell des von allen äußeren Einflüssen abgeschirmten Mittelstandsidylls, es hat ausgedient und wird von einer neuen, bedrohlich wirkenden Gegenkultur erfasst. Dafür stehen letztlich auch all die unheimlichen Abnormitäten, von denen Larrys Leben heimgesucht wird. Mit diesem steten Wandel, dieser Veränderung, die immer dann über einen hereinbricht, wenn man es sich gerade so richtig gemütlich gemacht hat, muss der Mensch ganz alleine klarkommen, das macht dieser erwachsenste und abgründigste aller Coen-Filme unmissverständlich klar.

So ist es am Ende vielleicht das passive Verharren und seine letztlich nicht von ausgeprägter Eigenverantwortung zeugende Suche nach spiritueller Erlösung, wofür der doch eigentlich so rationale Physiker Gopnik von seinen Schöpfern abgestraft wird: Was dir im Leben am wenigsten hilft, so seine Lektion, ist Gott. Das kann man grausam und gemein finden. Oder aber man nimmt es, wie die Coens, mit Humor. Auch wenn der Witz mal wieder auf unsere Kosten geht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Snoim 19.01.2010
1. ...
Da hat sich ein Fehler in den Artikel eingeschlichen: Nicht Larry darf den weisen Rabby treffen und bekommt Jefferson Airplane zitiert, sondern sein Sohn. Beste Grüße
nesi 19.01.2010
2. Kleine Korrektur
"...der große Ähnlichkeit mit dem Vorort St. Louis Park nahe Minnesota hat," St. Louis Park ist eine eigenstaendige Stadt (Vorstadt?), die sich in unmittelbarer Naehe zu Minneapolis, der groessten Stadt im Bundestaat Minnesota, befindet.
Celegorm 19.01.2010
3. ...
Zitat von SnoimDa hat sich ein Fehler in den Artikel eingeschlichen: Nicht Larry darf den weisen Rabby treffen und bekommt Jefferson Airplane zitiert, sondern sein Sohn. Beste Grüße
Das ist allerdings korrekt. Und auch sonst stehen einige Aussage in dem Artikel auf etwas wackligen Beinen. Oder anders gesagt, der Autor scheint da den zentralen Aspekt der Zufälligkeit nicht wirklich berücksichtigt zu haben. Es ist ja eben gerade nicht so, dass Larry in einer Art Horrortrip nur abgestraft wird, sondern die wahre Sinnlosigkeit des Ganzen erst durch den Kontrast des offenbar beliebigen Wechsels zwischen positiven, negativen und einfach seltsamen Ereignissen augenscheinlich wird. Aber muss man wohl froh sein, dass diese Perle zumindest hier eingehender gewürdigt wird, ansonsten ist der Film vielerorts leider ein wenig untergegangen, gerade auch beim Publikum.
ocinator 19.01.2010
4. Disappointment
Ich habe den Film gestern in der Kultur Spiegel Preview in Hamburg gesehen und kann nur eines sagen: Ich bin maßlos enttäuscht. Ich würde mich selber als Fan der Coen-Brüder outen, zumindest gefallen mir die meisten Filme der beiden, die ich mir bisher ansehen durfte, darunter Blood Simple, Fargo, The Big Lebowski, The Ladykillers, No County for Old Men und Burn After Reading, wobei ich Ladykillers & Burn After Reading bereits als "nur so lala" einstufen würde. "A Serious Man" dagegen, in den ich aufgrund der fast durchweg blendenden Kritiken, mit hohen Erwartungen ging, enttäuscht auf ganzer Linie. Der Film wird als Komödie mit tiefschwarzem Humor vermarktet, und von einer Komödie erwarte ich, wenn sie den Zuschauer schon nicht zum Lachen bringt, daß zumindest ein paar zählbare Schmunzler beim Anschauen des Films rausspringen. Wenn ich den gestrigen Abend rekapituliere, komme ich dabei auf genau zwei. Auch inhaltlich kann mich der Film in keinster Weise überzeugen. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich die Story, also der gewählte Ausschnitt aus Larry Gopniks Leben, zu keinem Zeitpunkt wirklich interessiert hat bzw. in der Lage war, mein Interesse an ihm, seiner Familie und den schrecklichen Dingen, die ihm passieren, zu wecken. Für was Larry Gopnik "von dem da oben" bestraft wird erschließt sich mir nicht und leider war ich auch nicht in der Lage, wohl aufgrund meines fehlenden jüdischen Hintergrundwissens, die vielen religiösen Anspielungen des Films zu verstehen. Hätte ich für den Film sieben Euro an der Abendkasse gelassen, hätte ich mich sehr geärgert. Mich beschleicht inzwischen der Eindruck, daß die Coens "machen können was sie wollen" und die Kritiker schreiben am Ende so oder so ihre Lobeshymnen. Zum Artikel übrigens noch eine kurze Anmerkung an den Autor: ---Zitat--- Als Larry nach quälendem Hin und Her endlich beim ältesten und weisesten der Kirchenmänner vorgelassen wird und die Pein seiner Ungewissheit ins schier Unerträgliche gesteigert ist, zitiert ihm der ehrwürdige Rabbi genüsslich den Songtext des zu jener Zeit populären Rocksongs "Somebody To Love": "When the truth is found to be lies/ And all the joy within you dies/You better find somebody to love"... Angstgetriebene Popmusik-Lyrik als Religionsersatz, so perfide muss man erst einmal sein. Und dabei auch noch so komisch! Der zornige, alttestamentarische Gott erscheint da noch barmherziger als diese mit kalter Präzision agierenden Regisseure. ---Zitatende--- Haben Sie den Film gesehen? Der entscheidende Punkt an der Stelle ist, dass er NICHT zum weisen Rabbi vorgelassen wird....
Aragon 19.01.2010
5. Die Coen Brüder werden überschätzt
Sie haben einen genialen Film gemacht und das ist "The Big Lebowski". The Ladykillers war auch auf gewisse Art lustig, aber nicht genial. Von "No Country for Old Man" war ich eher enttäuscht, nach dem Hype habe ich mir davon mehr versprochen. Der Film versucht Kunst zu sein, letztendlich ist er eher belanglos. Zumal die Idee auf gewisse Art die gleiche ist wie bei "The Big Lebowski" und naja, natürlich fast allen Coen Filmen. Man wirft einen 0815 Alltagsmenschen in eine für ihn neuartige und abstruse Situation und sieht mehr oder weniger zu was passiert. The Big Lebowski war urkomisch. Vermutlich auch weil Jeff Bridges den Antihelden perfekt gespielt hat. No Country Old Men konnte sich nicht wirklich entscheiden was es nun sein wollte.
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