Coen-Film "Inside Llewyn Davis" Der Anti-Dylan

Mit Bob Dylan explodierte Anfang der Sechziger die New Yorker Folkszene. Weiß jeder. Wie langweilig, dachten Joel und Ethan Coen und drehten einen Film über einen der vielen erfolglosen Folkmusiker, die Dylan den Boden bereiteten. Ein klassischer Coen-Stoff. Und hinreißendes Kino.

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"Warum sollte irgendjemand einen Folksänger zusammenschlagen?" Ethan, der jüngere der Coen-Brüder, fängt an zu lachen. Ein eingeübtes Spiel. Joel, der ältere, gravitätischere der beiden Filmemacher, übernimmt: "Das war die Frage, die wir uns ganz zu Anfang gestellt haben. Wir fanden die Vorstellung irgendwie amüsant, hatten aber keine Ahnung, ob das irgendwo hinführen würde, geschweige denn für einen Film taugt."

Natürlich ist ein Film daraus geworden. Er heißt "Inside Llewyn Davis" und handelt von einem erfolglosen Musiker in der New Yorker Folkszene, der sich im eiskalten Winter 1960/61 auf eine ziellose Odyssee begibt. Die Erzählung des Films ist elliptisch: Llewyn Davis wird am Anfang zusammengeschlagen, am Ende auch. Warum, das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Er hat es verdient.

1961 ist das Jahr, in dem clever konzipierte Pop-Folk-Acts wie Peter Paul & Mary erste Erfolge außerhalb der Greenwich-Village-Szene feiern, das Jahr, bevor Bob Dylan einen Folkboom auslösen wird, der das Singer/Songwriter-Genre begründen und die Musikindustrie in Richtung Kommerz und Entertainment bewegen wird. Es ist der Vorabend der Pop-Revolution.

Llewyn Davis wird eher zu den Verlierern dieses Umbruchs gehören. Der junge Gitarrist tingelt durch die einschlägigen Läden des Greenwich Village und spielt alte Folksongs. Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger war besonders die MacDougal Street mit Musikclubs wie Gerde's Folk City oder dem Gaslight Café, ein Tummelplatz für junge, teils bitterarme Folkliebhaber, die in den Volksweisen aus dem 19. Jahrhundert oder aus dem ersten großen Revival zur Depressionszeit große, authentische Kunst sahen und sie mit viel Hingabe reproduzierten.

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"Inside Llewyn Davis": Odyssee eines Folksängers
Einst war Davis Teil eines Duos. Doch seitdem sich sein Gesangspartner von einer Brücke stürzte, versucht er sich als Solokünstler, sein Album liegt jedoch wie Blei in den Regalen. Ohne Mantel und Geld, dafür mit Gitarrenkoffer, übernachtet er mal auf der schicken Upper West Side bei einem Professor, der es hip findet, vor seinen Establishment-Freunden mit seinem Folkie-Freund anzugeben, mal beim erfolgreichen Musikerpärchen Jean und Jim im Village (Justin Timberlake und Carey Mulligan als Paul & Mary-Hommage).

Mit Jean hatte Llewyn erst kürzlich eine Affäre. Sie ist schwanger von ihm und entsprechend wütend: Als sie sich zum Handling der geplanten Abtreibung treffen, beschimpft sie ihn nicht nur übel, sondern bringt seinen Zustand auch drastisch auf den Punkt: "Alles, was du anfasst, wird zu Scheiße", sagt Jean, "als wärest du der idiotische Bruder von König Midas."

Jim wiederum, der von all dem nichts weiß, bucht Llewyn als Session-Musiker für den stumpfen, aber amüsanten Radiohit über John F. Kennedys Weltraum-Programm ("Please, Mr. Kennedy"). Eine potentiell lukrative Sache, aber Llewyn kriegt es nicht einmal hin, das Formular für die Tantiemen-Abrechnung richtig auszufüllen. Das Problem: Erfolg wäre zwar wichtig, um zu überleben, gleichzeitig aber ein Verrat am Schönen und Wahren der Musik, glatter Ausverkauf - das universelle, unlösbare Dilemma des Künstlers. Es ist zum Verzweifeln.

Hintersinnig und grotesk

Llewyn Davis ist eine geradezu klassische Coen-Figur. Wie der vergeblich nach Rechtschaffenheit strebende "Serious Man" Larry Gopnick oder der unter Schreibblockade leidende Drehbuchautor Barton Fink hält er sich im Grunde für einen cleveren Kerl, kriegt aber nichts auf die Reihe. Für Joel und Ethan Coen war klar: Viel interessanter, als Bob Dylans Geschichte zu erzählen, die ja jeder kennt, ist die Frage, was eigentlich mit den vielen Folkies passierte, die erfolglos blieben. Inspiration lieferte die Lektüre der Autobiografie des realen, fast völlig vergessenen Folkpioniers Dave Van Ronk, auf dessen Karriere der Film lose basiert. "Llewyn dreht sich im Kreis", sagt Ethan Coen beim Interview im Londoner Soho Hotel und muss schon wieder lachen. "Was will er überhaupt? Einen gewissen Erfolg, ja, aber wie und welcher Form, ist ihm selbst nicht klar."

Der unbarmherzige Umgang der Coens mit ihren Filmgeschöpfen ist bekannt und macht den bittersüßen Charme ihrer oftmals sinistren Komödien aus. "Er ist talentiert und begabt, und wenn er singt, ist das wirklich sehr schön", sagt Joel, "aber sein Genre entwickelt sich nicht, weil Leute wie Llewyn es lediglich konservieren wollten. Und dann kam Bob Dylan, sehr ambitioniert und ehrgeizig, und benutzte die alten Traditionen, um daraus sein eigenes Ding zu erfinden. Die einen wollten bewahren, die anderen transformierten die Musik."

Llewyn begibt sich schließlich auf einen Roadtrip nach Chicago, um seine Songs dem berühmten Produzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham) vorzuspielen (reales Vorbild ist der Peter, Paul & Mary-Entdecker Albert Grossman). Ihn begleitet der wortkarge Beatnik Johnny Five (personifizierte Coolness: Garett Hedlund) und der heroinsüchtige, weltmüde Jazzmusiker Roland Turner (Coen-Freund John Goodman in einer Paraderolle) - eine an Kuriosität nicht zu überbietende Reise mit, man ahnt es, eher traurigem Ergebnis. Natürlich darf man trotzdem lachen, denn das Scheitern gehört bei den Coens zur großen Comédie Humaine. So besinnlich "Inside Llewyn Davis" für ihre Verhältnisse geworden sein mag, so hintersinnig gewitzt sind die Dialoge, so perfekt das Timing der Situationskomik, grotesk die Nebenfiguren.

Vor allem aber Hauptdarsteller Oscar Isaac, Schauspieler und Hobbymusiker, der zuvor markante Nebenrollen in Filmen wie "Drive" und Madonnas "W.E." spielte, ist eine Entdeckung. Im wuschelköpfig-bärtigen Hobo-Look, ein wenig früher Cat Stevens, schafft er es, die larmoyante Selbstgerechtigkeit Llewyns fein zwischen Ernsthaftigkeit und Parodie auszubalancieren. Dank Isaac fühlt man: Dieser Typ kann und will sich einfach nicht dem Zeitgeist der Modernisierung hingeben. Das mag nicht clever sein, ist aber liebenswert.

Und diese Haltung vertreten letztlich auch die musikliebenden Coens, indem sie Llewyns hinreißende Folkmusik (allesamt Klassiker und Traditionals, von Isaac gesungen, von Americana-Spezialist T-Bone Burnett produziert) immer wieder in den Vordergrund stellen, wie sie es bereits 2000 in "O Brother Where Art Thou" getan haben, der ebenfalls die Odyssee eines verkrachten Folkmusikanten erzählte, allerdings ungleich burlesker. Der Soundtrack mit alter Musik wurde damals zum Bestseller, und auch "Inside Llewyn Davis" ist nebenbei ein Vehikel für die Lieblings-Folksongs der Regisseure. Gleich zwei komplette Songs darf Isaac/Davis zu Beginn des Films singen. Eine ungewöhnliche, wenn nicht radikale Eröffnungssequenz dieser in winterlichen Farben und grandiosen Bildern inszenierten Musikerballade.

All das könnte man als nostalgisch verklärend missverstehen. Ein Bekenntnis zum vor allem in der Musikbranche zeitgeistigen Früher-war-alles-Besser ist den Coens jedoch nicht zu entlocken. Was die Liebe zum alten Folk betrifft, mögen sie sich nah bei Llewyn Davis fühlen, künstlerisch sehen sich die Endfünfziger eher auf der Seite derjenigen, die den Mut haben, mit Traditionen zu brechen: "Wir sind keine Denkmalschützer", sagt Ethan. "Wir bedienen uns an Genre-Konventionen, insoweit sie der Geschichte dienen, die wir erzählen wollen. Es ist wie ein Mash-up." Und Joel ergänzt: "Wir gehören da eher ins Dylan-Lager."



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