Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Comeback des Serienkillers: Das neue Würgertum

Von Daniel Haas

Er ist gepflegt, höflich, angenehm im Umgang und mörderisch verrückt. Der Serienkiller ist zurück in Kino und Fernsehen - hochgradig bürgerlich, getarnt mit sozialer Kompetenz: Das Böse sieht jetzt aus wie du und ich.

Wer in den achtziger und neunziger Jahren ins Kino ging, für den gehörte er popkulturell zur Familie. Der Serienkiller war ein Dauergast auf der Leinwand, trieb sein Unwesen als Henry ("Henry - Portrait of a Serial Killer), Hannibal ("Das Schweigen der Lämmer") oder John Doe ("Seven"). Auch im Horrorfilm war er fest angestellt, dezimierte lüsterne Teenager, säbelte sich durch College-Belegschaften und amerikanische Vorstädte.



Weil die Entertainment-Branche Profitmaximierung mit Reizverstärkung übersetzt, hatte der habituelle Metzler Anfang des Jahrtausends das Nachsehen. Das US-Kino traktierte sein globales Publikum mit Folterfilmen wie "Hostel" und "Wolf Creek"; gegen deren Brutalität wirkten die Methoden vom Menschenfresser Hannibal Lecter regelrecht geschmackvoll.

Mit dem Kinofilm "Mr. Brooks" und vor allem der TV-Serie "Dexter" (ab 2008 bei RTL II) zeichnet sich ein Comeback ab. Schlachtfeste wie "Saw" und "Hostel" sind zwar auf dem Markt etabliert, ein Mainstream-Publikum lässt sich mit ihnen aber nicht erreichen. Mit Dexter ("Six Feet Under"-Star Michael C. Hall), dem Forensiker des Miami Police Departments, kann man sich allerdings schnell anfreunden: Er ist gepflegt und höflich, ein angenehmer Zeitgenosse, der kompetent seinen Job erledigt.

Dass Dexter in seiner Freizeit Kriminellen, die durchs Netz der Justiz geschlüpft sind, auflauert, um sie zu entführen und später hinzurichten, hat amerikanische Fernsehzuschauer nicht davon abgehalten, der Serie Traumquoten zu bescheren. Man liebt den sympathisch introvertierten Mittdreißiger, der Missetäter vorzugsweise mit dem Elektromesser ins Jenseits befördert.

Auch Mr. Brooks ist äußerlich ein angenehmer Zeitgenosse: Wohlhabend, kultiviert und glücklich verheiratet, ist der von Kevin Costner gespielte Unternehmer ein Vorzeigebürger und Repräsentant des amerikanischen Traums. Einziger Schönheitsfehler im bürgerlichen Idyll: Brooks ist schizophren und lässt sich von einem Alter Ego namens Marshall immer wieder zum Mord verführen.

Brutal normal

Verstörend an diesen beiden Killern ist ihre Angepasstheit, ihre Normalität. Bislang trat der Serienmörder in zwei Formen auf: als hoch intelligenter Gewalt-Ästhet oder als subproletarischer Widerling. Hannibal Lecter spielte Klavier, konnte zeichnen wie Dürer und drapierte ausgeweidete Leichen zu Tableaus voll kunsthistorischer Anspielungen. Henry aus "Portrait of a Serial Killer" hingegen schlachtet seine Opfer ab wie Vieh; das White-Trash-Pärchen Micky und Mallory ("Natural Born Killers") genießt das Töten wie Kinder das Vergnügen einer Achterbahn.

Dexter und Brooks schließen die Lücke zwischen artistischem Übermenschen und sozialem Loser. Von ersterem haben sie die ästhetische Begabung, von letzterem die Durchschnittlichkeit. Deshalb rücken sie verstörend nahe an reale Vorbilder: Walter Sickert, der womöglich Jack the Ripper war, galt als freundlich und charmant. Ted Bundy und Jefrey Dahmer sahen gut aus und waren in ihrem Umfeld beliebt. Das Monster, wie es durch Horrorfilme geistert, ist letztlich viel weniger gefährlich: Man erkennt einen Zombie, wenn er vor einem steht.

Die neuen Killer aber haben ihren dämonischen Teil vollständig camoufliert. Sie werden wie Brooks zum Unternehmer des Jahres gewählt oder führen wie Dexter nach außen eine respektable Liebesbeziehung. Sie sind auf Hygiene und Ordnung bedacht, leben in einem kultivierten Ambiente. Innerlich aber sind sie hohl und leer, Hüllen eines bürgerlichen Lebensstils, die einen Abgrund aus Gewalt umschließen.

Ästhetik der Kälte

Die Idee, dass Kulturleistung automatisch zu Triebsublimierung führt, ist naiv - das konnte man schon bei Hannibal Lecter sehen. Dexter ist ebenfalls ein Ästhet: Wenn er an Tatorten die Blutmuster interpretiert, klingt das wie eine Vorlesung über moderne Kunst. Radikaler aber noch als Lecters Grausamkeit, die wenigstens vor der geliebten FBI-Agentin Clarice Starling Halt machte, ist Dexters quasi wissenschaftlicher Blick auf seine Umwelt. Gefühle wie Liebe und Angst kann er nur spielen, ethische Fragen existieren für ihn nicht.

Für Brooks ist Gewalt ebenfalls eine Praxis jenseits von Gut und Böse. Zwar besucht er die Treffen der Anonymen Alkoholiker, weil er seinen Drang zu töten als Sucht begreift. Die Kaltblütigkeit aber, mit der er Opfer, Polizisten und andere Widersacher beseitigt, lässt keinen Zweifel aufkommen: Dieser Mann ist der Souverän über jenen Ausnahmezustand, den er mit jedem Mord aufs Neue verhängt.

Gerade diesen beiden Männern möchte man nicht begegnen. Gerade sie könnten jedoch der Tischnachbar im Restaurant, der Nebenmann in der U-Bahn sein. Sie sind auf furchtbare Weise entdämonisiert und damit ein Ab- und Zerrbild jener Verhältnisse, in denen wir leben.

Leichen am laufenden Band

Denn der Serienkiller ist ein Repräsentant der kapitalistischen Logik. So sieht Fordismus in seiner psychopathologischen Variante aus: Man produziert Leichen wie am Fließband und versorgt dazu die Aufmerksamkeitsindustrie mit stetig neuen Impulsen. Der Serienmörder ist immer auch ein Medienstar; in Form von schockierenden Bildern mehrt er das Kapital telematisch erzeugter Erregung.

Wenn er dann wie Dexter auch noch Verbrecher tötet – nicht aus innerer Überzeugung, sondern weil er einem bestimmten, vom Vater verfügten Kodex folgt -, dann steigert sich dieses kulturpessimistische Moment ins Nihilistische. Sowohl in "Dexter" als auch in "Mr. Brooks" sind die für Gerechtigkeit zuständigen gesellschaftlichen Organe inkompetent. Wiedergutmachung und Sühne lassen sich nur mit Selbstjustiz herstellen.

Im Killer als Mainstream-Bürger spiegeln sich aber auch die Ängste einer Mittelschicht, die vor allem in Amerika massiv vorm Abstieg bedroht ist. "Gejagt von Schulden, bedroht von Entlassung, geplagt von immer kleineren Renten und Krankenzulagen und gezwungen zu immer irrsinnigeren Arbeitsverhältnissen" - so beschreibt die US-Journalistin Barbara Ehrenreich den Mittelklasse-Typus als wirtschaftlich und sozial bedrohte Spezies.

Der Killer erfüllt da eine doppelte Funktion: Er vertritt das Wissen um die prekäre Lage, die nach außen die Wahrung der Etikette fordert - während die Strukturen bereits ausgehöhlt sind. Und er ist eine düstere Machtphantasie, weil er auch dann noch souverän agiert, wenn die Zustände längst unkontrollierbar geworden sind.

Den Deutschen winkt zwar gerade das Glück des wirtschaftlichen Aufschwungs, aber auch hier drückt der Schuldenberg, erodieren soziale Sicherheiten.

Dexter ist zum Glück schon auf dem Weg.

Mehr zum Thema "Serienkiller" auch bei SPIEGEL TV Magazin. Sonntag, 23.15 Uhr RTL.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Serienkiller reloaded: Schrecklich bürgerlich

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: