Comedy-Star Tina Fey Gestatten, meine Name ist Nerd

Sie ist die erfolgreichste TV-Komikerin der USA, ihre Sarah-Palin-Persiflage machte sie weltberühmt. Kein Wunder, dass auch Hollywood sie einspannt: Diese Woche läuft die Komödie "Date Night" an. Doch Tina Fey passt nicht ins Kino - die große Leinwand ist zu eng für ihren rasanten Humor.

Von Daniel Haas

REUTERS

Sie stöckelt den Hotelflur entlang, als wäre sie ein zweitklassiges Model, kurz vor dem Fotoshooting. Ihre Garderobe: irgendwas zwischen Karstadt und C&A. Die Frisur: knapp an der Tina-Turner-Mähne vorbei. Ganz klar: Tina Fey, 39, die erfolgreichste Komikerin der USA, darf alles sein - trashig, lasziv, schrill -, nur nicht mousy.

Mousy, maushaft, ist das Todesurteil für jede Darstellerkarriere. Eine Maus bringt keine Quote, eine Maus kann man nicht vermarkten. Sue Menger, eine mächtige Agentin, hatte aber genau das damals gesagt, als ein Produzent Fey vor die Kamera holen wollte: "Nicht mit dem Aussehen. Zu mousy."

Weil der Producer sich nicht beirren ließ, begann 2008 eines der schönsten Verpuppungsmärchen der jüngeren Entertainmentgeschichte. Fey, die Brille tragende Intellektuelle, die sich im Hinterzimmer Gags für die Sketchshow "Saturday Night Live" ausdachte, wurde zu Fey, dem Brille tragenden Sexsymbol für alle, die Foucault nicht für eine Käsesorte halten.

Fey bewährte sich als Nachrichtensprecherin eines satirischen Wochenrückblicks, zum Phänomen aber wurde sie durch Sarah Palin. Während des Wahlkampfs imitierte sie die Vizepräsidentschaftskandidatin so überzeugend, dass Palin Autogrammkarten verteilen musste. Aufschrift: "Ich bin nicht Tina Fey."

Humor auf die Schnelle

Wenn sie einem dann so gegenübersitzt, mit einem betont hippen Outfit, dann ist das also die neue, global vermarktbare Tina Fey, der mit Emmy und Golden Globe ausgezeichnete Star, der seinen aktuellen Kinofilm promotet. In der Komödie "Date Night" spielen Fey und Steve Carell ein Ehepaar, das zwischen Jobstress und Kindererziehung aufgerieben wird. Beim einzigen Date seit Wochen werden die beiden erst mit Gangstern verwechselt, dann von korrupten Cops gejagt.

Der Film ist ungefähr so komisch wie ein Oliver-Pocher-Scherz. Man würde deshalb viel lieber über "30 Rock" reden, die TV-Serie, mit der Fey endgültig zur Ikone des intelligenten, selbstironischen Humors wurde. In der mit Preisen überhäuften Reihe stellt Fey quasi sich selbst dar: Hinter den Kulissen einer fiktiven Comedy-Sendung muss sie als Autorin namens Liz Lemon einen Haufen verrückter Kollegen und einen noch verrückteren Chef im Zaum halten.

"Fernsehen ist schneller als Kino", sagt Fey und tätschelt unruhig ihren Arm. "Das Tempo einer guten Sitcom kann man nicht im Film durchhalten." Das erklärt dann noch mal, warum "Date Night" so misslungen ist: Fey ist Spezialistin für die schnelle Pointe, für rasante Situationskomik. Der Film aber hat den Charme einer zusammengestoppelten Nummernrevue, mit nervigen Action- und Romantikszenen als Füllmaterial.

"Auf der Leinwand ist man auch so groß, da darf man weniger machen", sagt sie fast ein bisschen traurig, und das ist noch so ein Problem: In "30 Rock" kann sie den agilen Geistesmenschen verkörpern, der sich um Kopf und Kragen redet. Als neurotische Plaudertasche braucht sie die Sprache und möglichst viel davon. Ihr Medium ist die Rhetorik; die ideale Form für ihren Humor die Miniatur, in der Verzweiflung und Scharfsinn aufeinanderprallen.

Kult mit Kauz

Die Gestalt, die diese Geistes- und Lebenshaltung immer noch am besten zum Ausdruck bringt, ist der Nerd. Bis Fey die Bühne betrat, waren Nerds vorwiegend männlich, Kauze, die sich mit obskuren Vorlieben vor der Wirklichkeit verschanzten. Einer Welt romantischer Enttäuschungen und sozialer Tiefschläge entgeht der Nerd mit Parallelexistenzen in Comics und Computerspielen. In der gehobenen Variante können es auch Jazz, Kunstfilme und schwierige Bücher sein.

Die Unterhaltungsindustrie verdankt den Nerds Milliardenumsätze, und die Comedy nutzt sie als Spielmaterial. "Wir wären nirgendwo ohne die Nerds", sagt Fey und wuschelt sich unbeholfen die Frisur zurecht. "Ich mag diese Loser."

Kein Wunder: Sie hat den tapferen Verlierer ja für die weibliche Humorkultur erobert und regelrecht zur Kunstfigur veredelt. Liz Lemon ist bei allem Wortwitz so lächerlich, dass es wehtut. Sie ist zum Beispiel süchtig nach einer mexikanischen Käsekringelsorte namens Sabor de Soledad - Geschmack der Einsamkeit -, die so viel Östrogen enthält, dass sie Schwangerschaftstests verfälscht.

Auf solche Ideen kommt man leichter mit dem entsprechenden Fundus an Versagens- und Leidensgeschichten. Fey war selbst "sehr uncool in der Schule", und ihr Humor machte erst mal alles nur noch schlimmer: "Witze reißen ist eine höchst effiziente Weise, um Jungfrau zu bleiben", sagt sie. Dann rutscht sie an die Stuhlkante und biegt den Kopf nach unten, als hätte der Klassen-Bully gerade einen besonders fiesen Scherz auf ihre Kosten gemacht.

Ist sie also doch eine graue Maus? Nein. Aber die vom Marketing ausgedachte Comedy-Biene zum Glück auch nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nothing is irreversible 14.04.2010
1. Future Husband
Tina Fey ist fantastisch… ich würde sie vom Fleck weg heiraten, wenn sie mir vorm Rockefeller Center über den Weg laufen würde!
christian simons 14.04.2010
2. Faszinierend, aber ich kann nicht lachen....
Zitat von Nothing is irreversibleTina Fey ist fantastisch… ich würde sie vom Fleck weg heiraten, wenn sie mir vorm Rockefeller Center über den Weg laufen würde!
Tina Fey ist für mich die neue Julia Louis-Dreyfus. Von beiden kann ich nicht genug bekommen, aber das mit dem Beömmeln will einfach nicht so recht funktionieren. :-) (Ausnahme ist natürlich Feys sagenhafte Sarah Palin-Parodie. Da blieb auch bei mir kein Auge trocken.)
Eukalyptusbonbon, 14.04.2010
3. Hah!
Zitat von Nothing is irreversibleTina Fey ist fantastisch… ich würde sie vom Fleck weg heiraten, wenn sie mir vorm Rockefeller Center über den Weg laufen würde!
Aber nicht wenn ich sie vorher sehe! :-) Nee, im Ernst: tolle Frau! Grandiose Komödiantin. Ihre Texte (und ihre Parodien) sind perfekt. "30 Rock" ist unglaublich gut. Sehr schön auch, ihre fast akzentfreie deutsche Aussprache (immer wieder mal zu bewundern im Original von "30 Rock").
Mikko, 14.04.2010
4. Nada
Zitat von EukalyptusbonbonAber nicht wenn ich sie vorher sehe! :-) Nee, im Ernst: tolle Frau! Grandiose Komödiantin. Ihre Texte (und ihre Parodien) sind perfekt. "30 Rock" ist unglaublich gut. Sehr schön auch, ihre fast akzentfreie deutsche Aussprache (immer wieder mal zu bewundern im Original von "30 Rock").
Nix!! Tina ist mir allein!! 30 Rock ist brilliant! Was aber auch und nicht unerheblich an Alec Baldwin und dem Rest der Truppe liegt. In jedem Fall muss man das natürlich in der Originalversion schauen.
Klartext007 14.04.2010
5. Vom Fleck weg
Zitat von Nothing is irreversibleTina Fey ist fantastisch… ich würde sie vom Fleck weg heiraten, wenn sie mir vorm Rockefeller Center über den Weg laufen würde!
zu heiraten würd ich mir noch mal überlegen. Man weiß nie, was in so einer Praline drin steckt. Aber zugegeben, sie ist schon eine Sahneschnitte!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.