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Comic-Adaption "Der unglaubliche Hulk": Sei mehr Grobi, grünes Monster!

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Der große Grüne ist zurück: Nachdem Ang Lees grübelnder Philosophen-Hulk vor fünf Jahren an den Kinokassen scheiterte, werden 2008 wieder ganz konventionell Kulissen zerlegt. Einzig berührender Moment in "Der unglaubliche Hulk": der Gastauftritt einer Sesamstraßen-Figur.

Es gibt eine frühe Szene im designierten Haudrauf-Spektakel "Der unglaubliche Hulk", die für einen schönen Moment lang einen anderen Film verspricht: Da sitzt Dr. Bruce Banner (Edward Norton), der in Brasilien untergetauchte Wissenschaftler mit den verstrahlten Genen, die ihn bei Wutausbrüchen willkürlich zum grünhäutigen Berserker werden lassen, nach einem harten Arbeitstag in der Limonadenfabrik zu Hause in seiner Slumwohnung. Einen putzigen Straßenhund zu Füßen und eine Schale Cornflakes im Schoß, sieht er sich im Fernsehen die Sesamstraße an, um vom blauen Kuschelmonster Grobi ein wenig Portugiesisch zu lernen.

Der furchteinflößende Hulk sucht Rat bei den niedlichen Muppets, das wäre tatsächlich ein hübsches Motiv für die Solidarität zwischen geplagten Fantasiegeschöpfen. Kermit der Frosch könnte dazu noch "It's not easy being green" singen.

In seinen besten Momenten war der 1962 von Jack Kirby und Stan Lee ins Marvel-Universum eingeführte Hulk ohnehin ein liebenswert tragischer Fall: Als in die Welt geworfener Grobmotoriker mit kindlichem Gemüt stand der instinktgesteuerte Koloss für das hemmungslose Ausleben des Lust- und Frustprinzips, während sein Über-Ich Bruce Banner mühsam die repressive Ordnung aufrecht halten wollte. Im Gegensatz zum Musterknaben Spider-Man kam hier mit Macht nicht große Verantwortung, sondern die völlige Entgrenzung: Mach kaputt, was dich kaputt macht. Oder was dich einfach nur nervt.

Ganz grün vor Leid

Es waren solche und noch weit existentialistischere Fragen, die Regisseur Ang Lee seinem "Hulk" (2003) stellte: Ratio versus Gefühl, Verstand gegen Trieb, zynische Wissenschaft im Ringen mit bedingungsloser Liebe. Dies alles noch gekrönt mit einem ödipalen Konflikt, der Bruce Banner gegen seinen skrupellosen Forschervater antreten ließ. Derart kühn näherte sich Lees als Blockbuster getarnter Autorenfilm einer Figur, die es trotz großem Wiedererkennungswert nie aus dem zweiten Glied der Superheldenriege schaffte, und ignorierte dabei geflissentlich die Marktinteressen des umtriebigen Marvel-Konzerns.

Das gewünschte Remmidemmi auf der Leinwand fiel vergleichsweise bescheiden aus, dafür gab es ein ziemliches Desaster bei der Kassenabrechnung. Kein Flop, aber dennoch eine kommerzielle Enttäuschung war dieses gewagte Experiment, aus dem Marvel eine nüchterne Lehre zog: Der neue Hulk sollte nicht wie sein Vorgänger als philosophierender Flummi durch die eigene Familiengeschichte hüpfen, sondern sich gefälligst auf das schauwerttaugliche Demolieren der Kulissen konzentrieren.

Dementsprechend ist "Der unglaubliche Hulk" auch kein Sequel zum Film von 2003, sondern die konservative Interpretation der gleichen Initiationsgeschichte. "Retroactive Continuity" heißt die gefürchtete Zauberformel der Comicverlage, wenn es um die rückwirkende Neu- und Umschreibung von Figuren und ihren Historien geht. Mit den DC-Lizenzverfilmungen "Batman Begins" und "Superman Returns" wurde diese bei den ausufernden Heftserien gebräuchliche Praxis schon erfolgreich ins Kino übertragen, und nun erfährt auch der Hulk eine Grundrevision: Die Besetzung wurde gegenüber dem Vorgänger komplett ausgetauscht, ebenso musste der intellektuelle Überbau einer platten Hit-and-Run-Dramaturgie weichen.

Wohl um gar nicht erst eine überambitionierte Erzählung zu riskieren, ging der Regieauftrag an den grundsoliden Handwerker Louis Leterrier. Der drehte zuvor die lärmende Verfolgungsjagdkolportage "Transporter 2" und inszeniert immer stumpf geradeaus die andauernde Flucht Bruce Banners vor dem militärisch-industriellen Komplex, stellvertretend repräsentiert durch General Ross (William Hurt).

Nachdem er seinen Verfolgern in Brasilien mit Brachialgewalt entkommen konnte, gelangt Banner zurück in die USA. Dort wartet nicht nur seine große Liebe Betty (Liv Tyler), die rebellische Tochter von General Ross, sondern auch der ehrgeizige Elitesoldat Emil Blonsky (Tim Roth). Um den großen Grünen zu erlegen, setzt sich Blonsky wie einst Banner einer Behandlung mit Gammastrahlen und heiklen Gen-Cocktails aus. Daraufhin mutiert er zum grotesken Giganten "Abomination", der im unvermeidlichen Showdown mit dem Hulk die Straßen Manhattans umpflügt. Aber noch bevor die beiden computeranimierten Fleischberge im Finale aufeinander eindreschen, wurde die Hoffnung auf ein innovatives Comicabenteuer längst in Grund und Boden gestampft.

Handzahmer Held ohne Herz

Denn zu behäbig und berechenbar verfolgt das Konfektions-Kino in Übergröße sein Ziel, den Hulk in die vertraute Marvel-Welt heimzuholen. Dies gilt vom hektischen Vorspann, der Verlagshelden wie Nick Fury von S.H.I.E.L.D. anzitiert, bis zur Coda, in der ein eisenharter und zugegeben prominenter Überraschungsgast einen Film über die Marvel-Supergroup "Avengers" in Aussicht stellt.

Große Namen, denen allerdings ein ziemlich kleinmütiger Film gegenübersteht. Da kann sich die illustre Schauspieltruppe um Edward Norton, der in seiner Karriere ja schon oft gespaltene Persönlichkeiten spielte, noch so redlich mühen: Banner/Hulk ist kein moderner Wiedergänger von Jekyll und Hyde mehr, sondern ein mittels New-Age-Meditation und allerhand Zen-Schmu domestizierter Mann fürs Grobe.

Nicht unberechenbarer Risikofaktor sondern handzahmer Kettenhund will dieser Held sein, wodurch er die Faszination all jener Marvel-Figuren verliert, denen ihr zur Waffe transformierter Körper zugleich Segen und Fluch ist. Ang Lees "Hulk" mag unmöglich gewesen sein, dieser grüne Wachtmeister aber ist viel zu bieder, als dass er als unglaublich durchgehen könnte. Nein, gegen Grobi, diesen fröhlichen und weitaus originelleren Anarchisten, wirkt der runderneuerte Hulk nur wie eine hohle Handpuppe ohne Herz. Blau, nicht grün, bleibt die Farbe der Freiheit.

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