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Comic-Spektakel "Hellboy II": Festival der Triebe

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Was für ein Glücksfall des Fantasy-Genres! Guillermo Del Toros Comic-Verfilmung "Hellboy - Die Goldene Armee" begeistert mit leidenschaftlichen Bildern, phantasievollen Kreaturen und einer rührenden Liebesgeschichte. Sympathischer war der Teufel selten.

Für die Entscheidung zwischen Gut und Böse braucht es nur einen Schokoriegel. Zumindest gilt das für "Hellboy", den gehörnten Titelstar der gleichnamigen Comic-Reihe von Mike Mignola: Im Jahr 1944 locken US-Soldaten den just aus der Unterwelt im irdischen Chaos gelandeten Höllennachwuchs mit Süßigkeiten auf ihre Seite. Später arbeitet er für das streng geheime "Bureau for Paranormal Research and Defense" (B.P.R.D.) und teilt mächtig Hiebe gegen Nazis, okkulte Schurken sowie Monster jeder Façon aus.

2004 schilderte Autor und Regisseur Guillermo Del Toro in seiner ersten Kinoadaption der unkonventionellen Heftchensaga, wie der quietschrote Satansbraten dank der Fürsorge seines Ziehvaters Professor Broom zum bulligen Beschützer jener Menschheit wurde, die er doch eigentlich ins Verderben stürzen sollte. Del Toro, spätestens seit der bildgewaltigen Phantasmagorie "Pans Labyrinth" (2006) für seine smarten Leinwandfabeln gefeiert, übernahm nun auch die Fortsetzung. Ein Glücksfall, denn "Die Goldene Armee" zeugt von der Leidenschaft eines Filmemachers, der seine Vorlage nicht nur kennt, sondern offensichtlich innig liebt.

Was verständlich ist, angesichts eines derart lustvollen Helden: Hellboy (Ron Perlman) hasst Vorschriften, mag Zigarren, Bier sowie kleine Kätzchen - und verweigert sich als sinnesfroher Hedonist mit großem Herz der Strenge des typischen Superheldendaseins. Doch seit dem Tod von Professor Broom (John Hurt) hat sich einiges getan im Leben von "Red", wie Hellboy von seinen Kollegen im B.P.R.D. gerufen wird. Während sich der chronisch unentspannte Agent Manning (Jeffrey Tambor) vergeblich um bürokratische Ordnung im unterirdischen Hauptquartier müht, fliegen zwischen Hellboy und seiner großen Liebe, der pyrokinetisch begabten Liz Sherman (Selma Blair), buchstäblich die Funken. Noch keineswegs heimisch in ihrer frischen Paarbeziehung, erhitzen die beiden während ihrer Wortgefechte nicht nur die eigenen Gemüter, sondern stecken kurzerhand das ganze Gebäude in Brand.

Bevor der Wohngemeinschaft jedoch vor lauter Kabbeleien im wörtlichen Sinne die Decke auf den Kopf fällt, sorgt der rachsüchtige Unterweltprinz Nuada (Luke Goss) für dramatische Ablenkung in den Straßen New Yorks. Aus dem jahrhundertlangen Exil zurückgekehrt, will der anarchische Adlige den gegenüber Märchengeschöpfen so ignoranten wie intoleranten Menschen gehörig heimleuchten und die legendäre Goldene Armee mobilisieren.

Missgelaunte Phantasiegestalten

Um die drohende Apokalypse zu verhindern, muss sich das B.P.R.D. mit rabiaten Zahnfeen, riesigen Tentakelungeheuern und diversen weiteren missgelaunten Phantasiegestalten beulen. Unterstützt werden Hellboy und Liz dabei von ihrem feinsinnigen Freund und Tiefsee-Empathen Abe Sapien (Doug Jones) sowie dem neuen Teammitglied Johann Krauss. Der deutschstämmige Wissenschaftler muss als Plasmawesen einen dicken Schutzanzug tragen, um sich nicht in Luft aufzulösen. Und neben einem heftigen teutonischen Akzent – im englischen Original herrlich schnarrend intoniert von "Family Guy"-Erfinder Seth MacFarlane – verfügt er über die Fähigkeit, unbelebte Objekte zu animieren.

Zur entwaffnenden Prämisse von "Hellboy", dass nämlich den wirklich satanischen Schurken nur mit dem Beelzebub höchstpersönlich beizukommen ist, kommt in Del Toros Sequel eine profunde existentialistische Krise der rührigen Außenseiterbande. Denn die Zivilisation, die sie mit Feuer und Flamme retten will, begegnet ihnen nur mit Unverständnis und Feindseligkeit. Zwischen dem Wunsch nach Assimilation und selbstbewusstem Anderssein muss die Schicksalsgemeinschaft somit ihre Motive hinterfragen, scheint die vermeintliche Gegenseite doch der eigenen Lebenswirklichkeit so viel näher. Dass sich Abe Sapien in Prinzessin Nuala (Anna Walton), die zarte Zwillingsschwester des radikalen Nuadas, verliebt, lässt dabei die ohnehin beträchtliche Fallhöhe der Helden tragisch steigen.

Überhaupt sind Liebe und Tod die dramatischen Triebfedern in diesem überbordenden, aber nie überfrachteten Spektakel, das seine Fabulierlust mit verschrobenem Humor durchsetzt und auf diese Weise sicher die Klippen des Kitsches umschifft. Nichts gegen die protestantische Kargheit und Demutshaltung eines "Dark Knight", aber Del Toros proto-katholische Karnevalssause mitsamt ihren wuseligen Trollmärkten, bizarren Todesengeln und vergoldeten Blechsoldaten begeistert mit zügelloser Verve und Vorstellungskraft.

Zudem präsentiert der Film mit Hellboy und Liz ein formidables und herzergreifendes Paar, das mit dem sympathischen Wandschrank Ron Perlman und der so oft sträflich missachteten Selma Blair ideal besetzt ist. Sie bereichern Cocteaus Klassiker "Die Schöne und das Biest" um die schöne Pointe, dass hier beide Partner mit ihren Dämonen zu kämpfen haben. Aber wenn es wirklich heiß hergeht, braucht es zur Weltenrettung eben feuerfeste Helden, die, wie Hellboy, ihren Job mit der Pragmatik eines übellaunigen Türstehers erledigen, aber in innigen Momenten vor lauter Gefühl zu zerbersten drohen.

Der Teufel steckt hier wie so oft im liebevoll ausgeschmückten Detail, und da hat "Hellboy" schlichtweg mehr Mumm, Seele und nicht zuletzt Spaß als viele andere Vertreter des Genres. Nicht nur schenkt Del Toro dem Publikum damit den Schokoriegel unter den Comic-Verfilmungen, seine verlorenen Waisenkinder Hellboy und Liz strafen in ihrem privaten Märchen trotzig Vorurteile und Vorbestimmung Lügen: Gefallene Engel sind tragisch, ein sich zum menschlichsten aller Helden aufschwingender Höllenjunge hingegen lässt wieder an Wunder glauben.

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Comic-Verfilmung "Hellboy II": Sympathy for the Devil


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