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Comic-Verfilmung "Iron Man": Blechmann mit Herz

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Vom Junkie zum Eisenmann: Robert Downey Jr. kehrt nach Drogenexzessen gestählt auf die Leinwand zurück - als Comic-Held "Iron Man". Die humorvolle Marvel-Adaption zeigt: auf Herz und Hauptdarsteller kommt es an.

Es gibt eine hinreißende Szene in "Iron Man": Der genialische Multimilliardär Tony Stark probiert in seinem Labor erstmals die Schubkraft der Beintriebwerke seiner stählernen Rüstung aus - und führt dabei einen absurd komischen Monolog mit einem Hilfsroboter, der seinem Herrchen andauernd mit einem Feuerlöscher zu Leibe rücken will. Am Ende bleibt der Lösch-Schaum, wo er hingehört, in der Dose nämlich, und Stark fliegt mit Überschallgeschwindigkeit gen Weltraum.

Comic-Held Iron Man: Glaube an die Allmacht der Technik
Concorde

Comic-Held Iron Man: Glaube an die Allmacht der Technik

Technikfeind darf man nicht sein, wenn man "Iron Man", die neueste Adaption eines Superhelden Comics aus dem Marvel-Verlag, genießen will. Mag die Verfilmung des 1963 erfundenen Eisenmannes auch noch so rasant und modern wirken, ein kräftiger Hauch vom alten Glauben an die Allmacht Technik, die den Zeitgeist der sechziger Jahren bestimmte, durchweht hier fast jede Szene.

Und warum auch nicht? Immerhin verfügt Iron Man, erdacht von Marvel-Urvater Stan Lee, nicht über Superkräfte, sondern muss sich auf seinen selbstkonstruierten Metall-Anzug verlassen, wenn er in den Kampf gegen die Bösewichte der Welt zieht. Regisseur und Schauspieler Jon Favreau ("Elf", "Very Bad Things") hat die Geschichte des Comic-Veteranen in die Gegenwart transportiert und für die schillernde Figur des Tony Stark eine kongeniale Besetzung gefunden: den der Drogenhölle entronnenen Schauspieler Robert Downey Jr., der mit dieser Rolle ein triumphales Comeback feiert.

2003, so geht die Legende, machte Downey an einem Burger King am Pacific Coast Highway Halt, aß einen Cheeseburger und warf dann all seine Drogen in den Ozean. Fünf Jahre später spielt er die Hauptrolle in einem angeblich 180 Millionen Dollar teuren Event Movie und ordert in einer Szene - so viel Zeit für Selbstironie muss sein - erst mal einen Cheeseburger. Das einst als "bester Schauspieler seiner Generation" betitelte Talent, 1993 für seine Darstellung Charlie Chaplins mit einer Oscar-Nominierung bedacht, ist endlich - nach Drogenexzessen, Gerichtsprozessen und Gefängnisstrafe - ganz oben angekommen: Vom Junkie zum Iron Man.

Ersatzherz für den Technik-Freak

So überlagert sich die actionreiche Geschichte von der Läuterung des zynischen Frauenhelds Stark, die Favreau nach einem Drehbuch von Mark Fergus und Hawk Ostby ("Children of Men") erzählt, zwangsläufig mit der Biografie Robert Downeys. Technik-Fetisch gegen allzu Menschliches - diese Interaktion verleiht dem Film eine Dynamik, die ihn über den Durchschnitt der Superhelden-Spektakel hinaushebt.

Der Film, bei Erfolg an der Kinokasse soll er der erste eine Trilogie sein, erzählt die Entstehungsgeschichte des Helden und transportiert die Ur-Story Iron Mans aus dem Vietnamkrieg ins krisengeschüttelte Afghanistan. Tony Stark, genialer Wissenschaftler und Waffenfabrikant in zweiter Generation, stinkreich und allürenhaft bis zur Unerträglichkeit, führt sein neuestes Massenvernichtungswerkzeug vor US-Soldaten am Hindukusch vor - und gerät prompt in ein Scharmützel mit bewaffneten Milizen, die den Industriellen kidnappen und in eine Höhle verschleppen, wo er ihnen eines seiner effizienten Raketensysteme basteln soll.

Zunächst muss Stark sich jedoch mit den ihm zur Verfügung gestellten Materialien selbst zusammenflicken, denn bei dem Überfall auf den Militärkonvoi, in dem er mitfuhr, wurde er durch Bombensplitter schwer verletzt. Die Schrapnelle in seinem Brustkorb würden unaufhaltsam zu seinem Herzen wandern und ihn zwangsläufig töten, wenn er ihnen nicht mit einer selbstgebauten Wunder-Apparatur dauerhaft Einhalt gebietet: eine Art Mini-Kernreaktor mit der vielfachen Wirkung eines Elektromagneten, den er an seine Brust flanscht wie ein Ersatzherz - eine schöne Hommage an den Blechmann ohne Herz aus dem "Zauberer von Oz".

Später wird das bläulich strahlende Gerät zum Herzstück und Antriebsaggregat seiner ersten, groben Metall-Rüstung, doch zuvor lernt der weltfremde Lebemann Stark, Vorbild für die Comic-Figur war der Exzentriker Howard Hughes, welche tödliche Wirkung und weltpolitische Macht seine Waffensysteme in den falschen Händen entfalten - und verschreibt sich dem Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.

Das entscheidende Quentchen Leben

Wie Favreau den alten Vietcong-Vernichter Iron Man aus dem Kalten Krieg in die Post-9/11-Welt hievt, das ist schon ganz schön gewagt, zumal es dem Regisseur oft nicht gelingt, den humorvollen Überschwang seines Films zu zügeln. Die islamistischen Milizen in Afghanistan wirken wie Karikaturen, der ganze Komplex des globalen Waffenhandels kommt zu kurz, was dem eigentlich düsteren Szenario die Wirkung nimmt. Der Ernst der Lage geht im - nun ja - comichaften Actiongewitter unter.

Aber man mag eigentlich gar nicht über den fehlenden Tiefgang meckern, denn dank Downeys beherzter Darstellung kriegt Favreaus "Iron Man" immer wieder die Kurve. Manchmal reicht ein jungenhafter Blick, eine zögernde Geste, damit man seinem Tony Stark sowohl das Exzentrische und Exaltierte abnimmt, aber auch den Sinneswandel vom gedankenlosen Technokraten zum globalen Gutmenschen abkauft. Gleichzeitig zeigt der durch monatelanges Bodybuilding für die Rolle gestählte Darsteller mit viel Selbstironie, dass er Pathos um jeden Preis vermeiden will. Man stelle sich nur vor, Nicolas Cage oder gar Tom Cruise hätten den Part übernommen, beide waren als Iron Man im Gespräch.

Dank Downey und Sidekicks wie Starks Assistentin Pepper Potts (entzückend und rothaarig: Gwyneth Paltrow) funktionieren sogar die schmalzigsten Momente: Es ist die treue Pepper, die den alten, in Afghanistan zusammengeflickten Prototypen des Maschinenherzens vor dem Schrott rettet und ihrem flatterhaften Boss als Trophäe unter Glas überreicht: "Zum Beweis, das Tony Stark ein Herz hat", lautet die Inschrift - ein Kalauer, aber ein netter. Und die Moral? Ohne den Menschen darin nützt auch die gewaltigste High-Tech-Rüstung nichts.

So ist "Iron Man" zwar ein eher konventioneller Superheldenfilm geworden, gespickt mit amüsanten Gags, beeindruckenden Schauwerten und viel Gefühl für das Comic-Original, das entscheidende Quentchen Leben haucht ihm jedoch erst das differenzierte Spiel Downeys ein. Für Marvel ein klarer Pluspunkt, denn mit der "Iron Man"-Franchise steigt das Comic-Imperium ("Spider-Man", "Fantastic Four", "X-Men") erstmals ohne die Unterstützung eines großen Hollywoodstudios ins Filmgeschäft ein. 50 Millionen Dollar des Budgets flossen allein ins Marketing, heißt es. Dank solcher Investitionen soll der blecherne Held nun der erste große Sommerblockbuster werden, noch bevor Universal mit "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" Ende Mai die Kinos dominiert.

Bei diesem Millionenspiel auf einen verkrachtes Comeback-Kid wie den 43-jährigen Downey zu setzen, zeugt von sympathischer Risikobereitschaft, zeigt aber auch, dass Marvel vielleicht aus eklatanten Casting-Fehlentscheidungen der letzten Jahre ("Fantastic Four", "Daredevil", "Ghost Rider") gelernt hat. Vielleicht steht das lukrative Genre der Comic-Verfilmungen noch einmal vor einem Neustart: Ende des Jahres wird auch der "Hulk" wieder auf die Leinwand zurückkehren, ein weiteres Marvel-Geschöpf. Gespielt wird das grüne Monster von einem intellektuellen Charaktermimen, dem man den Superhelden auch nicht ohne weiteres zugetraut hätte: Edward Norton. Iron Man Downey Jr. soll im Neustart der "Hulk"-Reihe einen Gastauftritt haben. Und irgendwie freut man sich drauf.

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