Comic-Verfilmung "Scott Pilgrim" Highscore fürs Herz

Dieser Film ist ein Fest für Comic- und sonstige Liebhaber: So temporeich und witzig wie "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" ist noch keine Verfilmung einer Graphic Novel gelungen. Gleichzeitig erzählt er rührend über Liebe, Freundschaft und die Schwierigkeiten des Jungseins.

Von

Universal Pictures

Im Überschwang des Gefühls glaubt jeder gerne, dass er oder sie alles für die Liebe tun würde. Problematisch ist nur, wenn genau dies tatsächlich gefordert wird. Scott Pilgrim jedenfalls weiß um den hohen Preis der Leidenschaft, schließlich muss er sich für ein Date schon mal mit dem halben Universum anlegen.

Als linkischer Held der gleichnamigen Comicreihe von Bryan Lee O'Malley hat der Slacker aus Toronto seit 2004 eine stetig wachsende Fangemeinde begeistert. Doch mit dem sechsten und letzten Band "Scott Pilgrim's Finest Hour" endete in diesem Sommer O'Malleys kanadischer Bildungsbilderroman im Taschenformat. Der Abschied fiel schwer, war dieser unkonventionelle Independent-Comic doch eines der erfrischendsten Pop-Phänomene der letzten Jahre. Zum großen Finale kommt nun die Kinoadaption von Regisseur Edgar Wright ("Shaun of the Dead", "Hot Fuzz").

Im Vorfeld stand die bange Frage, ob sich die bewusste Lo-Fi-Ästhetik der Vorlage überhaupt mit der großen Leinwand verträgt: O'Malleys schwarzweiße Panels bestechen durch einen - nur auf den ersten Blick naiven - Zeichenstil, der japanischen Manga ebenso wie europäische Ligne Claire und die Videospielästhetik der 1980er zitiert. Mit minimalistischer Niedlichkeit erzielt O' Malley dabei den maximalen dramatischen Effekt, was die Filmemacher vor die Herausforderung stellte, mit den ungleich spektakuläreren Möglichkeiten ihres Mediums dennoch den eigensinnigen Charakter des Comics zu wahren.

Aber schon mit dem liebevoll auf 8-Bit-Grafik runtergepixelten Universal-Logo im Vorspann ist klar, dass diese Transferleistung fulminant gelungen ist: Sicher, "Scott Pilgrim" erstrahlt nun in den buntesten Farben, bombardiert laut und munter die Sinne seines Publikums und rast mit der Geschwindigkeit eines hibbeligen Daumenkinos durch die Szenen. Doch das wesentliche Verständnis für die Figuren und ihre Welt ist unverändert präsent, auch weil Edgar Wright genau begriffen hat, dass er nicht nur eine Geschichte, sondern auch ihren besonderen Gestus vermitteln muss.

Das Ego bleibt der schwerste Endgegner

So treiben Verve, Witz und tief empfundene Empathie, welche schon die Bücher zu Kleinoden unter den Graphic Novels machten, den hochtourigen Film voran. Was bei einem chronisch antriebslosen Protagonisten wie Scott Pilgrim (Michael Cera) eine beachtliche Leistung ist: Von Haus aus eher Hänger als Held, teilt sich der 23-jährige mit seinem schwulen Kumpel Wallace (Kieran Culkin) ein winziges Einzimmerapartment und - rein platonisch - auch das einzige Bett darin.

Wenn er den Tag mal nicht komplett verschläft, spielt Scott den Bass in der Band "Sex Bob-Omb". Mit Gitarrist Stephen "The Talent" Stills (Mark Webber) und der lakonischen Drummerin Kim Pine (Allison Pill) verbindet ihn eine langjährige Freundschaft, obwohl oder gerade weil beide angesichts von Scotts Lebenswandel verzweifeln.

Aktuellen Anlass zur Aufregung bietet seine - immerhin keusche - Beziehung zur 17-jährigen Schülerin Knives Chau (Ellen Wong). Doch noch bevor sich der Bekanntenkreis weiter empören kann, entdeckt Scott auf einer Party die Amerikanerin Ramona V. Flowers (Mary Elizabeth Winstead). Von diesem Moment an gibt es für den sonst so konfliktscheuen Loser nur noch ein Ziel: Er muss dieses geheimnisvolle "Ninja Delivery Girl" aus New York kennen lernen, das als Rollschuhkurier durch die Stadt und seine Träume rast.

Seine rührende Beharrlichkeit bringt Scott schließlich eine Verabredung mit der anfangs gar nicht begeisterten Ramona ein. Doch mit dem ersten zaghaften Kuss droht das fragile Glück gleich wieder zu zerbrechen, denn seine Traumfrau hat gefährliche Altlasten aus ihrer Vergangenheit im Gepäck: Sieben rachsüchtige Verflossene, die "Evil-Exes", welche mit allerhand Superkräften ausgestattet gegen den arglosen Scott vorgehen. Allein wenn er die bizarren Duelle mit ihnen siegreich überlebt, darf er sich Hoffnungen auf eine Zukunft mit Ramona machen.

Die fulminanten Showdowns zwischen Scott und Ramonas Ex-Partnern geben den Handlungsbogen vor und folgen der knalligen Dramaturgie eines Old-School-Computerspiels. Level um Level kickt und boxt sich die Konsolen-geschulte Couchkartoffel Scott vorwärts. Nach und nach muss er jedoch erkennen, dass sein schwierigster Endgegner das eigene, defizitäre Ego bleibt.

Level um Level für die Liebe

Denn es ist die dramatische Herzensbildung seines Helden, von der "Scott Pilgrim" so beredt erzählt. Darum sind die phantasievoll realisierten Kampfsequenzen, die ganz beiläufig einige der besten, weil völlig ungehemmten Umsetzungen von Comicästhetik im Kino bieten, beileibe nicht die hervorragendste Qualität des Films. Sondern die Detailfreude in der Zeichnung von Figuren und Lebensgefühl, welche trotz unvermeidlichen Verzichts auf einige der schönsten Nebenepisoden der Vorlage geblieben ist.

Edgar Wright und sein Co-Autor Michael Bacall haben sich hierfür O' Malleys Gespür für Ort und Sprache zu eigen gemacht: So ist Toronto keine bloße Kulisse, vielmehr haben Scott und seine Freunde ein symbiotisches Verhältnis zur Metropole am Lake Ontario. Ihre Erfahrungen sind eng verwoben mit den Besonderheiten der Stadt, signifikanten Plätzen, Straßen sowie realexistenten Geschäften und Clubs. Die pointierten, ohnehin filmreifen Dialoge des Comics finden sich ebenfalls wieder, und mit viel Hingabe wurden die Songs der fiktiven Bands im Pilgrim-Kosmos von berufenen Musikern wie Beck, Broken Social Scene und Metric vertont.

Dazu kommt eine durchgängige Idealbesetzung, allen voran Michael Cera in der Formvollendung seines Rollentypus. Der offensichtliche Enthusiasmus aller Beteiligten überträgt sich auf die Zuschauer, insofern sie nicht dem fatalen Irrtum unterliegen, dies alles sei lediglich Kinderkram. Denn bei aller schwindeligen Exaltiertheit hat "Scott Pilgrim" mehr über Liebe, Freundschaft und die Widrigkeiten des Jungseins zu sagen als die meisten ausgewachsenen Melodramen. Er sagt es nur schneller und lauter, denn sein Himmel hängt voller Gitarren statt Geigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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Tony 22.10.2010
1. Danke spon...
...das Ihr nicht zu viel gespoilert habt, bin grade am 5. Teil... Wusste, bis vor einem Monat, gar nichts davon. Mein Roommate (nicht schwul, getrennte Betten, lol) hatte sich alle sechs Bände bestellt. Und ich muß sagen, echt Super !! Hatte als letztes, vor ca. 10 Jahren, die Dragonball Comics durchgelesen, was (auch in der deutschen Version) etwas ungewohnt war, weil von rechts nach links gelesen wird. Diesmal war es in englisch, wobei auch Begriffe vorkommen die ich nur bei urban dictionary ausfindig machen konnte. Schreibe mir die Begriffe in ein Vokabelheft, wie früher in der Schule, nur freiwillig^^. Schaue auch viele Serien nur noch im Original-Ton, so das die syncro., bald, für mich obsulet wird. Hätte ich als gelernter Schlosser, mit Hauptschulabschluß, vor 15 Jahren, nicht gedacht... ----------------------- Internet ist geil !!
gekko88 22.10.2010
2. "Getting a life"
Nachdem ich viele Trailer auf Youtube gesehen und mir bereits Xbox-Spiel sowie Soundtrack zugelegt habe, kann ich es kaum erwarten Scott Pilgrim auf der Leinwand zu sehen. Leider würde ich ihn viel viel lieber im Originalton sehen, aber dafür werde ich wohl auf die DVD-Fassung warten müssen.
drtek 22.10.2010
3. Awesome!
Ich habe den Film in den USA auf der großen Leinwand im Originalton gesehen und ich muss sagen: WOW! Ich kannte vorher werder Comics noch Spiel aber so ein Feuerwerk wurde selten gezündet. Der Soundtrack ist auch ne tolle Nummer. Ansehen, in Originalversion!
antabakaet 22.10.2010
4. OmU
Sollte man wirklich im englischen Original sehen. Wortwitz geht in der Syncro doch leider meistens verloren.
DarkSpir 22.10.2010
5. We are Sex Bob-omb...
...and we're making you think about death and get sad and stuff! Comic hab ich durch (bis auf den letzten Band, der macht in meinem Freundeskreis gerade die Runde und ich hoffe, er findet seinen Weg noch zu mir), Soundtrack hör ich hoch und runter (Thank you. Our next song is called "I hate you, please die") und ansonsten hoffe ich händeringend auf die Gelegenheit, mir den Film im Original anzusehen. Deutsche Syncro... nee, tut mir leid. Da gibt es einige Sachen, die sich nicht übersetzen lassen und die dann einfach verloren gehen. Ausserdem ist mein Englisch gut genug dafür (Gott, ich hab den Comic auf englisch gelesen, das sollte nun wirklich reichen).
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