Comic-Verfilmung "The Spirit" Der Geist, den keiner rief

Comic-Legende verfilmt Comic-Legende – und scheitert kläglich: In seinem Regie-Debüt verwandelt der gefeierte Autor und Zeichner Frank Miller den unsterblichen "Spirit" Will Eisners in einen visuell beeindruckenden, aber letztlich seelenlosen Langweiler.

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Comics und Filme haben viel gemeinsam, denn beides sind Gemeinschaftsprojekte. Mag der Leinwand-Auteur noch so inspiriert sein: Um sein geistreiches Stück Film zum Laufen zu bringen, kann und muss er auf kompetente Hilfe zurückgreifen, ob vom Drehbuchautor, Kameramann oder Schauspieler. Und auch der Comic-Autor wird nicht viel zu Papier bringen, wenn er zeichnerisch unbegabt ist: Erst durch den Zeichner, den Tuscher und den Letterer erwachen seine Geschichten zum Leben.

Untoter Gangsterjäger: Comic-Held The Spirit (Gabriel Macht)
Sony Pictures

Untoter Gangsterjäger: Comic-Held The Spirit (Gabriel Macht)

Frank Miller ist innerhalb seines Genres in der glücklichen Lage, autark arbeiten zu können: Seine oft grimmigen Geschichten gehören zum Besten, was der Comic-Szene in den letzten 30 Jahren widerfahren ist; und wenn Miller selbst zur Tusche greift, entstehen schwarzhumorige, grafisch radikale Klassiker wie "Sin City", eine siebenbändige Hommage an den Film Noir, an harte, muskelbepackte Kerle mit kehligen Stimmen und blonde, großbusige Bombshells, die ihnen den Kopf verdrehen und ständig Ärger machen.

Frank Miller, Held jedes Comic-Liebhabers, ist selbst ein glühender Kinofan, so war es nur folgerichtig, dass Regisseur Robert Rodriguez Miller als Drehbuchautor ins Boot holte, als er vor vier Jahren "Sin City" verfilmte. Ein kluger Schachzug, denn die Geschichte sollte ihre echte Stimme, ihren originären "Edge" behalten. Das stilisierte, in scharfem Schwarzweiß und seltenem, aber sehr tiefem Rot gefilmte Genrewerk gehört zu den visuell interessantesten Comic-Verfilmungen überhaupt und ist nebenbei ein schockierend brutaler Hard-Boiled-Krimi mit viel schrägem Witz.

"The Spirit", der diese Woche in deutschen Kinos anläuft, bedient sich derselben ästhetischen Zutaten, nur dass Frank Miller diesmal auf die Hilfe eines erfahrenen Filmemachers verzichtete und sich selbst in den Regiestuhl setzte. Eine fatale Entscheidung, denn Millers im Alleingang angefertigte Adaption des legendären Zeitungs-Strips "The Spirit" ist eine Totgeburt, die zwar bunter und burlesker als "Sin City" ist, neben dem in jeder Beziehung kontrastreichen Rodriguez-Film jedoch blass und blutleer wirkt.

Das passt immerhin zur Hauptfigur, denn der Polizist Denny Colt, hier verkörpert von Gabriel Macht, ist ein veritabler Untoter. Durch mysteriöse Umstände entsteigt der kaltblütig Ermordete seinem Grab und beschließt nach der ersten Verwirrung, dass ihm eigentlich nichts Besseres hätte passieren können – und der Unterwelt nichts Schlimmeres. Colt pappt sich, Meisterwerk des Understatements, eine schmale Maske Marke Panzerknacker über die Augen, zieht den Fedora ein bisschen tiefer in die Stirn und geht als Spirit, als Geist, auf Gangsterjagd.

Klingt toll? Natürlich. Die 1949 erstmals veröffentlichen Spirit-Strips vom Urvater des Erwachsenen-Comics, Will Eisner, strotzten vor lakonischem Witz und wildem Draufgängertum, enthielten bei aller makaberen Handlung und überzeichneten Gewalt aber immer auch einen für Eisner typischen Humanismus, eine Schwäche für Allzumenschliches, die der 2005 verstorbene Altmeister später in preisgekrönten Graphic Novels wie "Ein Vertrag mit Gott" ausformulierte. Viele der gebrochenen Superheldenfiguren im modernen amerikanischen Comic gehen auf Eisner und seinen "Spirit" zurück, darunter auch die für ihre Düsternis gefeierten Batman-Geschichten Frank Millers, der, so schließt sich der Kreis, ein großer Bewunderer und Vertrauter Eisners war.

In Millers Leinwand-Version des "Spirit" erkennt der frisch dem Friedhof entronnene Colt bald, dass seine wundersame Auferstehung etwas mit den frankensteinartigen Experimenten des Superschurken Octopus (Samuel L. Jackson) zu tun haben könnte. Doch ehe überhaupt nur ein Quentchen Spannung und Atmosphäre aufkommen könnte, quasselt sich der Film mit sinnlosen, viel zu langen und leider sehr uninspirierten Dialogen in eine Agonie, aus der der Zuschauer erst nach zähen 110 Minuten entlassen wird. Miller mag ein Maestro sein, wenn es darum geht, Bewegungen und Kinetik im Comic zwischen die Frames eines Panels zu bannen; als Regisseur realer Bewegungsabläufe lässt er jegliches Gefühl für Rhythmus vermissen.

Dabei hätte es so viel gegeben, was man genüsslich auf der Leinwand hätte zelebrieren können: Eine ganze Armada wunderschöner Frauen rekrutierte Miller um den blassen und ewig maskierten und im Schatten agierenden Spirit herum, allen voran Hollywoods neues Sex-Symbol Eva Mendes als Colts verflossene Jugendliebe Sand Saref, die einen sehr unterhaltsamen Juwelentick hat und sich in einer köstlichen Szene mit ihrem Allerwertesten auf einem Kopiergerät niederlässt, um ihr Gesäß ablichten zu lassen.

Oder Scarlett Johansson, die als sadomasochistisch veranlagte Octopus-Gehilfin Silken Floss allerlei erotische Verkleidungen anlegen darf, bis hin zur unausweichlichen Nazi-Uniform in einer haarsträubend absurden Szene, in der Colt von einem SS-Octopus vor Hakenkreuzbannern gefoltert wird. All das hätte grandiose Komödie, mindestens aber Camp erster Güte sein können, ein Fest für all die Geeks und Nerds, die Comics und grelles Überzeichnen lieben. Alle Beteiligten, bis auf den tatsächlich leblosen Gabriel Macht, holen aus ihren Rollen alles heraus, insbesondere Samuel Jackson, der seinen Octopus vielleicht sogar zu sehr in die Karikatur überdreht.

Das tut dem durch seine stilisierte Ästhetik ohnehin künstlich und steril wirkendem Film nicht gut, denn weder gelingt es dem Titelhelden, der Geschichte die Abgründigkeit des Originals zu verleihen, noch dem völlig überforderten Regisseur selbst, der in einer kleinen, äußerst kurzlebigen Nebenrolle in Erscheinung tritt. So bleibt von einer Unternehmung, die als verwegen und mutig galt, kaum mehr als Gähnen und Ärger ob der verpassten Chancen und Gelegenheiten, die der Stoff geboten hätte, wäre Miller nicht auf einen Egotrip gegangen.

Einige von Frank Millers besten Comics, darunter die von Klaus Janson getuschte "Daredevil"-Reihe, die ihn berühmt machte sowie das von seiner Ehefrau Lynn Varley kongenial kolorierte Schlachtenepos "300", das 2006 von Zack Snyder verfilmt wurde, waren übrigens keine künstlerischen Soli, sondern gemeinschaftliche Anstrengungen, die allesamt zu großen Erfolgen wurden. "The Spirit", der in den USA etwas verschämt um Weihnachten herum anlief, hat dort bisher nur magere 20 Millionen Dollar umgesetzt. Ob sich dafür die Exhumierung einer Legende gelohnt hat?



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